Der Feminismus soll als ernsthaftes, gesellschaftliches Anliegen anerkannt werden, damit er in Zukunft vielleicht einmal obsolet wird. Aber so, wie er sich zur Zeit vor allem im Internet präsentiert, könne das nicht klappen, schrieb Hannah Lühmann vergangenen Freitag auf ZEIT ONLINE. Die Party, die der Feminismus da feiere, sei nicht die ihre.

Lühmann wünscht sich einen witzigen, coolen und selbstkritischen Feminismus. Die Clique, die ihn medienwirksam betreibt, scheine aber nur aus humorlosen Nerds zu bestehen, die es wahnsinnig komisch finden, sich in Superheldenkostümen gegenseitig mit Tampons zu bewerfen.

Folgt man Lühmanns Argumentation, stellen sich also diese Fragen: Wo sind sie nur, die Feministinnen, die süffisant und nonchalant über Judith Butler, den Existenzialismus und die wirklich wichtigen Dinge verhandeln? Wo steckt der Feminismus, den jedes Feuilleton mit offenen Armen empfinge, sodass selbst Harald Martenstein nichts mehr zu bemängeln hätte?

Und obwohl Lühmanns Essay nicht polemisch ist, sondern einem echten Unwohlsein Ausdruck gibt, obwohl er einige Phänomene zu Recht kritisiert, stecken in seiner Argumentation drei grundsätzliche Fehler. Weil sie erstens eine ganze Bewegung auf einige ihrer Erscheinungsformen reduziert und ihr damit Unrecht tut. Weil sie zweitens dem Feminismus überheblich etwas vorwirft, was ihn gar nicht allein betrifft. Und weil sie drittens der Illusion erliegt, jede Idee ließe sich verkaufen, wenn sie nur hübsch genug verpackt wäre.

Vermessene Argumentation

Den zeitgenössischen Feminismus auf Netzfeminismus und solche populären Spielarten wie Katzenmemes und Comics zu reduzieren, ist ziemlich vermessen. Ungefähr so, als würde man aus einem Bücherregal, in dem sich Bände von Habermas und einigen Literaturnobelpreisträgern befinden, einzig einen Arztroman aus der unteren Ecke ziehen, weil die Buchrücken da so auffällig rosa sind, um dann zu behaupten, der Besitzer der Bücher habe einen schlechten Geschmack.

"Natürlich kann der Maßstab von Intellektualität nicht das sein, was über Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende größtenteils von Männern gedacht und produziert wurde. Wer etwas in der Geschlechterpolitik ändern will, kann nicht klingen wie Jürgen Habermas", schreibt Lühmann und will damit sagen, dass feuilletontauglicher Feminismus natürlich nicht wie ein philosophisches Traktat daher kommen sollte, kluge Autor*innen durch die Kindergeburtstagsstimmung in den einschlägigen Foren und Publikationen aber wohl verprellt würden, sich in ernstzunehmenden Medien zum Thema zu äußern. Sicherlich finden sich auf feministischen Blogs und in Zeitschriften auch Kitsch, geistlose Affirmation. Das ist aber nicht alles. Die Mädchenmannschaft, die feminist geeks, dieStandard.at und andere veröffentlichen kluge Analysen. Auf ZEIT ONLINE hat sich Robin Detje vor Kurzem ganz unprätentiös zu #Ulfharaldjanmatthias geäußert. Der Freitag hat eine eigene Genderseite. Und Theoretikerinnen wie Judith Butler, Angela Davis oder Donna Haraway gehören natürlich immer noch zum zeitgenössischen Feminismus, auch wenn sie schon älter sind und eben im akademischen Feld unterwegs.

Ziemlich eng verknüpft mit dieser Selektivität ist das zweite Problem in Lühmanns Argumentation, die dem Netzfeminismus seine humorlosen Kleinlichkeiten, beleidigten Reaktionen, lila Glitzer-Gifs und Ekelthemen zum Vorwurf macht: Das ganze Netz ist voll von diesen Dingen, aber der Feminismus solle sich also davon fern halten, weil er sonst nicht ernst genommen werde. Gleiches gilt für Zeitschriften wie das Missy Magazine: Neon oder Psychologie heute haben auch keine klügeren Inhalte.