Trendsportart Debatte: Immer nur streiten, meinen und diskutieren.

Ich bin für Rundfunkgebühren. Ich bin für eine Frauenquote. Ich bin dafür, "das N-Wort" aus Kinderbüchern zu streichen. Ich bin für Griechenland und gegen Olympia. Ich bin für Facebook, aber gegen Apple. Dass Tiere für mein Essen sterben, nehme ich hin. Dass meine Verwandten Til Schweiger lieben, macht mich krank. Ich hasse Menschen, die "Gutmensch" sagen. Ich bin nicht Charlie Hebdo.

Vor allem aber bin ich unterwegs – oft kaum halb fertig in meiner Meinungsbildung: Ich brauche mehr Zeit. Als eine befreundete Lehrerin ruft: "Inklusion? Darunter werden alle Kinder leiden. Glaub mir!", starre ich ins Nichts und überlege: "Ja? Ich wünschte, ich hätte noch 15 weitere Perspektiven, Quellen. Blogs, Gutachten und Interviews." Wie viele Menschen mit Behinderung kenne ich näher? Zehn? Wie viele davon fragte ich nach Inklusion? Keinen.

Zeitungen hysterisieren sich

Jeden Tag lese ich gut 40 Artikel. Ich teile auf Facebook, frage Freunde und Fremde immer neu: Was haltet ihr davon? Ergibt das Sinn? Welche Perspektiven fehlen? Ich liebe Projekte, für die ein Mensch den Luxus und das Privileg fand, über Monate nachdenken, abwägen, recherchieren zu können. Im Alltag aber ertrinke ich in anderen Texten: Einseitigkeiten, Polemik. Hass. Schnellschüsse, für die sich Blogger oder Journalisten keine zwei Tage Gedanken machten. Viele solcher Texte verbreiten sich sofort, finden ihr Publikum – und wir verlieren an ihnen Zeit, Geld, Nerven.

Woher dieses Herumgemeine? Die Schlampigkeiten, Ressentiments, Kampagnen? Zeitungen hysterisieren sich. "Debatte" heißt zu oft, je nur zwei möglichst extreme Positionen vorzuführen – ohne Zwischentöne und Zweifel. Doch kann man "für oder gegen" die EU sein? "Für oder gegen" das Internet oder die Türkei? Talkrunden laden Rassisten, Populisten, Hardliner ein, "zum Ausgleich", "der Gerechtigkeit willen", "damit beide Seiten Gehör finden". Die Sprache? Unnötig militarisiert, Werte werden "angegriffen" und müssen "verteidigt werden", alles wird "Kulturkampf" und "Duell", "Konflikt" und bleibt verhandel- und umkehrbar, wer schreit, gewinnt, Kolumnisten spielen des Teufels Advokat: Berufsverbot für Depressive? Lockerung der Schweigepflicht? Zu viele Asylbewerber? "Wird man doch wohl noch fragen dürfen!"

Vor einigen Tagen fragte Bettina Weber in einem Text namens "Der Neid der Dicken", wer magersüchtige Models verbieten will. Neidische Frauenhasser, die selbst gern schlanker wären? Ein Kinderbuchverlag wird für ein Poster kritisiert, das über den Kopf eines Mädchens "Hohlraum" schreibt. Der NDR bezahlt Katharina Mahrenholtz, damit sie fragt: Was, wenn das keine Diskriminierung ist, "sondern Realität" – weil typische Jungs so über alle Mädchen denken? Ich finde, lese, teile und kommentiere viel mehr solcher Stichel-, Polemik- und Aggro-Texte als den braven, lauwarmen, abgewogenen Journalismus, den ich zu bevorzugen glaube.

Was wollen wir wirklich klicken, lesen?

"Die Tagesschau muss weg!", "10 Gründe, warum Frauen Arbeitsplätze vernichten", "PEGIDAs liebste Kinderbücher: Bildergalerie", "Gemüse macht dumm und krank!", "Til Schweiger: 40 Dinge, die er besser macht als Helmut Schmidt": Das wären Artikel, die ich sofort lesen will. Jeder Klick aber stärkt Texte, jede Reaktion legitimiert und stärkt den Autor, jede wütende Verlinkung hilft einer Meinungswüste, in der Leser nur völlig d’accord oder provoziert sein sollen. Jetzt abstimmen oder kommentieren!: "Ist diese 17-jährige Kasachin zu schön für das Volleyballfeld?"

Als Lesern wird uns so die Rolle eines Kindes zugeschrieben, das wie im Kinderquiz 1, 2 oder 3 zwischen primitiven Antwortfeldern springt: Oft laden ganze Feuilletons nur noch ein, laut "Zustimmung: Gut gebrüllt! Endlich sagt es jemand!" zu brüllen oder "Blödsinn! Alles falsch! Böser Mensch, böse Presse, böse Welt!" Wer widerspricht, relativiert oder ergänzt, wird als "empört" verhöhnt, Teil eines Shitstorms, Krawallmacher bei Twitter, Pedant. Für eine denkbare Position 4 oder 5 oder 17 ist keine Redezeit vorgesehen.

Dass Journalismus immer mehr Haltung zeigen will, statt reine Fakten und Ereignisse durchzutickern, ist eine Riesenchance. Mehr Leidenschaft! Mehr Kontext! Menschen werden bezahlt, um sich zu orientieren, Fragen zu Ende zu denken. Offenzulegen, warum sie Positionen wechseln. Sie wachsen zu Experten und nehmen uns mit durch Gedankengänge, oft komplex, oft provokant. Ihre Texte pointieren, bringen Bauchgefühle auf den Punkt – oder stoßen Vorurteile um.

Bleib, wie du bist: Deine Vorurteile stimmen!

