Es gehört zu den kuriosen sprachlichen Kollateralschäden unserer Tage, dass mittlerweile jede Idee im Internet als Revolution bejubelt wird. Im Fall der großen, einflussreichen Netzunternehmen wird diese Regel schon seit Jahren so angewendet, als beschriebe man ein Naturgesetz: So hieß Wikipedia bald die Revolution der Zusammenarbeit, Google die Revolution des Wissens, Amazon die Revolution des Einkaufens, Facebook die Revolution sozialer Beziehungen, und Twitter wird seit der sogenannten Arabellion sogar grundsätzlich als deren Triebkraft gefeiert, gewissermaßen als Revolution der Revolution.

Weil derlei Revolutionen mit ähnlicher Frequenz und Hysterie verkündet werden wie Tore in der Bundesligakonferenz, hat man sich schnell darauf geeinigt, das Ganze als Digitale Revolution zu bezeichnen, was nicht nur bequemer ist, sondern auch den Vorteil hat, damit ganze vorrevolutionäre Branchen und Gebräuche in Frührente zu schicken: Sorry, wegen digitaler Revolution geschlossen.

Als YouTube im Jahr 2005 online ging, hieß es deswegen bald auch, dass damit das Ende des Fernsehens besiegelt sei, dass sich damit eine Revolution des bewegten Bildes und des Guckens ereigne, und die Revolutionskämpfer gaben dem Fernsehen vielleicht noch eine Dekade des Siechtums. Jetzt sind zehn Jahre um und das Fernsehen gibt es immer noch, was nicht gegen das Fernsehen spricht, aber auch nicht gegen YouTube – allenfalls gegen zukunftsbetrunkene Leute, die in jedem Start-up die Signatur eines neuen Zeitalters sehen. Zur Entschuldigung könnte man immerhin anführen, dass die Theorie ja der Praxis eben manchmal voraus ist.

Albern, erleuchtend, parasitär, intelligent

Nun kann die Frage ohnehin nicht lauten, wie YouTube die Gesellschaft verändert hat, sondern eher wie die Gesellschaft YouTube verändert hat. Und wer konnte schon ahnen, dass, nachdem der Gründer Jawed Karim seine Erfindung mit einem kurzen Clip über einen Zoobesuch einweihte, sich diese Erfolgsgeschichte ereignen würde. Dass der erste Slogan "Broadcast Yourself" über die Jahre immer weniger wie ein Angebot klingen würde, sondern wie ein Befehl. Versende Dich selbst! YouTube, heißt es seit einiger Zeit, sei die wichtigste Videoplattform der Welt. Das bezieht sich womöglich eher auf die Masse des verfügbaren Materials als auf eine kohärente Bedeutung.

Wollte man überhaupt den Versuch unternehmen, YouTube zu beschreiben, so müsste er in etwa lauten: YouTube ist albern, komisch, erleuchtend, hilfreich, parasitär, infantil, schrecklich, traurig, dumm, dilettantisch und intelligent. Nirgendwo findet die neue, rasende Fragmentierung der Welt einen besseren Ausdruck als in der Hypertrophie, die einem dort begegnet. Die Welt ist alles, was Video ist. Was auf YouTube geschieht, ist sozusagen visuelle Geschichtsschreibung. Im vergangenen Jahrzehnt ist es zu einem labyrinthischen Chaos angewachsen, das einen in ein ähnlich verzweifeltes Staunen versetzen kann, mit dem Ernst Jünger einst sein Abenteuerliches Herz begann: Das alles gibt es also.

Die Romantiker hatten einst die Idee des unendlichen Buches, das sich immer weiter fortschreibt. Vermutlich ist YouTube so etwas wie das unendliche Video, nie zu Ende, nie fertig. Etwa sechs Milliarden Stunden werden im Monat angeguckt. YouTube kann die Vollendung jenes Nirwanas sein, das Enzensberger einmal glaubte, im Fernsehen entdeckt zu haben. Der Kulturkritiker Mark Greif versuchte, die Plattform auf folgende Formel zu bringen: Internetvideo als Format abzüglich Pornografie = YouTube.