Was macht ein Eskalationsbeauftragter bei einer Beerdigung? Er zieht sich einen Anzug an, stellt sich in gebührendem Abstand zum frisch ausgehobenem Grab vor die Mikrofone, und als die Kameraleute rufen und um die besten Positionen kämpfen, wie sie das immer tun, deeskaliert der Eskalationsbeauftragte: "Ich würde Sie bitten, nicht rumzuschreien, wir sind hier auf einem Friedhof."

Der Friedhof Berlin-Gatow liegt am westlichen Rand der Stadt, bald dahinter beginnt Brandenburg. Es ist ein weitläufiges, grünes Gelände, unter alten Bäumen liegen die Gräber, links christliche, rechts muslimische. Rosemarie Goldmann (1948–2002), Muharem-Haci Hodzic (1947–2002). Heute kommt eine Tote hinzu, "Unbekannte Tote Nummer zwei".

Ihr Name wird nicht verraten, aber ihre Geschichte erzählt. Geflohen sei sie mit ihrem Mann und den vier Kindern aus Damaskus vor dem Giftgas Assads. Über den Sudan, Ägypten und Libyen auf ein Schlepperboot. Als der Motor ausfiel und später das Boot kenterte, überlebten ihr Mann und die drei älteren Kinder, sie und das jüngste Kind ertranken. Zwei weitere tote Flüchtlinge im Mittelmeer. Zwei weitere "Opfer des Abwehrkriegs an den Außengrenzen" Europas.

So sagt das Stefan Pelzer, der Eskalationsbeauftragte vom Zentrum für politische Schönheit, in seiner kleinen Rede, die keine Trauerrede sein soll. Er und seine Mitstreiter hätten sie und Tausende andere Flüchtlingsleichen an den Grenzen Europas gefunden, in "Kühlhäusern, die nicht funktioniert haben und wo der Boden voller Blut war", in anonymen Massengräbern. Nun haben sie sie nach Berlin gebracht. Die Toten kommen heißt ihre Aktion. Das Begräbnis der "Unbekannten Toten Nummer zwei" soll nur der Anfang sein.

"Das hier ist kein Theater, das ist die Realität", sagt Pelzer. Aber das stimmt natürlich nicht, weil es das eine ohne das andere sowieso nicht geben kann und das hier so ganz offensichtlich beides ist.

Vor dem Grab haben sie eine kleine Ehrentribüne mit rotem Teppich aufgebaut, 40 Plätze für die Kanzlerin, den Innenminister und ihre Mitarbeiter. Dahinter stecken große Fahnenstangen mit den Flaggen der europäischen Staaten in der Wiese, drei hat der Wind schon umgepustet und der Länge nach ins Gras fallen lassen. 

Keiner der geladenen Politiker ist gekommen. Für die Aktivisten hier sind sie "Schreibtischtäter im Zentrum der Europäischen Union. Sie haben diese Frau aufs Meer gezwungen." Spätestens jetzt ist klar, dass man hier nach der Trennung zwischen Kunst und Aktivismus gar nicht groß fragen muss. "Worum geht es Ihnen?", fragt ein Journalist, und der Eskalationsbeauftragte sagt: "Um den europäischen Mauerfall."

Vor 15 Jahren hat Christoph Schlingensief in der Mitte von Wien einen Container aufgestellt, ein paar Asylbewerber hineingesetzt und von den Österreichern im Big-Brother-Verfahren entscheiden lassen, wer abgeschoben werden soll. Ausländer raus hieß die – inszenierte – Aktion, die die Stadt verrückt machte und reihenweise Menschen aus ihren Rollen und Gewissheiten fallen ließ. Schlingensief hat damals eine Bühne gebaut, auf der die verstörten Funktionsträger, Passanten, Gut- und Wutbürger sich dann selbst vorführten.

Die Aktionen vom Zentrum für politische Schönheit lassen diesen Freiraum nicht zu. Sie haben ein politisches Ziel, dem sich alles unterordnet. Die Formel ist simpel: möglichst krasse, unmittelbare Eindrücke erschaffen, um möglichst viele und möglichst viel damit zu erreichen. Dieses Begräbnis ist eine Kampagne.