Als Beyoncé dieses Jahr bei den MTV Video Music Awards vor der Videowand mit dem Wort Feminist stand, während die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus dem Off die Definition von Feminismus zitierte, sahen und hörten das sehr viele Menschen jeden Geschlechts. Wie viele genau, lässt sich natürlich nicht sagen, aber man darf mutmaßen, die Zuhörerzahl war größer als bei der jüngsten Vorlesung der Philosophin Judith Butler. Ist das nun schlimm? Ist das eine dadurch wichtiger als das andere, oder gar: richtiger?

Natürlich nicht. Vielmehr zeigen diese Beispiele sehr schön, dass es verschiedene Herangehensweisen an Feminismus gibt – glücklicherweise. Die spielerische oder künstlerische Auseinandersetzung erreicht Menschen, genauso wie die auf akademischer Ebene. Ob Butler oder Beyoncé, beide tragen dazu bei, den Feminismus auf ihre Weise inhaltlich voranzutreiben und Menschen näher zu bringen, die eine vorwiegend in Songzeilen auf einer Riesenbühne, die andere in theoretisch anspruchsvollen Vorträgen und akademisch voraussetzungsreichen Büchern.

Die Mittel sind verschieden, und ja, oft genug auch die Inhalte. Aber warum wird immer wieder aufs Neue das Eine gegen das Andere ausgespielt? Ich verstehe es einfach nicht. Nun ist innerfeministische Kritik natürlich gut und wichtig, aber sie sollte eben vor allem auf inhaltlicher Ebene geschehen.

Jedes Mal, wenn wir stattdessen den Fokus auf die alte, falsche Meta-Diskussion richten, verschenken wir Raum für die wirklich wichtigen Themen: die Armutsgefahr von Alleinerziehenden zum Beispiel, die vor dem Aus stehende Geburtshilfe, die Diskriminierung von Regenbogenfamilien, Aufklärung über Mythen zu sexueller Gewalt oder zu Geschlechterstereotypen, die sich negativ auf Mädchen und Jungen auswirken. Ebenso wenig geht es dann wieder mal um Morddrohungen denen feministische Aktivistinnen und Geschlechterforscher_innen im Netz ausgesetzt sind – und es wird auch nicht über das Klima des vermeintlichen "Genderwahns" gesprochen, das an jeder Ecke geschürt wird und diese Drohungen begünstigt.

Vollzeit-Feminismus-CEO?

Und doch sind wir in der deutschen Feminismus-Debatte aktuell (wieder einmal) an einem Punkt angekommen, wo so getan wird, als gäbe es nur eine echte Herangehensweise in Sachen Feminismus, verkörpert von der Einen, Wahren, der Person, die alle unter sich vereinen kann: Deutschland sucht die Super-Feministin, die x-te Staffel. Angestoßen hat den Relaunch dieses Mal die Journalistin Hannah Lühmann, die ihre Kritik in erster Linie auf den angeblich humorlosen Netzfeminismus, namentlich auch an mich richtet.

Nun, Lühmanns Sehnsucht nach der intellektuellen Führungsfigur kann ich tatsächlich nicht teilen. Vielmehr sehe ich, dass in den vergangenen Jahren der Feminismus in Deutschland endlich begonnen hat, mit den vielfältigen Perspektiven sichtbar zu werden, die er im Grunde längst hat. Der sogenannte Netzfeminismus hat hier den Anfang bereits gemacht. Netzfeminismus steht für eine heterogene Gruppe, die keine einheitliche Auffassung von Feminismus vertritt, aber doch einen gemeinsamen Diskussionsraum nutzt – mit dem Ziel, über das Netz und die Debatten hinaus gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und zu bewirken. Durch eigene Aktivität, die in vielen Fällen auch mitnichten aufs Netz beschränkt bleibt, wenn zum Beispiel Vorträge gehalten oder Diskussionsrunden veranstaltet werden.

Wer also, wie Hannah Lühmann, alle Menschen in einen Topf wirft, die das Internet als Medium für ihr feministisches Engagement nutzen, und so tut, als wäre dieses losgelöst von der Offline-Welt, geht an einer längst existierenden Realität völlig vorbei. Und wer, wie Antonia Baum zuletzt in der FAS, die Maßstäbe einer Vollzeit-"Feminismus-CEO" an Aktivistinnen anlegt, die nahezu jeden Tag ihr Herzblut in Projekte pumpen, die sie zwar viel Zeit kosten, aber keinerlei finanzielle Absicherung bringen, hat sich offenbar noch nie mit der Geschichte des (internationalen) feministischen Aktivismus auseinandergesetzt.

