Krieg, Rassismus, religiöser Hass, die Vertreibung der Armen – gesellschaftliche Konflikte wurden schon immer auch in Städten ausgetragen. Zwar haben Nationalstaaten meist militärisch auf solche Konflikte reagiert, doch fand innerhalb der Städte stets ein Ausgleich durch den Handel und den Austausch der Bürger statt.

Denken wir etwa an Alt-Bagdad oder Alt-Jerusalem, zwei Städte, in denen die unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften gemischt und trotzdem meist friedlich und im gegenseitigen Austausch zusammengelebt haben. In diesen und vielen anderen historischen Metropolen waren es das Handwerk und der Handel, die eine gemeinsame Sphäre schufen, in der eine Vielzahl von Religionen und Gebräuchen Platz hatte. In der Entwicklung zur modernen Großstadt reduzierten wirtschaftliche Dynamik und kämpferische Gewerkschaften die teils enormen sozialen Ungleichheiten. Kein Zweifel, in allen aufstrebenden modernen Städten gab es Konflikte, aber meist waren sie doch Orte florierender Entwicklung.

Doch die Verfolgung nationaler Sicherheitsinteressen hat Stück für Stück immer größere Unsicherheit in unsere Städte gebracht. Die Schlachten des 20. Jahrhunderts wurden auf dem offenen Feld geschlagen, unter freiem Himmel, auf offener See. Die gezielte Zerstörung der Städte Nagasaki, Hiroshima oder Dresden waren Ausnahmeerscheinung des Krieges: Ihre Verwüstung verfolgte kein militärisches Ziel – sie sollten die Nation erschüttern.

Mit dem Beginn asymmetrischer Kriege – Kriege zwischen einer konventionellen Armee und irregulären Kämpfern – wurden Städte zu Kampfplätzen, egal ob sie den Verbündeten oder den Feinden gehören.

Wenn heute eine Armee in den Krieg zieht, ist der Feind sehr wahrscheinlich eine bewaffnete Organisation irregulärer Kämpfer, keine nationale Armee. Das ließ sich in Kabul beobachten, in den Städten Westchinas, nach den Anschlägen von London im Jahr 2005 und von New York im Jahr 2001. Und am 7. Januar bei den Anschlägen in Paris. Was sich in der Folge des Attentats abspielte, zeigte, dass für bewaffnete Kämpfer wie Saïd und Chérif Kouachi und Ahmed Coulibaly die Stadt selbst eine Kampftechnik ist. Für Armeen und sogar die Polizei sind dichte Stadtlandschaften dagegen ein Hindernisparcours. Geschützt im Häuserdschungel der Stadt konnten die Flüchtigen Paris drei Tage lang in Atem halten.

Es kann in jeder Großstadt, in jedem Land passieren

Um die Ergreifung der Mörder zu garantieren, setzte die französische Regierung 80.000 Mann aus Polizei und Armee auf sie an. In einer Kleinstadt hätten wohl schon 100 Mann zur Verfolgung von drei Flüchtigen übertrieben gewirkt. Bei aller Hochachtung vor der Entschlossenheit der französischen Regierung, die Angreifer festzusetzen – das enorme zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen den Attentätern und den Sicherheitskräften war zutiefst beunruhigend.

In seiner bislang schärfsten Form zeigte sich der asymmetrische Krieg in den Angriffen der USA gegen den Irak. Die Luftschläge des US-Militärs haben den Widerstand der irakischen Armee innerhalb von sechs Wochen gebrochen und die Einnahme des Landes ermöglicht. Doch dann begann der asymmetrische Krieg, der bewaffnete Kampf zog ein in Bagdad, Mossul, Basra – und dauert bis heute an. Die schlagkräftige Armee der USA konnte nie die volle Kontrolle über Bagdad und viele andere irakische Städte gewinnen.

Im extremen Kontrast dazu kann eine grausame Einzeltat, begangen von nicht einmal einer Handvoll Kämpfern, für weltweites Entsetzen sorgen. Dabei spielt die Konzentration von Presse und Medien aus aller Welt in einer Metropole wie Paris sicherlich eine Rolle. Aber die Anschläge erfahren vor allem deshalb ein solch starkes Echo, weil sie uns vor Augen führen, dass ein derartiger mörderischer Angriff in jeder Großstadt und in jedem Land passieren kann – sogar in Frankreich, das so stolz ist auf seinen republikanischen Säkularismus. 

