Die Menschheit erlebte drei große narzisstische Kränkungen: Kopernikus hatte offenbart, dass die Welt nicht im Mittelpunkt des Universums steht; Darwin hatte erklärt, dass der homo sapiens nicht von Gott, sondern vom Affen abstammt und Freud hatte schließlich gezeigt, dass "das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist". Im speziellen Fall der Bundesrepublik kommt jedoch noch eine vierte Kränkung hinzu: Die Bahn kommt nicht. Als der GdL-Chef Claus Weselsky nämlich jüngst den sechstägigen Ausstand der Lokführer ausrief, den längsten in der Bahn-Geschichte, geriet das deutsche Weltbild ins Wanken.

Wie, so der Tenor, könne sich eine renitente Spartengewerkschaft erdreisten, Millionen Kunden für ihre unverschämten Forderungen in Geiselhaft zu nehmen? Wie könne Weselsky, dieser kaviarsozialistische Schimanski der Schiene, die Frechheit besitzen, einem ganzen Volk den Fahrgastraum zu nehmen? Ja, wie könne dieser schnauzbärtige Apparatschik den Standort Deutschland so aufs Spiel setzen? Denn: Wer dem Pendler, hierzulande bekanntlich eine mythische Schicksalsfigur, die im politischen Geisterreich direkt hinter Siegfried, Barbarossa, Faust und den Märkten rangiert, derart übel mitspielt, kündige den Gesellschaftsvertrag auf und ebne den direkten Weg in die Barbarei.

Und als ob soviel Aufruhr noch nicht genug wäre, haben in Teilen des Landes nun auch Kita-Erzieherinnen und Geldtransporteure ihre Arbeit niedergelegt. Die Bundesreplik, sie ächzt unter der Diktatur der Lohnempfänger. Bevor sich in deutschen Städten also frustrierte BahnCard-Inhaber mit Heugabeln bewaffnen und eigenmächtig Stellwerke stürmen, bedarf es einer Lösung.

Manche sagen: Soll der soziale Friede gewahrt bleiben, müssten dort, wo Grundrechte zu notorischem Querulantentum führen, eben Grundrechte eingeschränkt werden. Da Ruhe offenbar nicht nur erste Bürger-, sondern auch Arbeiterpflicht ist, wird bereits eifrig über eine Modifizierung des Streikrechts diskutiert. Man möge sich hierzulande, so lautet der implizite Ratschlag mancher Beobachter, doch einfach an das Credo Homer Simpsons halten. Der Vater der gelben Zeichentrickfamilie hatte seiner Tochter Lisa nämlich einst mit auf den Weg gegeben: "Wer seinen Job nicht mag, der streikt doch nicht. Da latscht man einfach täglich hin und arbeitet nur mit halber Backe."

Nun muss man freilich sagen: Natürlich sind Zugausfälle nervig. Und natürlich ist es ebenfalls lästig, wenn Eltern womöglich über Wochen für Ersatzbetreuung sorgen müssen. Kurzum: Subjektiv gesehen, ist niemandem die streikbedingte Empörung abzusprechen. Nur sind situative Befindlich- und Empfindlichkeiten nicht immer ein guter Ratgeber für politische Haltungen.

Aber sind die Forderungen der Lokführer, um bei diesem Beispiel zu bleiben, nicht unverhältnismäßig? Man könnte zunächst einmal entgegnen: Unverhältnismäßig ist, dass ein 40-jähriger Lokführer mit 17 Jahren Berufserfahrung lediglich rund 1.500 Euro netto verdient. Unverhältnismäßig ist ebenso, dass dessen Kollegen in Spanien, Italien, Frankreich oder den Niederlanden signifikant mehr verdienen. Und unverhältnismäßig ist schließlich auch, dass die Bahn im letzten Jahr rund zwei Milliarden Euro Gewinn gemacht hat und eine fünfprozentige Gehaltserhöhung für überzogen hält.

Politische Insolvenzverschleppung

Was also soll die GdL machen? Auf die Unterstützung durch die Genossen im Wirtschafts- und Arbeitsministerium, die eigentlich natürliche Verbündete sein müssten, ist ja, man möchte mit Thomas Bernhard fast sagen, naturgemäß kein Verlass. Sowohl Sigmar Gabriel als auch Andrea Nahles sind den Lokführern vielmehr öffentlich in den Rücken gefallen. Die SPD agiert momentan also ungefähr so sozialdemokratisch wie Ayn Rand beim Restpostenverkauf. Oder anders gesagt: Wer sich auf das Erbe August Bebels beruft, gleichzeitig jedoch für TTIP und gegen Gewerkschaften eintritt, betreibt politische Insolvenzverschleppung.

