Herkömmliche Märchen beginnen mit "Es war einmal". Konservative Märchen mit "Früher". Und es wird jetzt um so ein Märchen gehen, das mit einem Früher beginnt und in unserer Gegenwart endet. Um einen Ort, an dem dieses kuriose Früher geseufzt wird, dieses Früher, bei dem so viele noch immer in gottesdienstliche Andacht verfallen, aber das man eigentlich nur noch in Anführungszeichen schreiben kann, falls man nicht veralbert werden will. Der Ort, das ist das Abendland. Und, so wird es im Lonely Planet stehen, der dermaleinst über dieses Zauberreich erscheint: Hier wird Deutsch gesprochen. 

Denn das Abendland ist eine deutsche Erfindung, und es ist bis heute nicht totzukriegen. Und das, obwohl es unentwegt am Abgrund steht, wie neulich in Dresden, wo mit Bürgertugend, Steuerzahlerwut und Abstammungspatriotismus wieder schreiend das Volk beschworen wurde. Da sagte man eben Abendland, und nicht nur, weil viele dort Okzident womöglich für eine Zahncreme halten. Sondern auch, weil Abendland etwas anderes bezeichnet als lediglich das Gegenteil des Orients. Das Abendland ist ein deutscher Sonderweg. Und es existiert ausschließlich in seinem Niedergang, das ist sein Hauptwesenszug.

Immer ist es von irgendetwas bedroht, immer ist es ein Verteidigungsfall, in Dresden gegen den Islam, in der Nazizeit gegen die Bolschewisten. Das Abendland ist ein Schwellenland. Wäre es ein Staat, würden Rettungsschirme aufgespannt und Spenden gesammelt werden, es gäbe ARD-Brennpunkte und es würde eine besorgte Troika einrücken, angeführt vielleicht von Peter Hahne. Vielleicht liegt das auch an dem Wort selbst. Abend, das bedeutet ja: langsam verdämmern, weswegen das Abendland der Weltverdunklung allein semantisch näher steht.

Wer vom Abendland spricht, spricht heute automatisch von der Apokalypse. Wie die aussieht, ist sicherlich Geschmackssache und eine Frage der Empfindlichkeiten. Manchen reicht schon der Verfall des Genitivs. Anderen das Internet oder der Umstand, dass man nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen darf, ohne darauf angesprochen zu werden. Ganz anderen genügt die neue Sexualmoral und Rentenkürzung. Wieder anderen die verminderte Haltbarkeit der Waren. Aber wer dagegen vorgehen will, kann ja immerhin bei Manufactum kaufen, denn "Es gibt sie noch, die guten Dinge" und im "noch" des Geschäftsmottos steckt bereits die ganze Nahtoderwartung. Manufactum ist das Konsumparadies des Reihenhausapokalyptikers und mit den dort erhältlichen Edel-Spaten kann man sich selbst nach einem Atomkrieg sogar noch angemessen beerdigen.  

Zurück zu Sütterlin und großem Latinum

In der Beschwörung des Abendlands steckt auch der regressive, oft harmlose Wunsch, die Welt möge doch bitte nicht mehr kompliziert sein. Zurück zu Anstand, Bibel, großem Latinum, Sütterlin, früher. Ein Symptom weinerlichen Gegenwartswiderwillens von koketten Pessimisten.

Wie das Abendland, dieser Sehnsuchtsort des konservativen Beleidigtseins, aber aussieht, das weiß keiner so genau. Es ist eher ein Geisteszustand, ein neuer Irrationalismus, die spekulative Fantasie, an deren Tor die aufklärerische Vernunft draußen bleibt und man sich ganz dem erhabenen Fühlen hingibt.   

Das Abendland ist ein Territorium nostalgisch deutscher Empfindsamkeit, in dem man sich vielleicht zurückwünscht zum Posthornklang und zu Waldesnächten, in denen man von Fackeln beschienen am Fuß des Kyffhäuser Sonette schrieb und die Jungs noch Knaben hießen und fließend in Altgriechisch parlieren konnten. Es klingt nach den weißgewandten Jünglingen im Stefan-George-Kreis, nach Stützkorsetten und Stadtschloss, dem Der Spiegel einmal einen "heilenden Zauber" aus "Stolz und Tradition" untergejubelt hat.

