Wer halbwegs hip aussehen möchte, hat es heute sehr leicht. Vor sechs, sieben Jahren musste man als junger pubertierender Mensch noch notgedrungen zwischen H&M und Zara wählen oder unter großem Rechercheaufwand den kleinen Laden für enge skandinavische Hosen ausfindig machen. Verstanden hat das damals kaum jemand, unbehelligt konnte man so durch Berlin-Neukölln jedenfalls kaum laufen. In Sachsen-Anhalt, das sagte neulich ein Freund, war es noch schlimmer. Dort gilt ja nach wie vor die Regel, dass Männer nicht zu gut aussehen dürfen. Also nicht auf eine französische, britische oder schwedische Art.

Mit dem Concept Store ist das Hipsein deutlich einfacher geworden und gleichzeitig unglaublich kompliziert. Berlin, Hamburg und München waren die ersten deutschen Städte mit solchen Läden. Auch in Bangkok gibt es Concept Stores. Die Angestellten kichern, machen einem Komplimente und sind sehr nett. In Berliner Concept Stores kichert niemand. Mittlerweile finden sich auch welche in Stuttgart oder Dortmund. Concept Stores sind nicht gleich Concept Stores. Es gibt bessere und es gibt schlechtere. In Dortmund stehen höchstwahrscheinlich die etwas schlechteren.

Wie sieht so ein Laden aus? Grob gesagt gibt es die white-cube-Variante – zum Beispiel den Laden von Andreas Murkudis in Berlin-Schöneberg – und die eher rustikalere, hölzerne Version, wie den Voo Store in Berlin-Kreuzberg. Die rustikalere ist optisch sehr nah dran an den Cafés mit unverputzten Wänden, Industrielampen und Holztheken. Es ist nicht mehr genau zu klären, was zuerst da war. Der white-cube-Laden wiederum zitiert, weiß und leer wie er ist, die klassische Galerie. Beide Spielarten beziehen sich aber in ihrer Produktpräsentation sehr offensiv auf die Kunstwelt.

Betrieben wird der Concept Store meist von lokalprominenten, mittelalten Männern; am Laufen gehalten wird er von jungen Frauen und Männern, die noch lokalprominent werden wollen. Concept Stores meiden sogenannte A-Lagen. Man findet sie häufig in Hinterhöfen, in ehemaligen Schlossereien (Voo Store) oder Druckereien (Andreas Murkudis). Die zwanghafte Umnutzung von Gebäuden, sie ist inzwischen eine etwas unangenehme Angewohnheit. Der Concept Store macht dem Besucher dadurch aber sofort unmissverständlich klar, dass er kein seelenloser Nicht-Ort sein will, wie etwa ein Einkaufszentrum.

Sneaker im Dialog mit Büchern

So versteht sich der Concept Store auch als Filter im Überangebot der Waren. Man trifft hier ganz automatisch die richtigen Konsumentscheidungen, weil jemand anderes, der kompetenter und geschmackssicherer ist, schon eine Vorauswahl getroffen hat. Das Sortiment besteht fast immer aus bekannteren und weniger bekannten zeitgenössischen Modelabels (Raf Simons, Acne, A.P.C. etc.) und ein paar ausgewählten Sneakern. Drumherum: Gin und Wodka aus Lokalbrennereien, Parfüms, Duftkerzen, Rucksäcke, Glühbirnen, Bildbände.

Im Voo Store gibt es Dinge, gegen die man prinzipiell nichts sagen kann (Bomberjacken), aber auch vieles, für das man sich bald wieder schämt: iPhone-Hüllen in Marmoroptik, Poster mit Marmordrucken, feine Ledernotizbücher mit Prägungen, die Wörter wie fuck oder shit enthalten. Auch die überproportional gut gestalteten Independent-Magazine mit mindestens zwei verschiedenen Papiersorten und Themenschwerpunkten zum Flanieren und Reisen fehlen nicht. Selbst ein dünnes Taschenbuch von Slavoj Žižek, aus der Reihe Philosophy in Transit – kurze Texte für U-Bahnfahrten – hat es zwischen Parfüms und Schals auf die Werkbank geschafft. Affirmatives Konsumieren und die unkritische Zurschaustellung seines Konsums ist heute nicht mehr ohne Ansehensverlust möglich. Es braucht einen schönen, intellektuellen Überbau.

Seit es Concept Stores gibt, schwirrt auch immer das sehr schreckliche Wort "kuratieren" herum. Dass das ganz großer Quatsch ist, weiß auch der versierteste Käufer, der sich zwar bestens mit zeitgenössischen Modedesignern auskennt, aber nur oberflächlich mit Kunst. Sonst würde er ja nicht den Sneaker in Dialog mit den Coffeetable Books setzen. Und trotzdem: die Aura des tendenziell unverkäuflichen, zweckfreien, über die Zeit erhabenen Unikats, das im Museum immer nur betrachtet, niemals berührt werden darf – im Concept Store soll sie auf das Produkt übergehen. Der großzügige Platz drumherum hilft dabei. Dieser Platz ist selbstverständlich auch ein Bildrand. So wird die auserkorene Ware, das ist der Gedanke, zum Quasi-Exponat erhoben.

Vereinzelt findet man in der Kundschaft immer noch die bärtigen, Indoor-Mützen tragenden Männer, die durch das Feuilleton spuken. Der bestimmende Look ist mittlerweile aber der des schluffig verkifften Edelskaters. Das Ziel für viele Frauen ist es, momentan möglichst auszusehen wie in der Anfangsszene in Matrix, wenn die Raver an Keanu Reeves Wohnungstür klopfen und er widerwillig mit feiern kommt. Es geht, scheinbar unausweichlich, in Richtung neunziger Jahre. Fantastisch, dass diese alte Modebinse wirklich stimmt, im 20-Jahres-Rhythmus wird Verworfenes wiederentdeckt und drängt leicht verzerrt zurück an die Oberfläche. Deshalb sieht man auch bekannte Sachen aus der Karstadt Sportabteilung: Tennissocken von Nike, Umbro oder Kappa, sowie enganliegende, atmungsaktive Synthetiklongsleeves, Laufhosen oder Sport-BHs.