Aber, so hört man nun, irgendwann muss doch auch mal Schluss ein. Keiner könne doch wohl die Latinisierung der Arbeitskämpfe wollen! Sicherlich ist es wünschenswert, dass Streiks einem nicht wie in Frankreich quasi tägliches Improvisationstalent abfordern. Doch davon kann im Fall Deutschlands auch noch überhaupt gar keine Rede sein. Hierzulande gab es im Jahr 2014 pro 1.000 Beschäftige gerade einmal 16 Streiktage. Das ist im europäischen Vergleich extrem wenig. Selbst in jenen Ländern, die als Musterbeispiele sozialer Befriedung gelten, gibt es wesentlich mehr. In Norwegen waren es letztes Jahr beispielsweise 53 Streiktage, in Finnland 76, in Dänemark sogar 135.

Regieren durch Sedieren

Entscheidend in der ganzen Debatte ist aber vor allem auch, dass die aktuellen Streiks mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile sind. Hier geht es nicht nur darum, wie viel Lokführer oder Erzieherinnen verdienen. Pars pro toto sind sie auch von makroökonomischer und psychopolitischer Bedeutung. Schon 2010 hatte die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde, die mittlerweile Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds ist und kommunistischer Umtriebe daher eher unverdächtig scheint, gefordert, dass Deutschland durch höhere Tarifabschlüsse endlich mit jener "beggar-thy-neighbour"-Politik Schluss machen müsse, die Europa in eine Dumpingspirale führt.

Streiks sind möglicherweise auch eines der letzten probaten Mittel, um das neoliberale Narrativ der vielzitierten Alternativlosigkeit aufzubrechen. Dass dieses in Deutschland besonders wirksam ist, verdankt sich vornehmlich auch Merkels psychopolitischem Paradigma der konsequenten Demobilisierung aller sozialen Kräfte: Regieren durch Sedieren. Im Kontext dieser programmatischen Indifferenz der Kanzlerin, ergibt sich der Affront der Arbeitsniederlegung somit allein schon daraus, dass jemand es wagt, die Dinge, die er sagt, auch wirklich ernst zu meinen.

Doch genau das, die Dinge ernst zu meinen, ist der Kern des Politischen. Zumindest wenn man dem französischen Philosophen Alain Badiou folgt. In seiner Theorie des Ereignisses hat dieser nämlich den Begriff der "Treue" geprägt. Nach Badiou existiert die Veränderung der Verhältnisse somit immer nur im Futur II: Sie wird gewesen sein. Das heißt, dass man in bestimmten historischen Situationen einen gewissen erkenntnistheoretischen Vertrauensvorschuss leisten, ihr also die Treue halten muss, damit sich das in ihr angelegte Potenzial entfalten kann. Das gilt etwa für jene Momente, in den wir uns verlieben, eine wissenschaftliche Entdeckung machen oder eben die Möglichkeit politischer Veränderung erkennen.

"Ich möchte lieber nicht"

Nun hat Badiou bei seiner Idee vom "Ereignis" vermutlich an etwas weniger prosaische Fälle wie die Streiks von Lokführern oder Erzieherinnen gedacht. Gleichwohl mag seine Theorie, zumindest in abgeschwächter Form, hier als guter Stichwortgeber dienen. Denn anstatt sich nur über entstandene Unannehmlichkeiten zu empören, könnte man den Streikenden auch schlicht die "Treue" halten. Oder einfacher gesagt: Solidarität zeigen. Denn, das wusste schon Hegel, das Allgemeine offenbart sich stets im Konkreten. Sprich: die Gerechtigkeit einer Gesellschaft bemisst sich auch daran, wie gut etwa diejenigen, die unsere Kinder erziehen, bezahlt werden.

Nun ist er hierzulande zwar noch nicht so weit wie in Großbritannien, wo die Tories – und ihre Wähler – jegliche öffentliche Daseinsfürsorge ganz unverhohlen verachten. Der Neoliberalismus mit deutschem Antlitz offenbart sich jedoch zusehends als eine Art Zombie-Etatismus. Der Staat firmiert bei vielen Bürgern als politische Wunschmaschine, in dessen Maschinenraum man aber lieber keinen Blick werfen will. Eisenbahner und Erzieherinnen haben ihre Arbeit zu machen, unter welchen Umständen und zu welchem Preis ist indes egal. Das Schlimmste beider Welten sozusagen: Sozialistischer Versorgungsfanatismus trifft auf neoliberale Ich-Versessenheit.

Das Paradoxe am Neoliberalismus besteht nun aber schließlich darin, dass er sich zwar einerseits in seiner größten Krise befindet, andererseits aber gerade dadurch eine performative Affirmation erzwingt. Im permanenten ökonomischen Ausnahmezustand firmieren angemessene Löhne und verbriefte Grundrechte vielen als verzichtbarer Luxus. Der Gedanke, dass es Deutschland – und auch Europa – durch eine andere Politik besser gehen könnte, grenzt somit schon fast an Sabotage. Dass es anderen immerhin schlechter geht, reicht fürs deutsche Selbstverständnis völlig aus. Vor diesem Hintergrund scheint gelebte Negation deshalb nötiger denn je.

Für den Moment bräuchte es deshalb nicht weniger, sondern noch mehr Bartlebys wie Weselsky. Der Held aus Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung reagiert auf die an ihn gestellten Zumutungen nämlich stets nur mit einer Antwort: "Ich möchte lieber nicht."