Doch öffne ich jemals gerne Links wie "Alle Details über eine Lawine (50 Minuten Lesezeit)"? Artikel, die mir "richtige" Ernährung aufdrängen wollen oder "wichtige" Kunst, Ermahnungen, Hausaufgaben? Lesebefehle? Meine Traumartikel als Leser wären "100 Museen, die man sich schenken kann", "Gesundheit: 10 unbegründete Sorgen", "Politik: Was niemand wissen muss". Texte, die versprechen: "Du musst nicht umdenken, nichts ändern oder wissen, dir keine Sorgen machen. Wir zählen auf, was du ignorieren darfst. Deine Vorurteile stimmen. Bleib, wie du bist!"

Ein schöner Traum. Und ein perfider: Als ich eine Freundin frage, wo sich Mode in ihr Leben mischt, was sie an Kleidung stört, nervt oder beschäftigt, kocht sie über: "Jemand muss über Brautjungfernkleider schreiben! Die sind totaler Bullshit. Oder über teure Babysachen. So ein Bullshit! Warum schreibt keiner, was für ein Bullshit Kleidergrößen sind? Mir fehlen Texte, die alles anprangern!" Für sie stand fest: Die Modewelt, der Mode-Diskurs, die ganze Branche war Bullshit. Das Sprechen über Mode war kaputt. Sie wünschte sich Journalismus, der zum Kronzeugen für ihre Wut, zum Megafon für ihren Ärger wird – und alle Missstände täglich neu entlarvt. Ihr fehlten klare, laute Pranger- und Endlich-sagts-mal-einer-Texte, die ihren persönlichen Frust in Worte fassten, ihn online, öffentlich, plausibel teil- und like-bar machten: Shopping ist scheiße. Anpassen ist scheiße. "Sich hübsch machen" für Dates und Arbeitgeber: Riesenscheiße.

Bullshit-Journalismus

Die Sehnsucht, die eigene Wut in Meinungstexten gespiegelt zu finden, wächst: "Im Spiegel steht seit 60 Jahren derselbe Quark", hasst die Welt-Redakteurin Hannah Lühmann. "Der Feminismus ekelt mich an", hasst die Welt-Redakteurin Ronja von Rönne. Der Tagesspiegel lädt wöchentlich wechselnde Stimmen zu "Meinungsrülpsern" ein, und in der SZ fragten Lars Weisbrod und Nadja Schlüter in knapp 30 Kolumnen "Woher der Hass?" und zeichneten nach, weshalb bei Reizthemen wie Laubbläsern, Payback-Punkten und Veronica Ferres fast jeder "Bullshit!" schreit.

"Kommentare überholen Recherchen", fasste kürzlich die taz ihre Erfahrungen mit Wut-Autoren und Wut-Lesern zusammen: "Kommentare, Polemiken und Satire-Artikel" wurden 2014 zum ersten Mal deutlich häufiger geteilt als "harte Themen und aufwändige Recherchen." Ich selbst lese, teile diese Texte gern – weil sie entkrampfen, beruhigen. Die Fronten sind klar. Der Tonfall oft so schrill, dass ich nichts ändern, öffnen, geistig umräumen muss.

Das Feuilleton wird zum Hassknecht und Stellvertreter eigener Aversionen: Allerweltsfrust über Allerweltsfeindbilder (Mahner, Gutmenschen, Fremde, Frauen, Rauchverbote) sind mittlerweile auch in großen Feuilletons so bräsig, krachig, giftig, spitz, dass sie einer nicht-mehr-stummen Mehrheit aus dem Herzen sprechen. Argumente, so seicht, mies, grell, dass sie belacht, geteilt, endlos kommentiert, retweetet werden können: Bosheiten, Dummheiten und Provokation – in Häppchengröße.  

Fröhliche Kapitulation

Ich selbst hasse kein Gesicht aus allen Tageszeitungen mehr als den jovialen Ernährungsforscher, der fünfmal jährlich überall erklärt: Ernährungsumstellung? So ein Quatsch! Ist doch egal, was jeder isst. Was schmeckt, tut gut. Friss, was du willst! Seine These beruhigt. Im Guten: Er senkt Erwartungen, Angst, Druck. Aber auch ich im Schlechten: Vielleicht noch bitte ein Experte, der Steuern "überflüssig" nennt? Oder Umweltschutz? Bullshit-Texte laden ein zur fröhlichen Kapitulation: "Das Thema ist durch. Hier muss man nichts mehr denken oder ändern. Wir sind dieser Frage, dieser Angst, diesem Menschen keine Aufmerksamkeit mehr schuldig."

Die Debatte über irgendwas sei "langweilig geworden", heißt es dann gelegentlich als Begründung für die Lautstärke, in der die Debatte nun weitergeführt werden soll. Als sei Langeweile eine Kategorie, an der sich die Relevanz einer Debatte zu messen habe. Diskussionen über Feminismus, über Flüchtlinge oder den Euro müssen nicht unterhaltend sein, sondern fundiert. Wer Unterhaltung will, kann doch lieber Netflix gucken.

Noch nie konnten so viele Stimmen leichter an Debatten teilhaben. Schnell und auf Augenhöhe reagieren. Noch nie war es so leicht, seine Meinung zu ändern – aber so schwer, als Journalist in einer komplexen Gegenwart Positionen plausibel zu machen. Journalisten sind wie Suchscheinwerfer – wir richten unseren Blick auf Themen. Und tragen Verantwortung, diesen Themen gerecht zu werden. Ich will Kluges lesen können über die Frauenquote oder Inklusion. Bevor diese Texte reif sind, wird wohl noch viel mehr – strahlend, plakativ, hochunterhaltsam – zwischendurch gedisst, gehasst. Und: pseudo-gehasst.