Wie mächtig eine Idee geworden ist, merkt man erst richtig, wenn ihr größter Feind sie aufgreifen muss, um zu überleben. Der Fast-Food-Kette McDonald's zum Beispiel geht es gerade nicht so gut. Die Umsätze brechen ein, die Menschen wollen keine Chicken McNuggets mehr, sie wollen in Gentrifizierungsgaststätten Biofleisch-Burger von rustikalen Holzbrettern essen.

Die neue bewusste Esskultur: Selbst ein Franchise-Monster wie McDonald's muss vor ihr in die Knie gehen und fotografiert seine Burger jetzt auch auf unpolierten Holzbrettern, daneben, in Kreide-auf-Schiefertafel-Optik, der Hinweis, es handele sich um "100% Simmentaler Rind aus Deutschland".  Vorbild sind natürlich die hippen Burger-Läden, die gerade an jeder Ecke auf und McDonald’s das Geschäft kaputt machen.

Man könnte zufrieden lächeln, angesichts des drohenden Niedergangs und dieser hilflosen Neuerfindungsversuche. Immerhin geht es um einen Weltkonzern, dem von Umweltzerstörung über die Adipositas-Förderung bis zu Unterbezahlung so ziemlich jede Verfehlung vorgeworfen wurde.

Der Schauspieler, Autor und Hollywood-Star James Franco lächelt aber nicht, er schaut nostalgisch betrübt zurück. "McDonald's war für mich da, als es niemand sonst war", schreibt er in einem Beitrag für die Washington Post und erzählt, wie er vor seinem Karriere-Durchbruch an einem McDrive-Schalter jobbte und Pommes aus der Fritteuse naschte. "Wie das Essen war auch der Job dort leichter zu haben als sonst irgendwo", schreibt er über McDonald's. Natürlich wurde Franco sofort kritisiert: Völlig naiv sei sein Blick auf den Konzern.

Aber vielleicht muss man ja diese kindliche Naivität mitbringen, für die Franco so berüchtigt ist, um eine Leerstelle zu entdecken, die inmitten der allumfassenden neuen Esskultur klafft. Denn zusammen mit dem alten McDonald's, zusammen mit McDrive und Chicken McNuggets könnte etwas verloren gehen, das wir eines Tages vermissen werden: die Utopie der Verfügbarkeit. Wenn Franco schwärmt, dass McDonald's immer für ihn da war, dann unterstellt er nicht etwa einem Großkonzern Altruismus. Was Franco da in seinen nostalgischen Erinnerungen an McDonald's aufleben lässt, das entspricht viel mehr einem anderen, uralten Traum.

Colafantasprite?

Als Adam und Eva sich im Paradies durch die Bäume fraßen, als sich die Menschen im Schlaraffenland die gebratenen Tauben in den Mund fliegen ließen, da hatten diese Fantasien vom guten Essen immer eines gemeinsam: Es ging nicht um Genuss, nicht um innige Verbundenheit mit der Natur, schon gar nicht um die eigene Fit- und Wellness. Es ging um Verfügbarkeit. Darum, dass Essen schlicht und einfach da war, ohne dass es mühsam angebaut, produziert, verarbeitet, gesät, geerntet, gemahlen oder gepresst werden musste. All diese Tätigkeiten, die sich heute zu Fetischen der Ernährung oder sogar zum zeitintensiven Hobby des Großstädters aufgebläht haben. Der Traum war einmal, dass man sie endlich loswerden könnte.

Bei McDonald's erfüllte er sich. Nicht nur, weil die Burger hier dank durchrationalisierter Zubereitung schon immer in den Burger-Regalen warteten, bevor man sie überhaupt bestellt hatte. Vor allem die systematische Abfertigung des Gastes war es, die sich nicht nur betriebswirtschaftlich als Erfolgskonzept erwies, sondern auch soziologisch: Alle Zugangshürden wurden abgeräumt, die zwischen dem Hungrigen und dem Essen standen. Noch der Besuch im billigsten Restaurant setzt eine gewisse Kulturleistung voraus: Wie bestellt man, wie spricht sich das Essen aus, welche Getränke passen dazu. Auch McDonald's, auch Fast Food hat zwar seine Regeln, aber die werden klar und demokratisch kommuniziert, auf Erklärtafeln und vom Personal, das einen ohne verachtende Blicke durch den Bestellvorgang führt: Zum Hieressen oder zum Mitnehmen? Colafantasprite?