Hat man in den letzten Wochen auch nur sporadisch die Zeitung aufgeschlagen, die Tagesschau eingeschaltet oder sich auf eine Nachrichtenseite geklickt, sind sie einem mit Sicherheit dennoch vertraut: die Fotos der Gewitterwolken, die sich allegorisch über der Akropolis auftürmen. Bedrohlich stehen sie dort am hellenischen Himmel und lassen keinen Zweifel daran, dass etwas faul ist im Staate Griechenland. Also buchstäblich.

Denn "faul", so erfährt man womöglich im dazugehörigen Beitrag, sind schließlich immer noch irgendwelche Kredite, die, wenn schon kein "Erdbeben" oder "Tsunami", so aber zumindest doch einen "Sturm" auf den Finanzmärkten auslösen könnten. Und das, so wird vielleicht weiter berichtet, habe immer noch irgendetwas mit jenen "toxischen" Wertpapieren zu tun, die selbst manche Kenner des "Börsendschungels" nicht wirklich verstehen.

So oder so, daran besteht natürlich kein Zweifel, braucht der "griechische Patient" aber eine "Rosskur", um den aufgeblasenen Staatssektor "gesund zu schrumpfen". Die "Selbstheilungskräfte des Marktes" werden die "Krisensymptome" dann schon irgendwann lindern.

Da Alexis Tsipras derlei aber weiterhin ablehnt, zumindest in jener Form, in der die Eurogruppe es jüngst vorgeschlagen hat, ist nun der baldige "Kollaps" des griechischen Bankensystems zu erwarten, sodass die übrige Eurozone sich derweil bemüht, die "Ansteckungsgefahr" eines potentiellen Grexits einzudämmen. Die Finanzkrise, sie hat vielerorts nicht nur zur Verarmung von Menschen, sondern auch zu der von Sprache geführt. Und beides hängt, zumindest auf implizite Weise, zusammen.

Wird die Berichterstattung über Griechenland mittlerweile von einer Metaphernmaschine angetrieben, die zuverlässig die immer gleichen Bilder zur Beschreibung des ökonomischen Ausnahmezustandes ausspuckt, ist das bedauerliche daran nicht einmal die enervierende Redundanz und das intellektuelle Desinteresse, das daraus spricht, sondern vielmehr die politische Wirkmächtigkeit, die diese Metaphern langfristig entfalten. 

Therapie als einzige Lösung

Wie die obigen Beispiele zeigen, stammt ein Großteil von ihnen aus dem Repertoire der Meteorologie und Medizin. Die griechische Krise erscheint als Unwetter oder Krankheit. Und damit werden kontingente Entwicklungen, also Auseinandersetzungen um konkurrierende Wirtschaftstheorien und politische Lösungswege, in einem Assoziationsraum des Natürlichen und Unabänderlichen verortet. Firmiert die Krise also als Krankheit, scheint dem Beobachter eine schmerzhafte Therapie als einzige Lösung.

Doch dabei bleibt es nicht. Ergänzt wird das Sprechen über die Griechenland-Krise nämlich noch von vermeintlich findigen Theater-Metaphern. Ist von "Endspiel", "Schuldendrama" oder "griechischer Tragödie" die Rede, so verweist das zwar nicht in das Reich der Natur, operiert aber ebenfalls mit Implikationen der Schicksalhaftigkeit. Denn die Tragödie, zumal die griechisch-antike, zeichnet sich ja bekanntlich durch die Unabwendbarkeit der finalen Katastrophe aus. Und auf dem Weg dorthin muss vor allem viel Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) produziert werden, damit die Zuschauer am Ende kathartisch gereinigt nach Hause gehen können. Man darf vermuten: Wolfgang Schäuble gefällt das. 