Lachen? Wohl kaum

Es war eben schon immer einfacher, denjenigen, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, zu sagen, sie täten es auf die falsche Weise, als den Blick auf diejenigen zu richten, die sich dem Wandel bewusst in den Weg stellen. Unsere Gesellschaft braucht aber keinen reinen feministischen Debattierclub, sondern in erster Linie eine Veränderung von Machtverhältnissen und die Auflösung diskriminierender Strukturen.

Ein ziemlich alter Hut ist Lühmanns Forderung, Feminist_innen (worunter sie offenbar ausschließlich Frauen versteht) sollten ihre Kritik doch einfach mit einem Lächeln und Scherz auf den Lippen präsentieren, zwecks besserer Erfolgsaussichten. Ein Argument, das man bestens aus der antifeministischen Ecke kennt. Warum sich Lühmann ausgerechnet dieses Klischee zu eigen macht? Ich weiß es nicht. Schleierhaft ist mir auch, warum sie gleich dem ganzen Netzfeminismus komplette Humorlosigkeit attestiert, nur weil sie den Humor meines Buchs nicht teilt.

Mal von Pauschalisierungen abgesehen: Woher kommt eigentlich die bei keiner anderen ernsthaften Debatte anzutreffende Erwartungshaltung, dass es bei feministischen Themen nun ausgerechnet besonders humorvoll zuzugehen habe? Sollte es nicht erlaubt sein, über Ungerechtigkeiten auch mal wütend zu sein? Auf diese Weise wurden uns schließlich unter anderem das Frauenwahlrecht und mehr sexuelle Selbstbestimmung beschert – dass sich diese Themen nicht immer in leicht verdauliche Schenkelklopfer verpacken lassen, liegt in der Natur der Sache. So öffnet zum Beispiel der Tod von Tuğçe A. Raum für eine Diskussion darüber, wie Alltagssexismus im öffentlichen Raum leider auch aussehen kann. Hier sind Wut und Trauer absolut angemessene Reaktionen. Lachen? Wohl kaum.

Das Private ist politisch

Die argumentative Nebelkerze um vermeintlich fehlenden oder falschen Humor lenkt jedenfalls wieder erfolgreich vom Diskurs über gesellschaftliche Veränderungen ab und sucht die Schuld dafür beim Feminismus, der es wieder mal nicht auf die Reihe bekomme, alle an Bord zu holen. Feminismus ist aber kein Produkt, das einfach nur eine bessere Werbestrategie benötigt. Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe oder ihres sozialen Status – mit Respekt zu behandeln und ihnen dieselben Chancen zu ermöglichen, das ist als erstrebter gesellschaftlicher Zustand bereits attraktiv genug. Die typischen Abwehrreaktionen gegenüber Feminismus und dem Aufbrechen von Machtstrukturen sind allerdings nicht nur alt, sondern wiederum schon von vielen Intellektuellen analysiert worden. Hier hat die Feminismus-Debatte leider regelmäßig einen blinden Fleck und übt sich lieber in Geschichtsvergessenheit.

Lühmann kennt nur "diskursreflektierte Jungs" die alle für die Frauenquote sind und "die sicher Lust hätten, für Lohngleichheit auf die Straße zu gehen", würde man sie nur begeistern. Warum das den Netzfeministinnen nicht gelänge, möchte sie wissen.

Nun, ich kann diese Frage nur zurückgeben: Warum hat Lühmann es noch nicht geschafft, ihre Jungs zu einem Protest zu inspirieren? Oder warum sind die Jungs noch nicht selbst auf diese Idee gekommen, wenn angeblich so viel Konsens besteht? Der Teil des Aktivwerdens ist jedenfalls nicht nur auf Aktivist_innen beschränkt, denn es gilt immer noch: Das Private ist politisch.

