Der Zeremonienmeister des gegenwärtigen Tech-Adventismus: Apple-CEO Tim Cook © reuters

Kapitalismus und Antikapitalismus haben ein gemeinsames Anliegen. Beide wollen die Arbeitszeit verringern, nur eben einmal pro Produkt und einmal pro Person. Insofern ist es vielleicht erst einmal versöhnlich gemeint, wenn Konzerne heute Geschäftsmodelle entwickeln, die den Menschen nicht mehr in erster Linie als Arbeitskraft betrachten, sondern als Abbaugebiet für den Rohstoff Daten, das Erdöl des 21. Jahrhunderts.

Schließlich muss der Einzelne gar nicht mehr im klassischen Sinne arbeiten, um internationalen Konzernen Profite zu bescheren. Solange er sein Smartphone dabei hat, genügt es vollkommen, wenn er sich einfach irgendwie verhält und den Konzernen die Daten überlässt, die er so produziert. Wir sind heute schon in der Fabrik, wenn wir nur unsere Großeltern anrufen.

Gegen die Ausbeutung der Nicht-Arbeiter helfen die klassischen politischen Instrumente der Linken wenig, schließlich lassen sich diese Produktionsverhältnisse nicht bestreiken. Seitdem alles, was wir tun, auch digitale Spuren hinterlässt, beliefern wir die Konzerne unablässig mit ihrem wichtigsten Rohstoff. Ganz gleich, ob wir gegen das Freihandelsabkommen TTIP demonstrieren, Petitionen für den Datenschutz unterschreiben oder Kollektive gegen Mietsteigerungen gründen: Unsere Krankenversicherung weiß in jedem Falle, dass wir gerade nicht im Fitnessstudio sind und deshalb auch keinen Beitragsbonus verdient haben. Und eine Gewerkschaft der Datenlieferanten ist nicht in Sicht.

Die Linke sucht nach ihrer Zukunft

Linken Debatten haftet deshalb dieser Tage immer eine Note tragischer Vergeblichkeit an, schließlich werden sie stets innerhalb der kapitalistischen Verwertungskette geführt. Bei dem großen Kongress zur Zukunft der europäischen Linken, den die Partei Die Linke am Wochenende in Berlin veranstaltet hat, war es wieder ganz genauso: Vorn auf den Podien sprachen missmutige Sachbuchautoren von Internationalisierung, Vernetzung, Teilhabe, konkreten Utopien und einer besseren, gerechten, menschenwürdigen Zukunft.

Und ein paar Straßen weiter saßen die Digitalentrepreneure der Start-Up-Hauptstadt Berlin und programmierten die entsprechenden Apps. Nicht undenkbar, dass Google gleichzeitig ein Big-Data-Projekt anschob, mit dem ein kenianischer Slum anhand von Google Maps kartografiert wird und so politische Anerkennung bei der Zentralregierung findet. Und irgendwo anders jemand eine Bank für Mikro-Kredite gründete, die somalischen Kleinbauern eine Anschubfinanzierung bereitstellt.

Wenn heute ein Zwanzigjähriger die Welt verbessern will, fragt er die Linken tendenziell zu allerletzt nach Ratschlägen. Auch unter den Utopisten sind die Fleißigen zum Neoliberalismus übergelaufen. Wenn jemand den Hunger in der Welt bekämpfen möchte, statt Finanzberater zu werden, soll er das auch aus Sicht der internationalen Konzerne bitte dringend tun. Wenn sein Projekt aussichtsreich ist, hilft Google sogar bei der Entwicklung der entsprechenden App.

Der Neoliberalismus wird so zu einer psychosozialen Kondition: Menschen müssen immer noch leiden, und es ist zu einem gewissen Teil auch deine Schuld. Obwohl die Themen der Linken also ungebrochen populär sind, fliegen Google und Facebook die Herzen zu, wenn sie zum Beispiel im nepalesischen Erdbebengebiet kostenlos Technologie zur Verfügung stellen.