Ja, man hätte auch eine andere, weniger kraftmeierische Überschrift über diesen Text stellen können. Aber die Prognose, welche Überschrift mehr Leser anlockt, fällt meist nicht schwer. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Während eine verklausulierte Variante doch zumindest einen Moment des Nachdenkens fordert und ihre Intention nicht vollends preisgibt, hat die Variation "Fresse halten" zwei Vorteile: Sie ist klar verständlich, einerseits. Und, fast noch wichtiger: Sie provoziert eine Reaktion zwischen Neugier (Wer soll hier die Fresse halten?) und Abwehr (Etwa ich?).

Noch wirkungsträchtiger, versteht sich, wäre eine Version wie die folgende gewesen: "Mann, halt einfach mal die Fresse!" Sofort liegt Debattenkitzel in der Luft, sofort wird zugeschnappt, nach was auch immer, nach ein paar rhetorischen Matschbrocken vielleicht. In Zeiten schrumpfender Auflagen und Umfänge versucht manches Feuilleton auf diese, dem Boulevard abgelauschte Weise immerhin die Nasenspitze noch über Wasser zu halten.

Reden und Mitreden

Aber auch, wo es nicht ums nackte Überleben geht, ist unmittelbare Reaktion das Beste, was einem Text unserer Tage passieren kann. Reaktion ist zum Indikator für seine Wertigkeit geworden. Umgekehrt ist sie auch äußerst befriedigend für den Leser. Der nämlich muss, indem er reagiert, nicht vermeintlich passiver Leser bleiben, sondern wird selbst zum aktiv Sprechenden oder zumindest zu jemandem, der durch sein Sternchen oder den Daumen einem Beitrag seine Anerkennung gewähren oder eben auch verweigern kann. Reden und Mitreden ist nicht nur das Grundprinzip sozialer Foren, es ist unser Daseinsprinzip schlechthin geworden. Es geht unserem Denken voraus. Und das ist das Problem.

Wie bei fast jeder mentalen Neujustierung – darüber ist hinlänglich und in den verschiedenen Epochen geschrieben worden – bildet Technik das Fundament. In unserem Fall etwa: die Möglichkeit, im eigenen Blog oder in sozialen Foren oder aber, wie unter diesem Text, in die Kommentarfunktion eines Onlinemediums zu schreiben, was man schon längst hat sagen wollen. Und wenn nicht längst, so doch zumindest sehr dringlich.

Was aber passiert, wenn man diese Aussage, probeweise, einmal umdreht: Stellen diese technischen Möglichkeiten wirklich nur den Raum bereit für etwas, das sich als Meinung oder Inhalt gebildet hat und nun einen Übertragungskanal braucht? Oder wird die Apparatur nicht zu einer Maschinerie, deren Taktung wir uns hingeben und gehorsam, so wie es ihr Rhythmus will, Äußerung nach Äußerung tun?

Ausdruck der Stärke

Die andere Möglichkeit, die heute geradezu verpönt erscheint, die als Zeichen von Schwäche oder Dummheit oder einfach auch nur Langweiligkeit gewertet wird, wäre: auch einmal nichts zu sagen. Zu schweigen. Und womöglich, immerhin könnte man es in Erwägung ziehen, wäre dieses Schweigen ein Ausdruck der Stärke desjenigen, der sich dem medial vorgegebenen Takt verweigert.

Einer der berühmtesten Schweiger der Literaturgeschichte war Robert Walser. Noch dazu ist er jemand, der Einblick in das eigentliche Wesen des Schweigens gewährt: Das ist nämlich keineswegs mit einem Verstummen zu verwechseln. Vielmehr schrieb Walser, der sich aus dem öffentlichen Leben, und das hieß vor allem: aus dem Schreiben für Zeitungen, zurückzog, seine Texte ab Mitte der 1920er Jahre mit Bleistift in einer immer kleiner, immer mikroskopischer werdenden Schrift.

Freiheit des Denkens und Sprechens

Erst vor wenigen Jahren hat man entdeckt, dass sich in den Aufzeichnungen, die man lange Zeit für die inhaltsleeren, abstrusen Kritzeleien eines zusehends einer Geisteskrankheit erlegenen Autors hielt, ebenso scharfsinnige wie poetische Gegenwartsanalysen verbergen. Man muss nur mit der Lupe das Schriftbild etwas vergrößern.

Was Robert Walser mit seinen Aufzeichnungen aus dem Bleistiftgebiet getan hat, war also kein Verstummen, sondern vielmehr, sich dem Zwang einer Redemaschinerie zu entziehen, den Anforderungen einer beginnenden Mediengesellschaft, und eine Freiheit des Denkens und Sprechens zu vollziehen. Frei war dieses Schreiben eben deshalb, weil es nicht auf Nutzungszusammenhänge ausgerichtet war. Und weil es keine Antwort erwartete.

Auf fast unheimliche Weise passt Walsers Tod in dieses Bild: Er starb 1956 bei einem Spaziergang in den verschneiten Appenzeller Bergen. Zwischen den letzten seiner Fußabdrücke und der Leiche Walsers, das zeigt ein Foto, blieb eine Fläche unberührten Schnees, die er unmöglich durch einen Sprung hätte überwinden können. Zwischen Walsers Tod und den letzten Spuren seines Lebens klafft eine Lücke, die sich nicht schließen lässt. Ein Rätsel, das nicht stumm ist, aber auch keine einfache Auskunft gibt.