Es mag sein, dass die Lyrikleser aussterben. Indes schreiben ziemlich viele Leute Gedichte. Für das aktuelle Jahrbuch der Lyrik mussten 7.000 eingereichte Texte gesichtet werden. Das lässt doch erst einmal aufatmen. Liest man dann aber die ausgewählten 149 Gedichte, verfällt man schnell in eine von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung. 

Nach den ersten 50 flüchtet man zu Gottfried Benn; nach weiteren 30 zu Thomas Brasch und Paul Celan, und hat man die Fibel der Lyrik endlich ausgelesen, so begibt man sich unter die Fittiche von Joseph Brodsky. Dieser hat in seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises gesagt, dass es drei Arten der Erkenntnis gäbe: die analytische, die intuitive und das, was von den biblischen Propheten als Offenbarung bezeichnet werde. Die Poesie, so Brodsky, benutze alle drei Erkenntnisarten. 

Im Jahrbuch der Lyrik ist keine einzige zu finden. Oder sollte man in dem Gedicht von Ulrike Almut Sandig diese unverrückbare Dreifaltigkeit herauslesen, wenn sie schreibt: "am elften Dezember 2117 zieht die Venus wieder als blinder Fleck vor der Sonne vorüber, so haben es Forscher berechnet, am elften Dezember 2117 bist du nicht mehr da, und ich bin auch nicht mehr da, und das Kind, das in meinem Bauch wächst, es ist auch gar nicht mehr da…" Nun denn, derlei Erkenntnisse lassen den Mund vor lauter Staunen nicht gerade offen stehen. Die nächste totale Sonnenfinsternis ist schon 2081 und gäbe genügend ähnlich geartete Verlustpoesie her. Wenn man sich schon das Universum lyrisch zum Untertan macht, sollte man sich als Dichter nicht zu solchen arithmetischen Simplifizierungen hinreißen lassen. Elf Dimensionen hat das All zu bieten; wie viele der Dichterkopf?

Wir wollen uns aber nicht am blinden Fleck festbeißen. Es gibt noch viel mehr schlechte Gedichte in diesem Jahrbuch der Lyrik, das unter dem Herausgeber Christoph Buchwald seinen dreißigsten Geburtstag feiert und unbekannte wie bekannte Autoren vereint. Es ist kein guter Jahrgang: verhalten, trocken, unreif, artig. Manche Poesie will einfach zu viel, wie die von Janin Wölke. Ihr Text reiht unaufhörlich monströse Kopfgeburten seelischer Schieflagen aneinander.

Man möchte überhaupt einmal vielen Lyrikern zurufen, dass die Bedeutung ihrer Texte durch permanente Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird. Hätte Janin Wölke, um an dieser Stelle ein kleines Gedankenspiel zu machen, die Substantive großgeschrieben, vielleicht wäre ihr aus einer simplen ästhetischen Überlegung heraus aufgefallen, dass der Bedrohlichkeit doch zu viel ist und dass die gewollte Bedeutung die erzielte in der Einheitsorthographie verschluckt.  

Kein Kavaliersdelikt

Manche Gedichte wiederum sind so verknappt, dass sie Abzählreimen gleichen. Man weiß nicht, was Kerstin Preiwuß sagen möchte, wenn sie schreibt: "lies mich text/webt der knecht/spinne seilt sich ab". Aber man hat sofort einen kleinen Jungen vor Augen, der diese Zeilen in eine feuchte Hausecke hineinspricht, während sich seine Spielkameraden kichernd verstecken. Spätestens hier nimmt sich unser Leseinteresse an der Spinne ein Beispiel. Sehr unbegreiflich wird es noch einmal bei Eva Paula Pick, die einen Fetisch für den Buchstaben X zu haben scheint.

Ihre Verse lesen sich so: "Der Fahrer. laxxt betraxxtet eixen Kraxxer und schiext den Spiexel. xerade." Ihre Poesie sieht aus wie ein Stickmuster und hat den Klang eines unermüdlich beschäftigten Eispickels. Natürlich gibt es auch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland. Dafür sorgen bekannte Autoren wie Herta Müller, