Die strikte Trennung von Staat und Kirche ist eine staatsrechtliche Errungenschaft: Der Laizismus verhindert, dass die Kirche missbräuchlich in staatliche Angelegenheiten eingreift. Die Franzosen haben sie 1905 in einem Gesetz festgeschrieben, nachdem sich die katholische Kirche in der Affäre Dreyfus mit ihrem Antisemitismus und Antirepublikanismus völlig bloßgestellt hatte. 1946 schließlich übernahmen sie den Grundsatz in ihre Verfassung. Dort steht er nun im Artikel 1 neben den anderen Grundwerten der Republik – ihrer Unteilbarkeit, ihrem Bekenntnis zu Demokratie, Solidarität und Gleichbehandlung aller Menschen. Gerade letztere wird auch durch den Laizismus geschützt, da er dem Staat im Umkehrschluss gegenüber allen Religionen denselben Respekt gebietet. Der Staat hat weltanschaulich neutral zu sein. Wie gesagt, Laizismus ist eine Errungenschaft.

Die Franzosen haben das laizistische Prinzip verinnerlicht. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, Religion ausschließlich als Privatangelegenheit anzusehen. Unvorstellbar, dass an einer staatlichen Schule ein schweinefleischfreies Mittagessen angeboten würde. Oder dass man dort über die eigene Religion spräche. Das ist sogar zwischen Lehrern und Schülern gesetzlich verboten. Ebenso wie Kopftuch, Kreuz und Kippa. So verwundert es auch nicht, dass die französische Regierung 2010 die Vollverschleierung verboten hat: Religion gehört nach dem Selbstverständnis der Republik nicht in den öffentlichen Raum, und Kraft der laizistischen Verfassung konnte sie das auch per Gesetz durchsetzen.

Wem stünde es jetzt zu, nach den brutalen Anschlägen der vergangenen Woche von einem Scheitern der französischen Integrationspolitik sprechen zu wollen? Dennoch kann man zumindest die Frage stellen, inwieweit nicht auch der Laizismus dazu beigetragen hat, dass sich der Staat in seinem Bemühen, Migranten und Andersgläubige gut in die Gesellschaft einzugliedern, selbst ein paar Fesseln auferlegt hat. Die Verbesserung der Schulbildung und der Wohnsituation in den Banlieues blieben über Jahre die einzigen beiden – zugegeben komplexen – Instrumente, mit denen agiert wurde.

Es gibt an französischen Schulen keinen Religionsunterricht. Natürlich ist es laut zu hinterfragen, warum der in Deutschland mancherlands von der (christlichen) Kirche organisiert wird. Aber wäre ein Unterricht, der die Grundlagen aller Weltreligionen und ein Verständnis für andere Glaubensbekenntnisse vermittelt und vielleicht sogar erklärt, warum es so vielen Menschen ein Bedürfnis ist, zu glauben, wäre also ein solcher, weltanschaulich neutraler Unterricht nicht sinnvoll? Französische Eltern, die ihren Kindern bestimmte religiöse Werte vermitteln möchten, wählen sogenannte private Schulen, an denen die katholischen, jüdischen und muslimischen Kinder dann unter sich bleiben.

Keine Statistiken über Privatsachen

Da der französische Staat die religiösen Auffassungen seiner Bürger als reine Privatsache betrachtet, in die er sich nicht einzumischen hat, gibt es keine amtlichen Statistiken zu Konfessionszugehörigkeiten. Also auch keine verlässlichen Zahlen als Grundlage beispielsweise für eine Debatte zu Segregation und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Was aus aufgeklärter Sicht so überzeugend erscheint – alle Menschen sind gleich, also erfassen wir Unterschiede nicht –, führt in der Realität zum Gegenteil. Der Laizismus wirkt wie eine Decke, die jede Auseinandersetzung mit den Religionen erstickt und unter der Ressentiments unerkannt gedeihen können.

Mit beinahe schon so etwas wie Neid schauten französische Medien dieser Tage auf die vielfältigen Präventionsprogramme gegen Radikalisierung, die es in Deutschland gibt. Weil es sinnvoll ist, mit islamischen Organisationen zusammenzuarbeiten, um der Fanatisierung Einzelner vorzubeugen, initiiert, unterstützt und begleitet der Staat etliche dieser Programme. Gerade erst hat die französische Regierung begonnen, in diesem Punkt umzudenken. 

Gerade erst hat sie auch begonnen, in ihre Institutionen bewusst Menschen mit muslimisch klingenden Namen aufzunehmen (oder von arabischem oder schwarzafrikanischem Äußeren, denn nicht nur die Religionszugehörigkeit, sondern auch die Herkunft ist ein potenzieller Grund für Ausgrenzung). Sie werden nun also in verstärktem Maße zu Polizisten, Lehrern, Verwaltungsbeamten ausgebildet. Das überhaupt zu beeinflussen, bedurfte einiger gesetzlicher Verrenkungen. Und naturgemäß wird es lange dauern, bis dieses Bemühen um Prävention und Repräsentanz überhaupt Früchte tragen kann.

Am Sonntag haben sich überwältigend viele Franzosen zu den Prinzipien ihrer Republik bekannt. Zu Recht sind sie stolz auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Laizismus ihres Staates gehört mit guten Gründen dazu. Er sollte jedoch nicht eine fundierte Diskussion erschweren oder das Instrumentarium der Integrationspolitik beschränken.