Der Filmemacher Valentin Thurn © Prokino Filmverleih

ZEIT ONLINE: Herr Thurn, wie haben Ihnen die frittierten Insekten geschmeckt, die Sie in Ihrem Film 10 Milliarden verspeisen?

Valentin Thurn: Die schmeckten gut. Ich kannte das schon aus Mexiko. Nur isst man dort kleine Heuschrecken, so klein, dass man sie gar nicht richtig als Insekten wahrnimmt. In Thailand, wo die Filmszene spielt, sind sie größer. Wenn man da reinbeißt, und es schaut noch ein Beinchen aus dem Mund, ist das schon ein komisches Gefühl. Und die frittierten Spinnen hätte ich vermutlich nicht runtergekriegt. Aber der Unterschied zwischen Heuschrecken und Shrimps ist nicht so groß.

ZEIT ONLINE: Insekten liefern wertvolle Proteine, sie verwerten ihr Futter effizienter als Hühner, Schweine oder Rinder, und sie leben klimaschonender. Sind sie die Zukunft der Welternährung?

Thurn: Ich glaube nicht, dass sie sich in Europa leicht verbreiten lassen. Das ist hier kulturell einfach nicht verankert. Aber in vielen afrikanischen Staaten, in Südasien, in den Südstaaten der USA und anderswo werden Insekten heute schon selbstverständlich gegessen. Dort kann es sinnvoll sein, künftig Insekten zu züchten anstatt Hühnern oder Fischen.

ZEIT ONLINE: 10 Milliarden ist nach Taste the Waste Ihr zweiter Film über Welternährung und Hunger. Was war Ihre größte Erkenntnis aus dieser Arbeit?

Thurn: Wie wichtig die Kleinbauern für die Versorgung ärmerer Länder sind, das hat mich wirklich überrascht. In der Entwicklungshilfe wird ihnen ja schon länger eine zentrale Rolle zugeschrieben. Ich hatte dahinter eine gute Portion Romantizismus vermutet; das stellte sich als völlig falsch heraus.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Thurn: Mein Ausgangspunkt war eine europäische Sicht. Ich sehe das agroindustrielle Modell sehr kritisch, weil ich glaube, dass es unsere Lebensgrundlagen zerstört. Aber die deutschen Biolandwirte sind auch keine Alternative, denn sie sind viel weniger produktiv. Pro Hektar erzeugen sie zum Beispiel ein Viertel weniger Getreide. Wie soll man so die Welt ernähren?

ZEIT ONLINE: Und, wie soll man?

Thurn: Die Frage ist falsch gestellt. In den Entwicklungsländern spielt der Gegensatz zwischen konventioneller Landwirtschaft und Biobauern gar keine Rolle. Der wahre Konflikt spielt sich dort zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern ab – und anders als bei uns holen die Kleinen dort im Schnitt viel mehr aus ihrem Land als die Großen. Einfach, weil sie mehr Arbeitskräfte einsetzen können, um es zu bewirtschaften.
Die Lehre daraus ist: Wer die weltweite Nahrungsproduktion erhöhen will, muss die Kleinbauern unterstützen. Und ganz nebenbei erreicht er dadurch auch noch, dass die zusätzlichen Lebensmittel genau dort ankommen, wo sie gebraucht werden, denn zwei Drittel der Hungernden weltweit sind heutzutage kleine Bauern.

ZEIT ONLINE: Halten Sie also die ganzen Hightech-Produktionsmethoden für nutzlos, die in niederländischen, kanadischen und japanischen Labors erforscht werden? Den Burger aus Kunstfleisch, den Salat, der weder Sonne noch Erde braucht, und den schnell wachsenden Genlachs?

Thurn: In reichen Ländern mögen solche Methoden sinnvoll sein. Aber wenn es darum geht, den Hunger in der Welt zu besiegen, spielen sie keine Rolle.