Bei einer Schweigeminute vor dem Büro von "Charlie Hebdo" in Paris © Gonzalo Fuentes/Reuters

Gestern hat die Redaktion von Charlie Hebdo ihre erste Ausgabe nach den Anschlägen veröffentlicht. Und auf das Grauen eine zum Heulen lustige Antwort gefunden: "Alles ist verziehen" steht über einem weinenden Propheten Mohammed. Sie ging einmal um die ganze Welt.

Um die ganze Welt? Nein! Die US-Website Buzzfeed etwa führt, wie viele andere, eine Liste darüber, welche Medien das aktuelle Mohammed-Cover zeigen und welche nicht. Begleitet wird das von einer leidenschaftlichen, zum Teil schrillen Debatte in Leitartikeln und Talkshows, in Social Media und Online-Kommentarbereichen. Auch viele Redaktionen diskutieren über den angemessenen Umgang mit den Werken der Zeichner. Vier Irrtümer haben sich dabei in den vergangenen Tagen verbreitet:


1. Journalismus gehorcht unerschütterlichen Regeln

Am 7. Januar begann der New-York-Times-Chefredakteur Dean Baquet seinen Arbeitstag mit der Überzeugung, die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo schon aus Solidarität mit den Ermordeten zu zeigen. Im Laufe des Tages, so berichtete er seiner Ombudsfrau, habe er seine Meinung noch einige Male geändert.

Einen solchen Einblick in die mäandernde Entscheidungsfindung einer weltweit tonangebenden Redaktion zu geben, ist vorbildlich. Auch wenn manche Medien gerne einen anderen Eindruck erwecken wollen: Journalismus folgt nicht ewigen Regeln, die einst auf Steintafeln übergeben wurden. Manche Regeln werden buchstäblich jeden Tag neu verhandelt, nicht nur in einer bestimmten Redaktion, sondern manchmal auch in ein und demselben Kopf. So kann es geschehen, dass sogar ein Monolith des Journalismus wie die BBC einfach unterwegs die Richtung ändert – und die eigene Karikatur-Entscheidung wieder aufhebt.

Die Diskussion, wie mit den Karikaturen umzugehen sei, wird auch bei der ZEIT und ZEIT ONLINE immer weiter geführt. ZEIT ONLINE hat sich am Tag der Anschläge entschlossen, auf demonstrative Inszenierung der Mohammed-Karikaturen zu verzichten und sie nur dort zu zeigen, wo es für die Berichterstattung notwendig ist.

2. Wer die Karikaturen nicht veröffentlicht, kämpft nicht für Pressefreiheit

Genau hier liegt der größte Irrtum über die Pressefreiheit: die Annahme, sie lasse sich nach allgemeingültiger Vorschrift herstellen. Kein anderes Grundrecht ist zugleich so kostbar und so vertrackt. Freiheit kann nur entstehen, wenn ihr Subjekt mit sich im Reinen ist – nicht: mit den anderen, mit anderen Medien, mit Interessenverbänden, gar dem Staat.

Wollten wir die Pressefreiheit ehren, müssten wir jene Einzigartigkeit feiern, die auch Charlie Hebdo ausmacht. Und Konformität mit Geringschätzung zur Kenntnis nehmen.

Ausgerechnet der NSA-Enthüller Glenn Greenwald, ein radikaler Vertreter der Meinungsfreiheit, der die klassischen Medien verachtet und sie fast täglich als feige kritisiert, hat hierzu den entscheidenden Satz geprägt: "Seit wann ist es richtig, dass man die Ideen desjenigen veröffentlichen und sich gar zu eigen machen muss, dessen Recht auf freie Rede man verteidigen will? Gilt das in allen Fällen?"

3. Medien müssen stets die Interessen ihrer Leser vertreten

Dieser Satz, der so richtig klingt, enthält gleich zwei mögliche Irrtümer. Wie jede Freiheit birgt die Pressefreiheit Verpflichtungen, ohne die sie in sich zusammenfällt.

So ist es auch die Aufgabe von Redaktionen, sich mit ihrer Berichterstattung gegen die Mehrheitsmeinung der Rezipienten zu stellen, wenn dies nach Ansicht der Journalisten nötig scheint. Eine solche Selbstverpflichtung wird nach Paris und in den Zeiten von Pegida an Bedeutung gewinnen.

Und gerade im Zeitalter des Formatjournalismus, der mathematisch exakt für Zielgruppen zurecht frisiert wird, dürfen Journalisten nicht nur an die Mehrheit ihrer Leser denken, die stets gehört werden wird. Wem eine starke, freie Stimme gegeben ist, der soll sie gerade den Wenigen leihen. Es ist wichtig, auch die religiösen Gefühle von Muslimen zu berücksichtigen.

4. Je suis Charlie

Dass sich die Welt um den wohl populärsten Hashtag aller Zeiten versammelt wie um ein Lagerfeuer der Zivilisation, ist eine ebenso emphatische wie mächtige Demonstration von Solidarität: #JeSuisCharlie.

Dass Millionen von Menschen im Gedenken an die Opfer von Paris auf die Straße gehen und damit auch im Namen der Meinungs- und Pressefreiheit, ist ein berührendes und wichtiges Zeichen für unsere Gesellschaft in einer Situation, in der ihre Grundwerte angegriffen werden.

Gerade wir Journalisten solidarisieren uns mit unseren Kollegen von Charlie Hebdo. Wie wörtlich aber sollen wir eine traditionsreiche rhetorische Figur nehmen, die Solidarität durch Identität ausdrückt?

Sollen wir wirklich versuchen, wie Charlie Hebdo zu werden? Das wäre ein weiterer Irrtum. Es wäre nicht nur anmaßend, sondern auch unsinnig. Die Welt braucht nicht nur Magazine, die in ehrenwerter, vom französischen Säkularismus geprägter Tradition konsequent alle brüskieren, die sich von ihnen brüskieren lassen.

Die beste Möglichkeit, Menschen zu ehren, welche die Pressefreiheit für sich maximal in Anspruch genommen haben und dafür mitten in Europa ermordet worden sind, ist es, den eigenen Journalismus unbeirrt fortzuführen.

Wir sind nicht Charlie, sondern der Schwarzwälder Bote. El País. Aftonbladet. ZEIT ONLINE.