Der Trauermarsch in Paris am 11. Januar © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Nach den Anschlägen der vergangenen Jahre wurde allerdings stets noch etwas anderes deutlich: Eine Stadt ist unverwüstlich. Das Leben in ihr geht weiter, sie lässt Schrecken hinter sich, blickt nach vorn, sie macht einfach weiter. Wir vergessen leicht, dass die Zeit der asymmetrischen Kriege nun schon zehn Jahre währt – seit der Invasion des Iraks durch US-Truppen nach einem nur sechswöchigen Bombardement, als alles noch so einfach schien. Dass unsere Städte sich seit dieser Zeit nicht in Hochsicherheitszonen, ja militarisierte Festungen verwandelt haben, zeugt von ihrer unbändigen Energie, ihrer Heterogenität und ihrem Widerwillen gegen Herrschaftsansprüche.

Nach jedem Anschlag, der seither in einer westlichen Metropole begangen wurde, wurden die Straßen der Stadt von Menschenmassen besetzt, nicht von Panzern. Die Energie und Anarchie der Städte hat es ihren Bewohnern möglich gemacht, sich zu wehren – gegen systematische Überwachung und gegen die Einführung eines Sicherheitsstaats, der es Regierungen erlaubt, willkürlich zu verhaften und Habeas Corpus zu verletzen, das Recht auf Haftprüfung. Was für eine Ironie, all jene Staatschefs und Repräsentanten beim Trauermarsch um die Toten von Charlie Hebdo in Paris zu sehen, die in der jüngsten Vergangenheit auf die Einrichtung genau jener umfassenden Überwachungssysteme gedrängt haben, die die Energie und Widerstandskraft einer Stadt zum Erliegen bringen.

Wie der Krieg in die Stadt kam

Und doch wird die Landkarte des urbanen Kriegs immer größer und geht weit über jene Länder hinaus, die sich in bewaffneten Auseinandersetzungen befinden. Zu den bereits erwähnten angegriffenen Städten kommen Madrid, Casablanca, Mumbai, Lahore, Jakarta und Nairobi hinzu. Jedes dieser Attentate hatte seine eigene Geschichte, erklärte sich als Reaktion auf spezifische Missstände und verfolgte lokale Ziele. Jedes einzelne war ein gezielter Akt der Gewalt, ausgeführt von einer bewaffneten Gruppe, die völlig unabhängig von jenen in anderen Städten agierte. Und doch ist jeder Anschlag Teil einer neuen Art des multilokalen Krieges. Weil diese Angriffe sich innerhalb unserer Städte ereignen, gewinnen sie aus ihrer lokalen Logik heraus eine globale Bedeutung: Bei aller Besonderheit zwingt uns jeder neue Anschlag auch dazu, über all die anderen Anschläge nachzudenken. Sie greifen ineinander und lassen so eine neue Sphäre der Gewalt entstehen.

Der jährliche Terrorbericht des US-Außenministeriums zeigt, dass Städte das weltweit bevorzugte Ziel für jene Art von Angriffen ist, die als terroristische Anschläge definiert werden – Angriffe irregulärer, bewaffneter Kämpfer. Im Jahr 1993 waren Städte erstmals das überwiegende Ziel solcher Anschläge und bereits im Jahr 2000 – also noch vor der Zerstörung des World Trade Centers im September 2001 – waren 94 Prozent aller bei Terroranschlägen Verletzten und 61 Prozent der Todesopfer Stadtbewohner. Zudem hat sich die Zahl der Terroropfer in diesem Zeitraum verdoppelt, mit einem besonders drastischen Anstieg nach 1998. In den 1980er Jahren brachten Terroristen vor allem mit Flugzeugentführungen Tod und Zerstörung. Mittlerweile ist der Angriff städtischer Ziele deutlich einfacher als der Zugriff auf Passagierflugzeuge und militärische Infrastruktur.