Ein IS-Kämpfer in Syrien filmt eine Parade seiner Kameraden. © Reuters

Dieser Text entstand vor einem Jahr unter dem Eindruck des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Auch nach den Anschlägen in Brüssel vom 22. März 2016 stellen sich dieselben Fragen. Traurigerweise hat der Artikel nicht an Aktualität verloren. Eine englische Version des Textes finden Sie hier.

I. Verlorene Söhne

Irgendwo, dort im Osten in einer zerfallenden, gewalttätigen Welt, so verstehen wir aus unseren Bilder- und Erzählmaschinen, hausen schlimme Horden schwarzgekleideter bärtiger Männer, die schreien, schießen und anderen Menschen den Kopf abschlagen. Sie berufen sich auf den Islam und wollen ein Kalifat errichten, einen Staat, mehr noch vielleicht: ein Imperium. Es gab Al-Kaida und den schrecklichen Anschlag auf die Twin Towers, es gibt die furchtbare Boko Haram, aber dies, der IS, der "islamische Staat" ist noch etwas anderes. Es ist nicht nur Terror, der Chaos anrichtet, es ist Terror, der, schlimmer, auch schon wieder eine Ordnung errichtet. Eine Terror-Ordnung, um genau zu sein.

Kalif? Das erinnert an Tausend und eine Nacht, an Karl May, an Harun al-Poussah im Comic. Das Kalifat ist eine Herrschaftsform der sunnitisch-osmanischen Einheit von Religion und Macht, ein Traum von einer direkten Nachfolge des Propheten, von einer universalen Einheit: Alles wird stimmen in Raum und Zeit, in Geist und Gesetz. Kemal Atatürk beendete den Traum im Jahr 1928, so lässt sich's ergooglen. Um moderne Nationen an seine Stelle zu setzen. Und nun ist der Traum wieder da. Als Albtraum für den Westen und was aus ihm geworden ist, nach dem Scheitern der nationalen Demokratien und des sozial gezähmten Kapitalismus.

Das Nation Building in der islamischen Welt konnte nur funktionieren mit der Abschaffung des Kalifats. Nun, mit dem Zerfall der Nationen, ist der Traum vom Kalifat wieder da, zusammen mit dem Traum, die religiösen, ideologischen Spaltungen zu überwinden, mit Gewalt. Mit viel Gewalt, mit grausamer Gewalt. Der IS ist die blutige Avantgarde dieser Bewegung; sie hat alles, was eine solche Bewegung braucht: ein Konstrukt der Legitimation, Geldquellen, offene und verdeckte Verbündete, eine Kommandostruktur, mehr oder weniger charismatische Führer, eine funktionstüchtige Propagandaabteilung, militärische und paramilitärische Kraft, Fahnen, Slogans, sogar so etwas wie eine Hymne.

Ist das eine stimmige Erzählung? Die jordanische Königin Rania jedenfalls, die offenbar zu einer neuen Gegenpropaganda-Figur werden soll, rief nicht umsonst zum Widerstand gegen das Narrativ des IS auf. In diesem Narrativ ist, von den Gegnern aus betrachtet, die Gewalt ein schlechtes Mittel für ein im Übrigen ebenfalls schlechtes Ziel. Den Protagonisten ist die Gewalt Mittel und Ziel zugleich.

Aber in einer zweiten Erzählung des Dschihad ist gerade diese Gewalt, die Geste des Heiligen Kriegers, der seine Erfüllung findet im Abschlachten der anderen, und am Ende im Selbst-Abgeschlachtetwerden, die Idee, dass diese Bewegung immer voranschreiten, immer weiter töten und sterben wird, das eigentliche Faszinosum. Der Aufbau eines "islamischen Staates" und der sich selbst genügende und sich selbst genießende Terror sind eine sonderbare Einheit eingegangen.  

Wenn es stimmt, dass rund ein Drittel der Kämpfer des IS aus dem entfernten Ausland kommt, mindestens 450 allein aus Deutschland (und Deutschland rekrutiert, im Verhältnis zu Ländern wie Dänemark und Belgien noch vergleichsweise wenig Nachwuchs-Dschihadisten), tritt indes ein drittes Narrativ dazu: die Geschichte vom Zerfall des Abendlandes, des Liberalismus und der Zivilgesellschaften inmitten von Postdemokratie und Finanzkapitalismus. Die Geschichte von verlorenen Söhnen.

Das Narrativ von den Rekruten des Dschihad und des Terrorregimes hat eine einfache Form. Es ist ein Sog vom ersten Versprechen einer spirituellen Alternative zum "Dreck" des Konkurrenzliberalismus hin zur blutigen Tat. Die Erklärung des "Islamischen Staates" vom Oktober des Jahres 2006, die es auch als Videobotschaft gibt, enthält in ihrem vierten Teil – Die Pflicht, den Islamischen Staat zu unterstützen – die Unterwerfung gegenüber dem einen und einzigen Ziel: "beginnend mit Worten, endend mit Blut".


II. Brutale Bilder

Wo treffen sich die drei Erzählungen des IS und wo streben sie wieder auseinander? Auf der einen Seite ist es die Attraktion des Terrors an sich, beziehungsweise des fanatischen Glücks der radikalen Komplexitätsreduzierung auf ein Wir-gegen-die-anderen, die offenbar in allen Modernisierungs- und Banalisierungsgeschichten auftaucht. Auf der anderen Seite aber gibt es die wortreiche Rechtfertigung im Namen des Koran, und man hat nicht umsonst sehr früh ein Ministerium für religionsgesetzliche Angelegenheiten gegründet. In diesem Rechtfertigungszusammenhang stehen einige Maßnahmen. Ein Gelehrtenstreit um die Möglichkeit, einem nicht sichtbaren Anführer die Treue zu schwören zum Beispiel, führte zu einer medialen Sichtbarkeit von Al-Baghdadi und zu einer Vielzahl von Treueschwüren als Videobotschaften, die allerdings auch wieder ihre eigene ästhetisch-propagandistische Wirkung haben.

Die brutale Bildproduktion des IS wird im Westen immer als Provokation und Angriff, als besondere Form einer Alles-oder-Nichts-Propaganda angesehen, was sie sicher auch ist, sie ist zugleich aber immer auch Ausdruck der inneren Widersprüche der Bewegung selbst. Sie unterliegt im Übrigen einer Steigerungslogik, die von den Enthauptungen bis zur (vom Koran verbotenen) Verbrennung stets die Frage stellt, welche Grausamkeit noch faszinierend und welche nur noch abschreckend ist. Und wo die Trennungslinie zwischen einer Religion in Form von Terror und dem Terror als Religion empfunden werden kann. Es muss eine Menge geschehen zwischen den Absendern und den Empfängern dieser Botschaften. Und der Traum von der großen Vereinfachung vermittelt sich auf höchst komplizierten Wegen.