Aus einem Video des IS, das eine Hinrichtung zeigt © Balkis Press/Abacapress/dpa

IX. Triumph der Bluttat

Aber es gibt kein Zurück. Nicht für den Terror als System und nicht für den Einzelnen. Das ist die Aussage der barbarischen Gewaltvideos: Es gibt kein Zurück! Jede Bluttat des Kriegers besiegelt die Unmöglichkeit seiner Rückkehr in die zivile Gesellschaft. Es ist das Wesen des Kriegers, dass er nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst erschrecken muss. Soldaten mögen aus Vergnügen töten, der Krieger tut es mit heiligem Ernst. Seine Lust dabei soll nicht sadistisch, sondern vollkommen narzisstisch sein.

Diese blutige Propaganda spielt, wie wir wissen, für viele dieser selbst ernannten Gotteskrieger eine bedeutende Rolle. Die richtigen Bilder treffen auf die richtigen Psychosen. Dass die Enthauptung dabei eine solche Rolle spielt, drückt noch einmal die Idee des barbarischen Kriegers aus, der seinen Gegner nie einfach nur töten kann, sondern immer eine symbolische, rituelle Handlung vornehmen muss. Der Steigerungslogik folgt das Verbrennen des jordanischen Piloten bei lebendigem Leib, ein Bruch noch nach dem Bruch. Wie weiter? Und wo gibt es einen Punkt, an dem die Grausamkeit nicht mehr attraktiv, sondern nur noch abstoßend ist? Die Propagandamaschine des IS ist in der eigenen Falle gefangen, und die Ästhetik des Zivilisationsbruchs droht vom einigenden zum spaltenden Element zu werden.  

Wie es im Faschismus der Fall zu sein pflegt, so nährt sich auch diese Bewegung von der Angst, die sie verbreitet. Der Krieger erkennt sich in der Angst jener, die ihn einst fesseln wollten (die ihn zum Verlierer der Modernisierungen machten), und er muss diese Angst immer wieder aktualisieren. Er erkennt seinen "Abjektiven" (all dem, was nach Julia Kristeva, weder Subjekt noch Objekt sein kann) und allem was ihn peinigte (und viel mehr: was ihn zu peinigen schien) das Mensch-Sein ab. Das Wesen des Kriegers besteht also offenbar darin, beim Töten nichts zu empfinden außer dem Triumph. Empathie und Ekel gleichermaßen sind geschwunden, wenn es um das Anrichten eines Blutbades geht. Dieses Blutbad ist keine gezielte Aktion, keine Rache und kein taktischer Schlag gegen einen Feind, abgesehen von einer weiteren kleinen Legitimation am Rande. Es ist vielmehr eine Botschaft an die Welt, gesendet von einem Menschen, der sich von ihr zutiefst gekränkt und verraten fühlt. Es spielt nicht die geringste Rolle, dass es sich bei den Opfern um Unschuldige, möglicherweise sogar um eigene Leute handelt. Ja, dieses Blutbad, das im Wesentlichen alle treffen soll, ist sogar inszeniert, um die Unschuldigen dieser Welt zu treffen. Oder anders gesagt: Um die eigene Entschuldung voran zu treiben, muss der Terrorkrieger der ganzen Welt das Recht auf Unschuldigsein absprechen. In seiner Bluttat hebt der Terror-Krieger das Gefasel von Ehre und Wert vollkommen auf.  

Der Krieger will sich durch seine Tat den Rückweg in die zivile Gesellschaft unmöglich machen. Er benötigt die Bluttat, um seinen Bruch zu besiegeln und zu rechtfertigen. Wie aber entstand dieser Bruch?

