Rachel Dolezal ist 37 Jahre alt. Es dauerte nur wenige Tage, bis ihr Leben völlig aus den Fugen geriet. Sie ist Lehrbeauftragte für "Africana Studies" an der Eastern Washington University. In Spokane, einer 200.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten der USA, führte sie zudem bis gestern den Vorsitz der örtlichen Sektion der "National Association for the Advancement of Colored People" (NAACP), einer der einflussreichsten Bürgerrechtsorganisationen der USA. Jetzt diskutiert das ganze Land über sie. Der Grund dafür klingt zunächst gleichermaßen erstaunlich wie erklärungsbedürftig: Dolezal habe sich als Schwarze ausgegeben, obwohl sie eigentlich eine Weiße sei. Oder genauer gesagt: Sie, die vermeintlich schwarze Bürgerrechtsaktivistin, habe ihre afroamerikanischen Wurzeln herbeifantasiert.

Dass die Geschichte von Rachel Dolezal zur Zeit zu den dominierenden Medienthemen Amerikas gehört, hat dabei zwei wesentliche Gründe. Zum einen gleicht der Fall der Hochschuldozentin ob seiner bisweilen obskuren Details geradezu einer abenteuerlichen Romanhandlung, einem Verwirrspiel von literarischer Qualität. Zum anderen berührt er aber auch nicht nur auf neuralgische Weise das Verhältnis von weißen und schwarzen Amerikanern, das nach den jüngsten Fällen von Polizeibrutalität gegen Schwarze sowieso eine erneute Belastungsprobe erfährt, sondern provoziert auch ganz prinzipielle, ja geradezu philosophische Fragen über die Möglichkeiten und Grenzen individueller Identitätskonstruktion.

Dolezals biografische Selbstauskünfte, ihre nahezu schon passionsgeschichtliche Version ihres eigenen Lebens lauten so: Sie sei als Tochter eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter in Montana geboren. Dort hätten sie im ländlichen Nirgendwo in einem Tipi gelebt und Tiere mit Pfeil und Bogen gejagt. Es sei eine schmerzvolle Kindheit gewesen, da ihre Mutter und ihr späterer weißer Stiefvater sie beispielsweise immer wieder mit einer Peitsche traktiert hätten, "die ähnlich jenen war, die auch in der Sklaverei verwendet wurden", erzählte Dolezal im Februar dem Studentenmagazin The Easterner

Im Jahr 1999 habe sie ihren schwarzen Freund geheiratet. Nachdem sie von diesem jedoch missbraucht worden sei, reichte sie 2004 die Scheidung ein. Zwei Jahre später erkrankte sie nach Eigenaussage dann an Gebärmutterhalskrebs, der aber geheilt werden konnte. Als sie sich dann vermehrt als schwarze Bürgerrechtsaktivistin betätigte, hätten rassistische Gruppen sie vielfach eingeschüchtert, bedroht und sogar angekündigt, ihren Sohn zu entführen. Auch nachdem sie 2012 nach Spokane zog, hätten die hate crimes nicht aufgehört. Erst vor wenigen Monaten meldete sie der Polizei, dass in der Postbox der NAACP abermals Hassbriefe gegen sie eingegangen seien.

Nun verfügten just diese Briefe aber weder über Stempel noch Barcode, sodass sie eigentlich nur von jemandem hätten platziert werden können, der den entsprechenden Schlüssel für den Briefkasten besitzt, also entweder von einem eigenmächtigen Briefträger oder einem NAACP-Mitarbeiter selbst. Da laut US-Medien ohnehin schon Gerüchte über den Wahrheitsgehalt von Dolezals Biografie kursierten, nahmen Lokaljournalisten den Vorfall zum Anlass, um die Geschichte der 37-Jährigen zu recherchieren. Vor einigen Tagen meldeten sich schließlich Dolezals leibliche, weiße Eltern zu Wort. Lawrence and Ruthanne Dolezal behaupteten, Rachel habe gar keinen schwarzen Vater, und belegten dies nicht nur mit der Geburtsurkunde, sondern auch mit Jugendfotos ihrer Tochter, die ein blondes, sommersprossiges Mädchen zeigen. Die Familie besäße schließlich nur deutsche und tschechische Wurzeln.

Ein abenteuerliches Ausmaß

Das Ehepaar Dolezal, das neben ihrer leiblichen Tochter noch vier adoptierte Kinder hat, davon zwei schwarze Jungs, hatte dementsprechend eine andere Version von Rachels Biografie parat. Während ihrer Collegezeit in Mississippi habe Rachel einen vorwiegend schwarzen Freundeskreis gehabt und dann vor rund zehn Jahren begonnen, sich allgemach als Schwarze zu begreifen, und den Kontakt zu ihren weißen Eltern abgebrochen.

Im Fernsehsender CNN ergänzte Ezra Dolezal, der ältere schwarze Adoptivbruder Rachels, dass diese ihm 2012 anvertraute, in Spokane ein neues Leben anzufangen, und ihn deshalb gebeten habe, ihre neue Identität als Schwarze nicht auffliegen zu lassen. Lawrence und Ruthanne bemerkten zudem, dass sie zwar tatsächlich mal für eine Zeit in einem Tipi gelebt hätten, dies aber erstens während eines Aufenthalts in Südafrika und zweitens vor Rachels Geburt gewesen sei. Und schließlich habe Rachel Izaiah Dolezal, ihren jüngeren Adoptivbruder, für den sie im Einverständnis mit Lawrence und Ruthanne mittlerweile die Vormundschaft besitze, fälschlicherweise mehrfach als ihren eigenen Sohn ausgegeben. Dies hat Rachel mittlerweile auch bestätigt.

Laut amerikanischen Medienberichten wurde vor einigen Tagen indes auch jener Mann ausfindig gemacht, den Dolezal wiederholt als ihren schwarzen Vater ausgab. Es handele sich dabei um den 76-jährigen Albert Wilkerson Jr., der vor Jahren mit ihr zusammen beim Human Rights Education Institute in Idaho gearbeitet habe. Auf Nachfrage von Reportern, ob er denn nun der Vater von Rachel sei oder nicht, antwortete dieser, dass die Journalisten die Antwort ja wohl wüssten und er nicht mehr dazu sagen wolle.

Wenngleich die genaue Rolle und Motivation von Lawrence und Ruthanne Dolezal, Rachels leiblichen Eltern, in der Sache noch nicht abschließend geklärt zu sein scheint, gibt es bis dato jedoch keinen Zweifel an der Authentizität der von ihnen vorgelegten Geburtsurkunde und Fotos. Zumal Rachel bis jetzt auch nichts hervorbringen konnte, das ihre Version der Geschichte inhaltlich stützen würde. In einem in dieser Woche ausgestrahlten Interview mit NBC blieb Dolezal in vielem überaus vage, bekannte jedoch abermals, dass sie "definitiv nicht weiß" sei und sich immerhin schon seit ihrem fünften Lebensjahr schwarz gefühlt habe: "Selbstporträts habe ich immer mit dem braunen statt dem pfirsichfarbenen Buntstift gemalt." So gesehen kann eigentlich kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Rachel, die sich im Vergleich zu ihren Jugendfotos einen dunkleren Teint und schwarze Locken zulegte, über Jahre eine Maskerade von abenteuerlichem Ausmaß aufrechterhielt.