Tony Stark, der Held aus dem Film Iron Man, hat ein Problem. Mit seinem Anzug aus Stahl hat er die mächtigste Waffe der Welt entwickelt. Allerdings findet die amerikanische Regierung, es könne nicht im Interesse der Allgemeinheit sein, dass die nationale Sicherheit der USA in den Händen eines einzigen Mannes liegt. Vor Gericht ruft Tony Stark den Staatsmännern zu: "Sie wollen mein Eigentum? Sie werden es nicht bekommen. Aber ich habe Ihnen einen großen Gefallen getan: Ich habe den Weltfrieden privatisiert." Den letzten Satz richtet Tony Stark schon nicht mehr an die Regierungsvertreter: Er ist aufgestanden, hat sich zum Publikum im überfüllten Gerichtssaal gedreht und die Arme ausgebreitet. In der Pose des Erlösers nimmt er den aufbrandenden, frenetischen Applaus entgegen. Er hat die Öffentlichkeit gegen ihre eigenen politischen Vertreter ausgespielt.

In der Geschichte über Facebooks neue Vereinbarung mit führenden internationalen Medienhäusern geht es gerade ganz ähnlich zu, nur dass der 31-jährige Supermilliardär Mark Zuckerberg hier die Rolle von Tony Stark übernimmt. Facebook hat gerade das neue Feature Instant Articles lanciert, das es seinen Nutzern erlaubt, Artikel, die in ihrer Timeline auftauchen, direkt auf Facebook zu lesen. Bisher laufen in dem sozialen Netzwerk lediglich Links, die auf die Seiten der Medienunternehmen verweisen. Instant Articles erspart den Nutzern diesen Umweg.

In der Anfangsphase sind unter anderem die New York Times, der britische Guardian, NBC, die BBC, Spiegel Online und Bild auf das Geschäft eingegangen: Sie verzichten auf die Klicks auf ihren eigenen Seiten, die sie eigentlich brauchen, um Anzeigenerlöse zu erzielen. Dafür dürfen sie auf Facebook im Umfeld ihrer Artikel eigene Anzeigen schalten. Außerdem bekommen sie von Facebook die Daten derer, die ihre Artikel lesen und erhalten so Einblicke in die Demografie ihrer Nutzer, die sie selbst nicht erlangen können, weil ihnen die Technologie dazu fehlt.

Problem oder zeitgemäßes Geschäftsmodell?

Viele Beobachter bewerten dies als gefährliche Entwicklung. In den vergangenen Tagen wurde ausführlich darüber diskutiert. Problematisch sind Instant Articles tatsächlich, wenn man die Medien ausschließlich als quasi-staatliche Institutionen betrachtet, auf die eine Demokratie nicht verzichten kann. Allerdings waren Medien immer schon nur zur Hälfte verfassungsrechtlich geschützte Kontrollorgane. Sie waren auch vor dem digitalen Zeitalter marktwirtschaftliche Unternehmen, die über zeitgemäße Geschäftsmodelle verfügen mussten, um sich am Markt zu behaupten. Den inhärenten Widerspruch, den diese Doppelrolle zwangsläufig mit sich bringt, überbrücken viele Medienunternehmen, indem sie Verlag und Redaktion so gut wie möglich trennen.

Instant Articles ist nur ein Symptom einer größeren Entwicklung, die von Europa aus mit sehr viel größerem Unbehagen beobachtet wird als in den USA. Es geht darum, dass der Kapitalismus mittlerweile auch immaterielle öffentliche Güter wie die Versammlungs- und Pressefreiheit privatisieren kann. Nachdem in den neunziger Jahren in Deutschland die Bahn, die Post und die Telekom privatisiert wurden, nachdem auch Krankenhäuser und Universitätsinstitute nicht mehr sakrosankt sind, scheinen nun demokratische Institutionen wie die Rechtssprechung und die Meinungsfreiheit an der Reihe zu sein.

Der Arabische Frühling konnte zum Beispiel überhaupt nur deshalb so groß werden, weil Facebook und Twitter einen privaten Raum zur Verfügung gestellt haben, in dem die staatliche Kontrolle der Medien nicht griff. In den USA feiern weite Teile der Öffentlichkeit schrumpfende Zuständigkeiten des Staates deshalb als Erfolg für die Freiheit des Einzelnen. In Europa widersprechen derartige Privatisierungen der Grundidee des Nationalstaats.