 

X. Die Rache der Überflüssigen

Der Niedergang des politischen Liberalismus zugunsten des Aufstiegs des ökonomischen Liberalismus im Westen schloss nicht nur viele Menschen, sogar neu entstehende Klassen, sondern auch viele Lebensentwürfe, Idealismen, Wertesysteme aus. Der Finanzkapitalismus erschafft eine wachsende Anzahl überflüssiger Menschen. Er kümmert sich nicht um sie, und er ist, wie es scheint, zufrieden, wenn er die verschiedenen Gruppen überflüssiger Menschen aufeinander hetzt. Allerdings sind die überflüssigen Menschen auch ein grandioser Magnet für einen ganz andere Figur der zerfallenden Demokratie: den Rechtspopulisten, den charismatischen Vereinfacher, den Hassprediger. Die überflüssigen Menschen sind ökonomisch nichts wert, sie sind aber politische Manövriermasse von höchster Brisanz. Außer ein paar polizeilichen und geheimdienstlichen Maßnahmen fällt Europas postdemokratischen Regierungen bezeichnenderweise nicht das Geringste ein, sich mit dieser politischen Brisanz auseinanderzusetzen. Und in den Ländern, in denen Bewegungen wie der IS und Boko Haram buchstäblich an Boden gewinnen, sich von der rein terroristischen Bewegung schon in staatliche und gesellschaftliche Vorformen verwandeln, verbündet man sich weiterhin eher mit Despoten und korrupten Herrschern als mit demokratischen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen. 

Dass sich der Hass der fundamentalistischen Bewegungen und die Stoßrichtung des terroristischen Kriegers nicht gegen einen manifesten Feind, sondern eher gegen ein vages Empfinden, den westlichen Liberalismus richtet, ist da nicht weiter verwunderlich. Dieser Liberalismus, in seiner jetzigen Form, tut nichts für die Menschen, kämpft für nichts und um nichts, und die Freiheit hat sich in ein obszönes Spiel verwandelt, in dem alles käuflich und nichts mehr lebendig ist.

Die Werte, die es in der politischen Rhetorik zu verteidigen gälte, gibt es weder in der Tiefe (es gibt sie nicht für alle), noch in der Breite (sie gelten nur sehr relativ), noch in der Höhe (beim Geld hört es mit den Werten sowieso auf). Die moderne, postdemokratische Gesellschaft des Finanzkapitalismus ist nicht das Böse, wie es die Fundamentalisten meinen, sie ist freilich eine, die sich selbst nicht erklären kann. Die Repräsentanten dieser Gesellschaft sind daher, gerade wenn sie Gemeinsamkeit und Wert einfordern, noch von schlichteren Gemütern als Heuchler erkennbar. Es gibt keine verbindlichen Werte für eine solch komplizierte Gesellschaft. Aber so wenig sich diese Gesellschaft selbst erklären kann, so wenig kann sie ehrlich zu sich selbst sein. Ironie, Mehrdeutigkeit, Frivolität, Unentschlossenheit, Maskerade und Karnevalisierung sind nicht einfach Symptome einer solchen Gesellschaft, sondern ihr innerster Kern. Wer etwas ernst nehmen will, der muss es sich auf dem Sinn- und Bildermarkt selbst besorgen, natürlich im Konformismus-Dekret. Er kann sich dann den FC Schalke oder Helene Fischer zum heiligen Wert küren, bei dem für ihn jeder Spaß aufhört. Aber auch solche künstlichen Kleinreligionen sind selten mehr als zeitweilige Entlastung. Wirkliche Erlösung bringen sie nicht.

Der schiere Entschluss, irgend etwas (jenseits des Geldes und der Macht an sich) ernst zu nehmen, führt den Menschen in einer solchen Gesellschaft ins Abseits. Selbst wer sein politisches Recht in Anspruch und den Liberalismus beim Wort nimmt, riskiert sein Leben, weil ihn einerseits sein Staat gegen die jeweilige Gegenkraft nicht in Schutz nehmen kann (und es oft auch gar nicht will), und weil ihn andererseits der Staat selbst verfolgt, wenn er gegen die Interessen der ökonomischen Oberschicht verstößt. Da es den Weg zur Radikalisierung (also zum Versuch, an die Wurzeln des Übels vorzudringen) nicht mehr gibt, bleibt nur der Weg zum Extremismus. Dieser Extremismus besteht darin, dass der Liberalismus nicht mehr auf seine Defizite hin untersucht, sondern ganz und gar abgelehnt wird.