Kultur statt Freiheit

Abendland, das klingt auch nach einer Zeit, da man noch genau zu wissen glaubte, was die "deutsche Kultur" bedeutet und man über die Zivilisation schnaubte, mit der England und Frankreich die Deutschen bedrohten. Und um diesen Gegensatz ging es ja immer: Kultur gegen Zivilisation, um diese vermeintlichen Feinde, an denen sich schon Norbert Elias die Zähne ausbiss. Denn wenn es den Abendländlern eigentlich nur um Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit oder Europa ginge, dann könnten sie es ja sagen. Tun sie aber nicht.

Das ist deutsche Geistestradition: In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen schimpfte der spätere Nobelpreisträger Thomas Mann über die Flachheit der Zivilisation, die aus dem Rest Europas an Deutschland herangetragen würde. Er wolle nicht "den zivilen Geist als letztes menschwürdiges Ideal" anerkennen. Mann pries dagegen die deutsche Tiefe, die für ihn vor allem bildungsreligiös gefärbt war: Seelenerhöhung durch Musik, durch Kunst, durch Antikenfimmel. "Kultur ist Religion, Zivilisation Irreligion." Hätte das Abendland eine Hymne, womöglich wäre das ihr Refrain, gesungen von einem Kastratenchor und vertont von Richard Wagner.

Raunendes Moll

Und vielleicht hat das alles in der deutschen Romantik des 18. Jahrhunderts angefangen, wo man sich lieber in die Welt der Wälder und die Innerlichkeit versenkte, wo man knietief im perückendeutschen Schwulst stand, anstatt vernünftig zu werden.    

Das Wort Abendland wird zu dieser Zeit erstmals aktenkundig bei Friedrich Schlegel, der zufälligerweise begraben liegt, wo die Pegida-Bewegung geboren wurde. Schlegel machte das Abendland erst zu einer "historischen Kategorie", aus dem später der ideologische Begriff werden sollte, als der es heute gebraucht wird.

Er bezog sich dabei besonders auf seinen Mitromantiker Novalis, der kurz vorher seine Schrift Europa oder die Christenheit veröffentlicht hatte. Das war eine vormodern frömmelnde Seifenoperversion der Vertreibung aus dem Paradies, das bei Novalis das Mittelalter gewesen war, und dessen Glanz, Frieden und Harmonie Vorbild sein sollte für kommende Zeiten und die Gegenwart, die durch Aufklärung und Lutherbibel entweiht worden war. 

Ein ewiges Verschwinden

Ironischerweise hatte erst Luther dafür gesorgt, dass wir vom Abendland und Morgenland überhaupt reden: In einem Anflug von Poesie hatte er die Weisen aus "dem Morgenland" kommen lassen. Im Altgriechischen steht da nur sinngemäß: vom Sonnenaufgang her.

Bei den Romantikern war das kulturelle, poetisch und religiös geeinte Abendland noch eine positive Utopie, ein ewiges Werden und niemals Ankommen. Heute besetzt der Begriff eine negative Utopie, ein ewiges Verschwinden, eine unendliche Verlustgeschichte, die deswegen umso sakraler umorgelt wird. Von Schwärmern einerseits, andererseits von Ideologen. Auseinanderzuhalten sind sie nicht immer. 

Im politischen Sinn ist das Abendland gewissermaßen die Zuspitzung eines staubigen Kulturnationalismus, der lieber ausschließt als verbindet. Ein Bollwerk, hinter dem sich alle Bewohner zu einer Art vorpolitischen Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden und sich von Ideen einer pluralen Gesellschaft abwenden. Heute Pegida, vorgestern Oswald Spengler, der Premiumschwarzseher des deutschen Geistes, der nach dem ersten Weltkrieg wohl das hohle Pathos prägte und das raunende Moll, mit dem heute noch vom Untergang des Abendlandes gesprochen wird.   

