Auschwitz wurde, wie es im allgemeinen Redegebrauch heißt, vor 70 Jahren "befreit". Natürlich wurde nicht Auschwitz befreit, sondern die inhaftierten Überlebenden. Was Befreiung konkret bedeutet, kann man sehr gut in Reportagen und Dokumentationen verfolgen. Auf die physische Befreiung aus einem Konzentrationslager folgt der lebenslange Versuch der psychischen Befreiung. Offenbar scheint die Erniedrigung eines Menschen, ganz gleich, wie lange sie zurückliegt, lebenslang zu wirken. Das akute Martyrium der Überlebenden war mit ihrer Befreiung vielleicht beendet. Aber das Trauma ist die Fortführung einer Gefangenschaft, die nicht mehr politisch, sondern emotional verursacht wird. Überleben ist eben etwas grundlegend anderes als weiterleben. 

Beides, die Erinnernden und die Erinnerungen, sind Bestandteil unseres politischen Lebens. Nicht alle Menschen scheinen sich darüber so klar zu sein, weil die erzählenden Menschen so privat wirken. Weil das, was sie beschreiben, Angst, Schmerz, Hunger, Verlust, so intim wirkt. Weil ihre Gefühle persönlich sind. Aber die Verfolgung und die Vernichtung der Juden wurden politisch begründet und staatlich organisiert. Insofern ist es folgerichtig, dass die Erinnerung an die Judenvernichtung und der Umgang mit Überlebenden politisch begründet und staatlich organisiert werden muss. 

Das Gedenken an Auschwitz (als Stellvertreter für alle Konzentrationslager) wird neben anderen politischen Leitplanken, wie beispielsweise Sicherheit und ein stabiler Staatshaushalt, zur Staatsräson. Die Staatsräson definiert die Handlungsmotive der Regierung und priorisiert ihre Maxime. Diese Woche steht Auschwitz in der Rangordnung sehr weit oben, in anderen Wochen rutscht sie wieder herunter. Das Leugnen des Holocaust als Straftatbestand zeigt aber wie wichtig Auschwitz für den deutschen Staat ist. Noch ist das so.  

In der gestrigen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren hielt Bundespräsident Joachim Gauck im Bundestag eine Rede, in der er sagte: 

Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. 

Nun wissen wir, dass nichts die Deutschen so sehr in Aufruhr bringt, wie nationale Identitätszuschreibungen. Das erleben wir seit einigen Jahren, dass der erfolglose Versuch unternommen wird, das Deutsche, die Deutschen, Deutschland mit Attributen und Werten auszuschmücken. Und immer klingt es auch ein wenig wie eine Verordnung. Dabei sprach der Bundespräsident, wie er es in Reden stets handhabt, in erster Linie von sich, um dann auf andere abzuleiten. So sagte er angesichts der Deportationen auch, dass nichts und niemand und "keine Deutung des schrecklichen Kulturbruchs" imstande wären, sein Herz und seinen Verstand zur Ruhe zu bringen. 

Auf der Tribüne des Bundestags saßen Auschwitz-Überlebende. Insofern richtet sich alles Reden, Schreiben, lautes Nachdenken und Gedenken gleichermaßen an die Überlebenden und die Nachfahren. Dass für einen jüdischen Deutschen Auschwitz zu seiner Identität gehört, ist ja klar. Neben vielen anderen Identitäten auch. Ein jeder ist auch Tochter und Sohn, Gärtner oder Liebender, aber eben auch ein Verfolgter. Doch in dem Satz steckt auch eine Botschaft an jene, die so selbstverständlich in den aktuellen Debatten dieser Tage bestimmen wollen, wer oder was die deutsche Nation sei und wer zu ihr gehöre.

Gaucks Ansicht zur deutschen Identität richtet sich ganz bestimmt auch an jene, die so leichtzüngig die "christlich-jüdische Tradition" in Deutschland behaupten. Dabei kann man schon fragen, wie es möglich ist, dass so schamlos und selbstverständlich eine gemeinsame christlich-jüdische Kultur- und Wertegemeinschaft heraufbeschworen wird – ohne dass sich mal jemand traute, zu spekulieren, ob die deutschen Juden auch ohne Auschwitz eines Tages so selbstverständlich zu Deutschland hätten gehören dürfen.

Nun hat es der Bundespräsident getan und sprach aber auch von Scham und Mitgefühl, moralischer Bürde, ja sogar von Schuld. Und so bleibt es der Sensibilität und der Gedächtnisleistung eines jeden deutschen Staatsbürgers überlassen, was für ihn persönlich zutrifft. Auch wenn es die deutsche Sprache in Bezug auf Gedenksteine durch den Gebrauch von Imperativen suggeriert – Denkmal! Mahnmal! – sämtliche Appelle an das Verantwortungsbewusstsein oder der Versuch einer Identitätszuschreibung werden nicht gelingen. Man kann einem Menschen nicht verordnen zu fühlen, was er ohne Mahnung zu fühlen und handeln auch nicht imstande war.