Slavoj Žižek macht den Aufstieg sowohl der neofaschistischen als auch der islamistischen Terrororganisationen an dem Fehlen einer linken Alternative fest. Das Scheitern aller linken Projekte – sogar noch der bescheidensten sozialdemokratischen Zähmungen des Finanzkapitalismus – ist nicht nur ein politisches, sondern auch das Scheitern einer Erzählung, das einer Ästhetik. Wohin mit der Unzufriedenheit, den Widersprüchen, den Hoffnungen, dem Erfahrungshunger, der Persönlichkeitsbildung, wenn das System alle linken Möglichkeiten durch seine Blödmaschinen unterbunden hat, alle kritische Veränderung durch die alternativlosen Dogmen des Neoliberalismus? "Ist der Aufstieg des radikalen Islamismus nicht Korrelat zum Verschwinden der säkularen Linken in muslimischen Ländern?", fragt Žižek, und man könnte diese Frage fortsetzen: Ist das Aussteigen in einen neofaschistischen oder in einen islamo-faschistischen Terror nicht Korrelat zur Unmöglichkeit, sich in einer postdemokratischen Gesellschaft, die nur noch dem Wohlergehen von Banken und Konzernen verpflichtet zu sein scheint, ein Projekt der Modernisierung, des Kampfes um Gerechtigkeit zu denken?

Nicht, dass ein solches Modell die Entwicklung zum islamistischen oder neofaschistischen Terroristen im Einzelfall erklären würde oder gar die Täter von ihrer persönlichen Schuld entbände. Es beschreibt indes die Unfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft, sich mit einer strukturellen Produktion von mehr oder weniger politischen Gewalttätern in ihrem Inneren auseinanderzusetzen. Entgegen dem Fantasma des Terrokriegers ist der Liberalismus nicht unlebbar, weil er so weich ist, sondern im Gegenteil, weil er so erstarrt ist.

Die Mischung aus Gewalt und Frivolität, die vom medialen und elektronischen Konformismus ausgeht, übt einen gewaltigen Druck aus, aber ebenso der rapide Werteverfall von Sinn-Systemen. Damit ist nicht nur die nationale parlamentarische Demokratie gemeint, sondern auch solche Systeme wie der Sport, der zwischen Steuerhinterziehern oben und neofaschistischen Hooligans unten zerbricht, der mit Katar paktiert, als wüsste niemand, was dort abläuft (auch an Unterstützung für Milizen). Oder das Entertainment, das längst keine moralischen Vorgaben mehr entfaltet, wie es das noch in den sechziger und bis in die siebziger Jahre hinein tat, sondern ausschließlich nach dem Al-Capone-Prinzip funktioniert: Die Leute wollen es, wir besorgen es ihnen. Damit freilich wird der Bilder- und Mythenbrei zum Dissoziationsmedium schlechthin. An die Stelle der großen Erzählungen treten Rituale der gegenseitigen Verachtung. Unterhaltung besteht nun zum großen Teil aus Installationen, in denen Menschen gezielt die Würde genommen wird. Sie nimmt zwar die großen Psychosen dieser Gesellschaft auf, um sie in der Mitte aufzulösen, zugleich aber werden sie an den Rändern verstärkt. Immer wieder dient diese (Selbst-)Erklärung jenen Menschen, die sich dem einen oder anderen Extremismus verschreiben: Dass es einen Ekel gab, gegenüber dieser Mainstream-Bilderschleuder, von der man sich gleichwohl abhängig wähnte – und es blieb.