Metaphern können töten

Nun mag man derlei für feuilletonistische Spitzfindigkeiten halten. Sollte man aber nicht. Welche Metaphern wir zur Schilderung politischer und wirtschaftlicher Prozesse benutzen, ist keineswegs gleichgültig. Sie hinterlassen nachhaltige Spuren in unserem Denken. Sie schleichen sich, um den kognitiven Linguisten George Lakoff zu zitieren, "auf leisen Sohlen ins Gehirn". In seinem gleichnamigen Buch zeigt der in Berkeley lehrende Sprachwissenschaftler, wie nachdrücklich sie unsere Wahrnehmung strukturieren. Bedeutet das griechische Verb metaphérein soviel wie "anderswohin tragen", verfrachten Metaphern unsere Gedanken unbewusst an bestimmte Orte. "Metaphors hide and highlight" heißt es im Englischen. Sie verstecken und heben hervor, akzentuieren gewisse Aspekte eines Thema und vernachlässigen andere.

Lakoff geht sogar soweit zu behaupten, dass Metaphern "töten können". So beispielsweise im Fall des Irakkriegs. Dieser sei nämlich durch eine Reihe sprachlicher Operationen gedanklich vorbereitet worden. Beschrieb die Bush-Regierung nach dem Anschlag auf das World Trade Center die getöteten New Yorker etwa zunächst noch als "Opfer", wechselte sie in kürzester Zeit zu "Verlusten". Rhetorisch war man somit schon in die kommenden Kriege in Afghanistan und Irak eingetreten. Dass bald die Rede vom "war on terror" und der "Achse des Bösen" war, tat sein Übriges.

Die "Pleite-Griechen"

Im Kontext der Finanzkrise sind zunächst jedoch nicht einzelne Sprachbilder das Problem. Zumal bei vielen ad hoc auch gar keine besseren Alternativen existierten. Die Kritik an naturalisierenden Metaphern ist demnach also auch keine denunziatorische, die nach sprachpolizeilichen Ermittlungen ruft. Dennoch bleibt ihre geballte Dauerpräsenz in der Berichterstattung zweifelhaft. Denn im Gegensatz zum Boulevard-Sprech von den "Pleite-Griechen", der schnell als niederträchtige Diktion erkennbar und damit zurückweisbar ist, haben naturalisierende Metaphern eher unbewussten  Charakter, entfalten aber gerade deshalb eine beträchtliche Wirkung.

Das wird umso deutlicher wenn man bedenkt, dass der Ist-Zustand der Krise zwar im medizinischen und meteorologischen Register gedacht wird, das Sprechen über die sogenannte Rettungspolitik sich im Gegensatz aber aus hauswirtschaftlichen und pädagogischen Metaphern speist. Da werden "Hilfspakete geschnürt" und "schwäbische Hausfrauen" als Vorbild gehandelt; die Griechen müssen wiederum ihre "Hausaufgaben" machen und ihre "Lektionen" lernen. 

Auf sprachlicher Ebene werden finanzielle Schulden somit zur moralischen Schuld umgemünzt. Und abgesehen davon, dass dadurch schnell aus dem Blick gerät, dass Griechenland für ein Großteil des Geldes, das die Troika ins Land transferiert hat, nur als eine Art Durchlauferhitzer diente, um europäische Banken zu refinanzieren, erscheint eine moralisierende Sprache hier gerade aus deutscher Perspektive heuchlerisch. In der aktuellen ZEIT hat der Ökonom Thomas Piketty an einen gern vergessenen Umstand erinnert: "Deutschland ist wirklich das Vorzeigebeispiel für ein Land, das in der Geschichte nie seine öffentlichen Schulden zurückgezahlt hat."

Ludwig Wittgensteins Einsicht, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten, wäre im Lichte der Griechenland-Krise also insofern zu aktualisieren, als dass die Grenzen unserer Sprache vor allem auch die Grenzen unseres politischen Vorstellungsvermögens markieren. Wenn über die Krise nur als Unwetter oder Krankheit, also als naturhaftes Schicksal, gesprochen wird, die vermeintliche Rettungspolitik hingegen als pädagogisch-moralisches Projekt firmiert, kann es kaum verwundern, dass die Verhältnisse in Merkelland so "alternativlos" scheinen.