Spengler sah Kulturen wie Blumen auf dem Feld, zarte Pflänzchen, die einer, fragwürdigen, zyklischen Gesetzmäßigkeit unterliegen: Aufstieg, Niedergang, Zerfall. In seinem Angsttraum sah er das Verschwinden von nationalem Sinn, er hörte aus den Parlamenten nur Geschwätz, keine Helden mehr, nirgends. Und das kommt einem doch bekannt vor: die Demokratieverachtung der Pegida-Demonstranten mitsamt ihrer Rufe, dass Putin ihnen heldenhaft zur Seite springen solle. Da spricht der leidende Opportunismus der gekränkten deutschen Seele, und zur Rettung naht immer eine Heilsgestalt, ein "bonapartistischer Erlöser" (Enzensberger), der das Abendland bewahrt. Damals schworen die Nazis, das Abendland "bis zur letzten Patrone" zu verteidigen.  

Heimweh nach Goethe

Bei Spengler und den Nazis kam das Böse noch aus dem Osten, heute ist der Islam zum Feind des Abendlands geworden wie in mittelalterlichen Erzählungen. Das Morgenland, solange es nicht von Wallfahrern als Abenteuer beschrieben wurde, erscheint wieder als Antagonist.

Und im Angesicht des schleichenden Untergangs muss die Identität eben neu befestigt werden, indem man eine unversöhnliche kulturelle Feindschaft behauptet, gegen die man sich zu verteidigen habe. Man betritt derart abendländisch vernebelt den fiktionalen Raum, in dem der Islam zu etwas wird, das uns aus archaischen Wüstenlandschaften heraus nach der Kultur trachtet.      

Deswegen stehen in dieser Vorstellung die Türken schon wieder vor Wien, allein, weil sie es schon einmal taten. Und wer wie aufrechte Abendländer an zyklische Geschichtsschreibung glaubt, kann gar nicht anders, als ewige Konflikte zu beschwören, zu erzählen, wie man damals schon die Osmanen vor Venedig in einer Seeschlacht besiegt und was Goethe dazu gesagt hat. Eine intellektuelle Mobilmachung. Und selbst all jene, die sich über die gegenwärtige islamistische Gewalt keine Illusionen machen, müssen über die geistige Radikalisierung erschrecken, die in der unendlichen Geschichte vom Untergang des Abendlandes liegt.

Kampfbegriff Abendland

Spätestens hier ist es ein Kampfbegriff geworden, unter dessen Banner Fremde immer Fremde bleiben müssen. Und es liegt im Wesen solcher Untergangsszenarien, dass in ihnen der Vitalismus einer Gesellschaft plötzlich nur noch im Verhältnis zum fremden Anderen existiert, beziehungsweise sich dagegen beweisen muss. Die behauptete Apokalypse ist ja vor allem ein an sich selbst gerichtetes Lebenszeichen und somit sind letztlich auch alle Egoismen, alle Selbstempathie, alles nur noch auf sich bezogene Denken und Handeln gerechtfertigt. Womöglich ist das Abendland eher eine Kollektivpsychose, sein Untergang miteingeschlossen.

Im Apokalyptiker steckt ohnehin ein eitler Mensch, in ihm steckt der Gegenwartsnarzissmus, der glaubt, seine Epoche, der er mit trüben Augen hinterhersieht, sei die wichtigste.    

So werden selbst die albernsten Dinge zu moralischen Artefakten. In den Verwüstungsfilmen von Roland Emmerich bündelt sich in einer verschütteten Cola-Dose plötzlich die ganze vermeintliche Schönheit einer untergangenen Welt (an dieser Stelle jetzt Streicher). Im Zustand der vermeintlichen Islamisierung wird plötzlich der Weihnachtsmarkt zu einer Bastion abendländischer Moral, die man vor den Muslimen schützen muss, ganz gleich, ob er überhaupt jemals zur Diskussion stand. Und hinterher gibt's den Themenabend Abendland bei Arte oder in der Volkshochschule Moers. Man seufzt und sagt: Hach, weißt du noch? 

Und ein seltsames Heimweh befällt manche dann. Heimweh nach Goethe. Heimweh nach Nietzsche, Bach und den Landschaftsgemälden des 18. Jahrhunderts, die man ja alle in Ehren halten kann, ohne sich hinter dieser intellektuellen Attrappe zu verschanzen, die das Abendland bedeutet. In diesem mythischen Geisterreich muss man zwangsläufig irgendwann aufwachen und feststellen, dass man sich eigentlich am Arsch der Welt befindet.