Als eigentlich alles vorbei ist und die Särge fast verlassen vor dem Kanzleramt stehen, ist endlich Zeit und Platz für Fotos. Die junge Frau stellt sich in Pose, das aus Ästen gebastelte Holzkreuz an ihre Schulter gelehnt. Sie trägt schwarze, enge Jeans, ein schwarzes Top und eine Art schwarzen Überwurf. Sie lächelt kurz für das Foto vor Sarg und Regierungssitz, dann besinnt sie sich und schaut lieber etwas ernster. Fertig ist das Foto fürs Protest-Poesiealbum.

Der "Marsch der Entschlossenen" ist an diesem Sonntag durch das Berliner Regierungsviertel und bis fast vor's Kanzleramt gezogen. Es war der Höhepunkt einer Kampagne des Zentrums für Politische Schönheit, die unter den Motto "Die Toten kommen" das Elend der sterbenden Flüchtlinge und den Umgang mit ihren Leichen an den EU-Außengrenzen in das Bewusstsein Europas hämmern will. 

Am Dienstag hatten sie, sagen sie, eine Syrerin begraben auf einem Friedhof am Berliner Stadtrand. Am Freitag folgte die nächste Beerdigung. Und dazu und dazwischen immer: viele wuchtige Worte und einige Unwahrheiten, die der Inszenierung dienten, und die man natürlich als Freiheit der Kunst verstehen kann und nicht einfach als effektvolle Lüge.

Das Zentrum kündigte zum Beispiel an, Bundespräsident Gauck käme zu einem der Begräbnisse. Das musste dieser dann dementieren. Sie schrieben noch kurz vor der Demo, dass nun die Leichen auf dem Wasserweg unterwegs seien zum Kanzleramt. Zu sehen war weit und breit kein Leichenschiff. Politiker kritisierten, Medien kommentierten, und mit jeder Wortmeldung gewann das Zentrum für politische Schönheit mehr von dem, was es wollte: Aufmerksamkeit.

Am Sonntagmittag um 14 Uhr dann also Treffpunkt Unter den Linden. Ein paar Tausend Menschen, die Polizei wird später von 5.000 sprechen. Aus der Entfernung schallt Beethovens Ode an die Freude über die Straße bis zu den Demonstranten. Die Europahymne, das passt. Sie ziehen dann langsam den kurzen Weg zum Kanzleramt, und so richtig kann sich die Menge nicht entscheiden, ob sie nun traurig oder wütend auftreten will. Manche halten schweigend ein paar Blumen und Holzkreuze, andere rufen die bekannten Slogans: We are here and we will fight, freedom of movement is everybody's right! Vor Maredo und dem Cafe Einstein schauen die Touristen kurz irritiert von ihren Milchkaffees und Steaks auf.

Als die Demonstranten an den Bürogebäuden der Abgeordneten vorbeiziehen, löst sich einer schnell aus der Menge und sprüht "Blut an euren Händen" in roter Farbe an die Mauer. Applaus von seinen Mitstreitern.

In der Rhetorik des Zentrums für politische Schönheit sind die europäischen Bürokraten und Politiker die Mörder. Direkt und allein verantwortlich für jede Leiche, die im Mittelmeer schwimmt. Und auch für den vermeintlich unwürdigen Umgang mit diesen Leichen. Einer der Aktivisten hat fotografiert, wie sie in Plastiksäcken gestapelt übereinander in einer defekten Kühlkammer im Keller eines italienischen Krankenhauses lagern. Es ist ein brutales Bild.

Reportage klärt über Lage auf Sizilien auf

Ein Reporter der Taz ist mittlerweile dorthin gereist, wo das Bild entstanden ist, ins sizilianische Augusta. Er hat den Bestatter getroffen und den Rechtsmediziner, war in Krankenhäusern, bei Geistlichen, in der Kommunalverwaltung, und schließlich auf dem Friedhof. Manche verweigern die Aussage, andere relativieren oder klagen an, und am Ende dieser präzisen, suchenden Reportage ist zweierlei klar: Was mit diesen Leichen passiert ist, ist tatsächlich unwürdig. Wer dafür die Verantwortung trägt, ist aber nicht so einfach zu beantworten.

Es ist eher eine Mischung aus Überforderung, Desinteresse und mangelnden Ressourcen, die die Leichen in diesem Container hat enden lassen. Auch daraus lassen sich Schlüsse ziehen, auch nach der Lektüre dieses aufklärenden Artikels kann man noch wütend sein, auch auf die europäischen und den deutschen Innenminister, Zielscheibe Nummer eins der Schönheit-Aktivisten. Aber man hat halt zusätzlich noch was verstanden von der Welt.

Das Leid der Flüchtlinge ist längst eines der journalistischen, künstlerischen und politischen Großthemen. Auf den Bühnen und in Ausstellungen, in Großreportagen und Talkshows im Bundestag und Sonntagsreden. Eine Sonntagsrede hielt am gestrigen Samstag zum Beispiel Joachim Gauck. Die Bundesregierung hatte diesen 20. Juni zum "Nationalen Gedenktag für Vertriebene" erklärt, im UN-Kalender wiederum steht er als Weltflüchtlingstag. Gauck sagte also: "Wir würden unsere Selbstachtung verlieren, wenn wir Menschen, die vor den Toren unseres Kontinents auf dem Wasser treiben, sich selbst überließen." Das Ziel der Berliner Aktivisten ist es, den Konjunktiv aus diesem Satz zu schmeißen. Die Selbstachtung ist dahin, es wird Zeit, sie wieder herzustellen.

Am Ende entsteht vor dem Reichstag doch ein Friedhof

Nun fällt ein Zaun um in Berlin. Er umrandet die große Wiese vor dem Reichstag. Einige Demonstranten haben ihn umgeworfen und als die Menge schon jubelnd losläuft, sagt einer der Sprecher noch ins Megaphon: "Das ist ein Trauermarsch. Bitte seid friedlich." Doch das ist jetzt egal. Die Organisatoren lösen ihre Versammlung schnell offiziell auf und beobachten dann erst aus der Distanz, wie die paar Tausend Demonstranten auf den Reichstag zulaufen. Ganz vorne mit erhobenen Händen mitten in die Polizeiabsperrung läuft Johannes Ponader, ehemals eskalationserprobter politischer Geschäftsführer der Piratenpartei. Ein paar Antifas rempeln ein paar Polizisten an. Am Rande springt ein kleines Kind auf einem der umgeworfenen Zäune herum, und als eine Polizistin den Vater bittet, das Kind möge doch damit aufhören, guckt es sie nur an und sagt: "Ey, ich mag keine Cops!" Alles wie immer also.

Dann buddeln sie die Wiese um. Bald ist sie übersät mit vielen kleinen Grabhügeln. Es ist nun doch noch ein Friedhof geworden, ein symbolischer. Die Aktivisten freuen sich gewaltig über das "starke Zeichen" und ärgern sich dann, als Polizisten ein paar der Grabskulpturen wieder platt trampeln. Viele starke Bilder aber gibt es nun von Gräbern vor dem Reichstag, von oben sieht es bestimmt fast so aus wie auf dem Modell, dass die Aktivisten vorher entworfen hatten. Und so war all das wohl eine gelungene Aktion.