Zivilisationskrisen sind immer auch Begriffskrisen. Zuletzt hat es den Begriff "Skepsis" erwischt: Von der Antike bis in die Hochaufklärung galt man als Skeptiker, wenn man an sich die Neigung feststellte, zwei widersprüchliche Überzeugungen im Zweifelsfall für gleichrangig plausibel zu halten, und sich deshalb auf keine Seite zu schlagen. Skeptiker verbrachten ihr Leben in einem Zustand distanzierter Gleichmut. Heute geht man oft schon als Skeptiker durch, wenn man jemandem nicht über den Weg traut.

Auch auf der Medienkonferenz re:publica in Berlin war das gerade wieder zu beobachten, wo sich jedes Jahr politische Skeptiker mit Onlineschwerpunkt treffen. In seiner Eröffnungsrede legte der MIT-Medientheoretiker Ethan Zuckerman es als gutes Zeichen aus, dass in fast allen westlichen Demokratien die Wahlbeteiligung sinkt. Schließlich offenbare sich darin eine gesunde Skepsis gegenüber dem politischen Betrieb.

Diese Skepsis, so Zuckerman, müsse man nun für den politischen Wandel von unten nutzbar machen, indem man Plattformen schaffe, mit denen die Menschen Einfluss auf die Politik, die Märkte und soziale Normen nehmen könnten. Schließlich seien sie nicht unpolitisch. Sie glaubten nur nicht mehr, dass Wahlen irgendetwas verändern würden. Das ganze System sei bankrott.

Als Paradebeispiel für gesellschaftliches Engagement, das über das reine Wählen hinaus geht, führte Zuckerman die italienische Plattform Monithon an. Monithon vernetzt Leute, die in ihrer Freizeit in den Büros ihrer Abgeordneten vorstellig werden und deren Arbeitsfortschritte kontrollieren. Der kanadische Informatiker Steve Mann hat für dieses Vorgehen im Jahr 2003 den Begriff der sousveillance entworfen: Überwachung von unten.

Sousveillance ist als Reaktion auf einen Überwachungsstaat gedacht, der seine Bürger bis ins Letzte durchleuchtet, selbst aber vollkommen undurchdringlich bleibt. Um gewissermaßen einen Ausgleich zu schaffen, sollten die Bürger ihre Überwacher nun zurücküberwachen, indem sie so viele Daten wie möglich sammeln und sie im Internet öffentlich zugänglich machen. WikiLeaks geht so vor, im kleineren Maßstab auch der Fotograf Trevor Paglen, der mit seinen Aufnahmen der Überwachungsarchitektur weltberühmt geworden ist, und auch der Einsatz von Drohnen durch Demonstranten folgt dieser leicht medizinischen Logik: Die Wahrheit liegt irgendwo verborgen, wir brauchen nur das richtige bildgebende Verfahren.

Was Ärzte allerdings schon lange wissen: Wenn man einen Patienten nur lange genug untersucht, stößt man zwangsläufig auch irgendwann auf einen Befund. Oder analog dazu: Wenn man nur lange genug überwacht, verhält sich der Überwachte irgendwann auch verdächtig.

Journalisten mit Inszenierungshoheit

Je mehr Kameras laufen, desto mehr schwindet das allgemeine soziale Grundvertrauen, das zwar einerseits radikal naiv ist, ohne das eine Gesellschaft andererseits aber nicht funktionieren kann. Dieses Grundvertrauen reißt der Überwachungsstaat systematisch ein. Weil er alles für verdächtig hält, was unsichtbar ist, macht er das Misstrauen zum Grundzustand. 

Gerade Journalisten bekommen zu spüren, wie tief sich das Misstrauen gegen die Eliten und jene, die als Eliten empfunden werden, bereits in die kollektive Psyche der Deutschen gegraben hat. In den verschiedenen Einschließungsmilieus, die sich im digitalen Raum zu allerlei Protestbewegungen zusammenschließen, gibt es eine große Übereinkunft, dass den Journalisten nicht zu trauen sei, weil sie den Regierenden näher seien als den Regierten.

Bei Suhrkamp ist gerade das Buch Die Unbelangbaren vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer erschienen, in dem es heißt, dass die Journalisten letztlich sogar einflussreicher als die Politik seien, weil sich die "Vorstellung des Publikums nicht schon aus der Herstellung, sondern erst aus der Darstellung der Politik" ergebe: "Am Ende macht immer der Journalist das Rennen, weil er als letzter Gatekeeper über die Inszenierungshoheit verfügt und die Angebote durchwinken, verändern oder mit Gegeninszenierungen kritisch zerlegen kann."