Ich dachte lange, ich fühl mich gut, ich steh' auf Digital. Mir gefällt die Geschichte der Tech-Hippies, die eine digitale Revolution mit Zahlen, Spaß und Anarchie gestartet haben. Ich kann mir eine Zukunft vorstellen, in der Technologie und Weltverbesserung Hand in Hand gehen und in der ich einen digitalen Assistenten mit der Stimme von Scarlett Johansson habe, der mich sanft und smart durchs Leben manövriert.

Smarte Energie könnte den Klimawandel besiegen, smarte Sicherheit uns vor Terroristen und Schulmassakern schützen, smarte Menschen könnten nie mehr krank werden. Bald schon würden wir, so lauteten viele der rosaroten Zukunftsszenarien, alle glücklich mit Rundumbetreuung auf googleartigen Campussen arbeiten. Alles schien möglich und war doch auch gut so. Aber längst hat Digital seine Unschuld verloren.

Unübersehbar ist inzwischen die Ausbeutung der digitalen Ideen für staatliche Kontroll- und private Profitinteressen, die scheinbar freundliche Übernahme unseres Lebens durch Maschinen, die uns smart durch die Gegend schubsen. Wir sind abhängig. Wir wollen die digitale Superdroge aber ohne Nebenwirkungen. So sind wir. Dialektisch, definitely and maybe.

Edward Snowden hat uns gezeigt, dass unsere schöne neue digitale Welt auch böse sein kann, dass, wer in ihr lebt, mit unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen hat. Und nicht nur mich hat er dazu gebracht, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Die meisten Wundermittel haben Nebenwirkungen, gerade die synthetisch hergestellten. Das Wundermittel Digital kann auch eine Droge sein, die in Überdosis konsumiert zu Kontrollverlust, Unselbstständigkeit, Verfettung, Arbeitsplatzverlust, gar Selbstzerstörung führt.

Kein digitaler Spaßverderber

Legale Medikamente haben eine Packungsbeilage, die uns die Heil bringenden Wirkungen erklärt, ohne uns die möglichen Nebenwirkungen vorzuenthalten. Und sie weist darauf hin, an wen wir uns bei Fragen und Problemen wenden können. Wo ist die Packungsbeilage für Digital und wer ist der Arzt oder Apotheker, an den wir uns wenden können?

Digital macht uns ganz wirr. Die meisten folgen trotzdem weiter dem Herdentrieb und hoffen, dass am Ende doch alles gut werde. Wer will schon als technophober, rückwärtsgewandter Algorithmenstürmer dastehen? Die Mehrheit will immer noch zur ganz großen Wer-das-liest-liest-auch-das-Gemeinschaft gehören. Hauptsache, kein digitaler Spaßverderber sein.

Gibt es Grenzen?

Das Elixier von Digital ist die Kopierbarkeit. Wenn alles reproduzierbar ist, wird das Original wichtiger, wertvoller, fand Walter Benjamin schon 1935. Heute kann der Einzelne und das Einzelne in einem unendlichen Meer von Daten eine ganz neue Bedeutung gewinnen. Darin liegt doch eine Chance, die Chance, dass die datengetriebene Vergemeinschaftung letztendlich zu einer größeren Wertschätzung von Individualität führen kann. Das wäre doch ein interessanter Twist und ein schönes Happy End für die Digitalisierung.

Die Grenzen von Digital sind nicht quantitativ, Digital ist gut in allem, was Masse, was riesige Datenmengen angeht. Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische Orte und Haptik, die Digital nicht kann, und die Dinge, die dort und dadurch entstehen, wie Überraschungseffekte, die Aha-Effekte, Geistesblitze. Umwerfend Neues kommt selten aus einem linearen Planungsprozess. Es braucht einen Raum für Unordnung und Imperfektes. Und im Imperfekten sind Menschen Digital weit überlegen.

Andre Wilkens: "Analog ist das neue Bio", Metrolit Verlag, Berlin 2015, 220 Seiten, 18 Euro © Metrolit

Es lohnt sich, einen Blick zurück zur Entstehung der Bio-Bewegung zu werfen. Die agroindustrielle Revolution im letzten Jahrhundert hat Hunger unnötig gemacht und unser ganzes Leben durchgreifend beeinflusst. Aber sie hat auch zu Machtkonzentration, Manipulation, Epidemien, Krankheiten und Umweltzerstörung geführt.

Eine Antwort darauf war die Bio-Bewegung, die auf naturnahe, nachhaltige Landwirtschaft setzt als Alternative zur technologischen Aufrüstung der Natur, zur Massentierhaltung und De-Regionalisierung. Obwohl sich der Anteil von Bioprodukten in den letzten 15 Jahren verdreifacht hat, ist Bio immer noch eine Nische und macht nur knapp vier Prozent des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus.