ZEIT ONLINE: Herr Musumeci, Sie haben zwei Jahre lang im Schleuser-Milieu recherchiert. Welchen Eindruck haben die Schlepper auf Sie gemacht? Ist da Stolz? Scham?

Giampaolo Musumeci: Ich folge den Migrationsrouten seit 2006 und ich dachte natürlich, ich würde auf dunkle Gestalten treffen, auf gewissenlose Gangster. Aber der erste Schleuser, den ich interviewt habe, war außergewöhnlich freundlich, zugänglich, eloquent. Erst da habe ich verstanden, dass Schleuser in erster Linie Geschäftsmänner sind, die smart und clever sein müssen, wenn sie Erfolg haben wollen. Sie müssen die Beziehungen zu ihren Kunden pflegen, zur Polizei, zu Geschäftspartnern. Das sind sehr offene, umgängliche Menschen. Das hatte ich nicht erwartet.

ZEIT ONLINE: Den Eindruck erweckt die Branche nach außen nicht unbedingt.

Musumeci: Kürzlich ist in Italien nach einer der Schiffskatastrophen im Mittelmeer ein abgefangenes Telefongespräch zwischen einem der beteiligten Schleuser und seinem Boss veröffentlicht worden. Da konnte man hören, wie sich der Boss über den Tod seiner Klienten schlapp gelacht hat. Aber das ist die Ausnahme. Ich habe mit zehn, zwölf Schleusern gesprochen und das waren alles Geschäftsleute, denen es in erster Linie um Profit und stabile Marktbedingungen ging. Sie setzen alles daran, ihre Kunden sicher ans Ziel zu bringen. Wie in allen anderen Geschäftsfeldern hängt auch die Karriere der Schleuser von ihrer Reputation ab.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Musumeci: Wenn man mit dem Gedanken spielt, sich nach Europa schleusen zu lassen, fragt man zuerst seine Freunde, die schon in Europa sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und folgt dann deren Empfehlungen: Wer war dein Ansprechpartner, wer dein Agent, wie hat er dich behandelt. Wie bei jedem anderen Dienstleister auch. Ein ägyptischer Schleuser hat erzählt, er habe sich über die Jahre einen so guten Ruf erarbeitet, dass er sich seine Kunden nicht mehr suchen muss. Seine Erfolgsquote ist so hoch, seine Ruf so gut, dass sie mittlerweile ihn finden. In Libyen ist die Situation hingegen eine völlig andere: Seit Gaddafi weg ist, herrscht dort komplettes Chaos. Der Markt ist vollkommen außer Kontrolle und überschwemmt von Amateuren.

ZEIT ONLINE: Kann man sagen, dass die Gangster unter den Schmugglern den Ruf der gewissenhaften Schleuser und Fluchthelfer beschädigen?

Musumeci: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Die Amateure sind auch innerhalb ihrer Branche unbeliebt, weil sie die Reputation zerstören. Wir haben von einem Fall gehört, in dem ein etablierter Schleuserboss einen dieser rücksichtslosen Gangster, die sich um das Schicksal ihrer Klienten nicht scheren, erschießen ließ. Vielleicht war das nur eine Legende, aber sie erfüllte ihren Zweck: Es war eine Warnung an andere. Auf seinem Gebiet duldete er solche Praktiken nicht, weil sie schlecht für das Geschäft sind. Aber in Libyen können die Schleuser zurzeit machen, was sie wollen, weil die Nachfrage einfach nicht versiegt. Die Flüchtlinge aus Eritrea oder Somalia wissen, dass sie erst durch Libyen müssen, bevor sie in Europa ihr Recht auf Asyl geltend machen können. Davon profitieren diese Leute.