"Ekstase", rufen die Titel der Grillmagazine, die Yogaschulen und Grünkohlsäfte. Shoppen ist Ekstase, Sportwagenfahren auch, sie ist allgegenwärtig und gerade deswegen gibt es sie nicht mehr. Gott ist tot und der Teufel ein Aluminiumdeo. Es ist paradox: Je freier sich eine Gesellschaft gibt, desto weniger gestattet sie sich Entgrenzung. Rauchen verboten, Helmtragen Pflicht und bloß nicht zu viel Gluten naschen. Dabei war Ekstase einmal mehr als die englische Übersetzung einer Designerdroge. Bei den alten Griechen hieß Ekstase tanzen, lieben, sich verzehren. Ihnen verdanken wir ein Theater, das menschliche Abgründe durchlebt und die Zuschauer durch bloßes Zusehen von ihren eigenen erlöst.

Während die neuen Griechen auf Erlösung ihrer Geldsorgen hoffen, gedachte das belgische Kollektiv Troubleyn deren Erbe mit einer 24-stündigen Performance im Haus der Berliner Festspiele. Mount Olympus entstand in Zusammenarbeit des Choreografen Jan Fabre mit dem Komponist Dag Taeldeman, dem Autor Jeroen Olyslaegers und einem Ensemble aus 27 Tänzern. Für die Dauer eines Tags schlüpfen diese Tänzer in die großen Rollen der antiken Tragödien, von A wie Antigone bis P wie Pentheus. Zwischendurch schlafen sie. Ordnung in den Stammbaumwahnsinn der griechischen Mythologie zu bringen, beabsichtigt hier keiner, eher zupft man einzelne Erzählfetzen heraus, um sie bildgewaltig auf ihre Heutigkeit abzuklopfen. Liebe, Leid, Opfer, Tod, darunter macht Mount Olympus es nicht.

24 Stunden Theater? In Berlin gab es das schon einmal: Bevor er an die Münchner Kammerspiele wechselte, verabschiedete sich der ehemalige Intendant des Hebbel am Ufer, Matthias Lilienthal, mit einer ähnlichen Megalomanie. Einen ganzen Tag dauerte seine Interpretation von David Foster Wallace' Roman Unendlicher Spaß. Zeit spielt auch in Mount Olympus eine große Rolle, gemeinsam verbrachte und sich wie Kaugummi dehnende Zeit. 

Mattes Halbwachsein

Natürlich ist es langweilig, wenn ein Darsteller mehrere Minuten mit einer Eisenkette hantiert; natürlich ist Stille unerträglich, wenn sie als einzigen optischen Reiz einen starren nackten Männerkörper liefert; natürlich sind die drei Halbsätze "No", "Fuck" und "Take me" nach der dreihundertsten Wiederholung kaum noch auszuhalten. Dass sich Fabre die Zeit für solche Scherze nimmt (er hat ja, hoppla, mehr als genug davon), ist ein Geschenk, das der reizsüchtige Zuschauer unbedingt annehmen sollte, und sei es, weil er so sehr auf sich selbst zurückgeworfen ist. Smartphones haben eigentlich Pause, leider soll dann doch unter dem Hashtag #mo24 getwittert werden.

Anlass zu knackigen Tweets gibt es genug. Ähnlich wie René Pollesch lässt Fabre seine Performer um ihre Stimmbänder schreien, bis zur völligen Erschöpfung, auch seitens der Zuschauer. Gesprochen, gebrüllt, gesungen wird mehrsprachig, und wer genau hinhört, versteht die Dringlichkeit der drastischen Bilder. "Berge von geschlachtetem Fleisch", "Gemetzel", "Diktatur der Sonne" – alle Gewalt hat ihren Ursprung im Wort. So entsetzlich wie die Themen Inzest, Kindsmord, Kastration ist der Ton der griechischen Tragödien. Immer, wenn das Leid auf der Bühne unerträglich zu werden droht, kippt die Stimmung in das genaue Gegenteil, ein mattes Halbwachsein mit traumwandlerischen, an Shakespeares Sommernachtstraum erinnernden Sequenzen.