Der eigene Tellerrand ist kein Maßstab

Was Hannah Lühmann doch eigentlich selbst weiß: Es ist eben nicht als repräsentativ zu sehen, wenn der eigene Freundeskreis, wie sie argumentiert, "durchgegendert und diskursreflektiert" ist. Würde ich von meinem Freundeskreis ausgehen, gäbe es auch keine rassistischen Pegida-Anhänger_innen oder Menschen, die Homosexuellen grundlegende Rechte absprechen. Der eigene Tellerrand als einziger Maßstab ist daher wenig sinnvoll.

Und doch zeigen solche Angriffe auf den Feminismus immer wieder Wirkung, die vielleicht gar nicht gewünscht ist. Ironischerweise waren es genau Meinungen wie die von Hannah Lühmann, von der ich persönlich mich viel zu lange abhalten ließ, mich für Feminismus zu interessieren, geschweige denn mich als Feministin zu identifizieren. Erst als ich im Netz auf Menschen stieß, die nicht erst den ganzen Theorie-Kanon abverlangen, den sie im Gender-Seminar lernten (und andere eben nicht), fand ich Spaß daran, mich einzubringen, bis ich mich schließlich selbst als Feministin verorten konnte.

Das ist auch exakt der Grund, weshalb ich eben kein Buch für Leute geschrieben habe, die rund um Feminismus und Gender schon alles zu wissen meinen, sondern für jene, die einen ersten Einblick suchen, weil sie merken, diese Themen sind relevant für ihr Leben. Dass mein Buch im Ton also nicht auf einem akademischen Level ansetzt, um Feminismustheorie rund um Kimberlé Crenshaw oder bell hooks zu vermitteln, ist eine bewusste Entscheidung für Zugänglichkeit – und keine Verweigerung von Intellektualität. Wer Beispiele aus der Popkultur unreflektiert als "zu nerdig" abtut, verschenkt deren große Anschlussfähigkeit für feministische Inhalte. 

Eine ungenutzte Chance

Die Möglichkeit der schnellen und leichten Vernetzung über das Internet als zentrale Errungenschaft unserer Zeit ist insbesondere für feministischen Aktivismus ein Geschenk. Mit Social Media und Blogs machen wir in anderer Form, was Feuilletonist_innen schon immer tun: Wir nutzen unsere Stimmen, kommentieren aktuelles Geschehen, diskutieren. Trotzdem sind wir in sozialen Netzwerken nicht 24 Stunden am Tag als Aktivist_innen unterwegs, sondern auch als Freund_innen, Bekannte, Kolleg_innen und reine Netz-Bekanntschaften – und ja, wir machen da sicher auch mal Witze, die nicht alle verstehen.

So wie sich Journalist_innen auf Twitter unter Kolleg_innen unterhalten, tun das Feminist_innen – und auch hier gibt es schließlich Schnittmengen. Dass Hannah Lühmann sozialen Netzwerken ausgerechnet das Netzwerken vorwirft und als banale Selbstbezüglichkeit abtut, zeigt vielleicht nur, dass sie bislang die Chance ungenutzt gelassen hat, die dort geführten Diskussionen mitzuprägen. Anders als klassische Diskursräume sind diese Plattformen offen für alle – wie viel  "Selbstbezüglichkeit" sich darin ausprägt, hängt eben auch von denen ab, die bislang lieber draußen stehen. Es ergeht herzliche Einladung reinzukommen!

Wenn Hannah Lühmann meinen Humor nicht mag, kann ich jedenfalls sehr gut damit leben. Sie ja vielleicht auch irgendwann. Und wenn es so weit ist, können wir auch gerne mal bei einem Getränk über feministische Inhalte reden. Bei einem Tee, bei einem Bier oder bei etwas ganz anderem – so wie es eben für jede passt.

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien, Initiatorin des Hashtags #aufschrei und Gründerin des Gemeinschaftsblogs kleinerdrei.org. Im September 2014 erschien ihr erstes Buch Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute im Fischer Verlag.

Erklärung zum Gender Gap: Der im Text benutzte Unterstrich, ist der sogenannte Gender Gap. Er schließt – im Gegensatz zum vielleicht bekannten Binnen-I – nicht nur männliche oder weibliche Personen ein, sondern bietet durch diese Lücke auch Raum, um geschlechtliche Identitäten zwischen und jenseits von männlich oder weiblich einzubeziehen.