Es sind nur 42 Sekunden: Kurz nachdem in Paris zwei Männer die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo gestürmt und elf Menschen mit Sturmgewehren ermordet haben, muss dieses Handyvideo entstanden sein. Die maskierten Attentäter steigen aus ihrem Fluchtauto auf die Straße und gehen auf einen Polizisten zu, der sich angeschossen und wehrlos auf dem Gehsteig windet. Er hebt hilflos die Hand, einer der Attentäter setzt das Gewehr an und schießt ihm in den Kopf. 

Diese Bilder, die uns direkt nach der entsetzlichen Tat erreicht haben, werden wohl fortan nicht mehr aus dem Gedächtnis zu löschen sein. Binnen weniger Minuten wurden sie hunderttausendfach im Internet verbreitet und zur Unbeherrschbarkeit dieser Bilder kam die Unbeherrschbarkeit des Voyeurismus und der sozialen Netzwerke. Die Hinrichtung wurde zum kollektiv erlebbaren abscheulichen Ereignis. Und jeder Politiker, jeder Friedensaktivist, jeder Bürger, der dieses Video angeklickt hat, wird wohl nicht mehr über eine Bedrohung Europas durch islamistischen Terror sprechen können – so alarmistisch diese Sorge auch sein mag–, ohne dass die Sekunden dieses Films in seinem Kopf auftauchen.

Noch weiß niemand, wie Frankreich, wie Europa auf dieses Attentat reagieren wird. Welche Folgen es für die innerstaatliche Sicherheit haben wird, für die Ängste einer europäischen Bevölkerung, die sich ohnehin schon in der aufgeheizten Diskussion um den Islam entladen, der so oft und fahrlässig mit Islamismus und dessen Gräueltaten verwechselt wird. Es dürfte indes feststehen, dass diese Bilder unsere Wahrnehmung verändern werden: Sie markieren den Iconic Turn des Islamismus in Europa, so wie die Fernsehaufnahmen der brennenden Twintowers in New York die globale Dimension des Terrorismus auf ewig in ein Motiv bannten. Die Bedrohung auf europäischem Territorium war visuell durch die Bombenattentate in Madrid und London geprägt, ebenfalls Zeugnisse von Tod und Zerstörung, deren Ausgangspunkt, die Tat an sich, im Nachhinein rekonstruiert werden musste. Die Bilder zeigten Opfer, aber keine Täter. 

Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat YouTube mittlerweile aufgefordert, das Videomaterial aus Paris zu löschen. Aber die Katastrophe hat längst ihr Bild bekommen, sich eingebrannt in das europäische Gedächtnis. Das bilderlose Gefühl ist konkret geworden. So wie das Foto des qualmenden Reaktors in Fukushima uns erst ins Bewusstsein rief, wie der "größte anzunehmende Unfall" aussieht, von dem wir bisher nur die nachgereichten Luftaufnahmen des havarierten Kraftwerks in Tschernobyl besaßen und die dunkle Ahnung des Ereignisses selbst – so wird der aus einem Fenster unbemerkt gefilmte Mord in Paris am 7. Januar das Dokument sein, das zum Sinnbild wird für die Möglichkeit islamistischen Terrors auf diesem Kontinent. Den Bildern und ihrer enthemmten Brutalität sind wir ausgeliefert.           

Ihre Macht erscheint stärker als die der Propaganda-Filme des IS. In deren choreographierter Grausamkeit, ihrem nach Drehbuch inszenierten Horror blieb immer noch der Verweis auf die Ferne, auf die vorzivilisatorische Wüste, in der sie gedreht worden sind, von der die bequeme Hoffnung ausging, sie möge Europa nie erreichen. Im Pariser Video begreifen wir es nun mit Schaudern: Es sind die Straßen, die wir kennen. Die Autos und die Parkanlagen, die Bänke und die Häuser. Die Bilder erscheinen geradezu wie die "Aussicht auf den Bürgerkrieg", wie es Hans Magnus Enzensberger einmal formuliert hat, und man kann nur hoffen, dass das eine alarmistische Fiktion bleibt. Dass diesem Angriff nicht noch mehr Hass folgt, nicht noch mehr Angst. Und dass weiterhin nicht über den Islam, sondern über den Terrorismus als Feind geredet wird.

Es sind 42 Sekunden: Wir sehen den kalten Akt des Tötens inmitten der großen, vertrauten, alltäglichen Errungenschaften dessen, was wir Zivilisation nennen. Und wir sehen den Zivilisationsbruch. Es bleiben bloß Ohnmacht und hilflose Trauer.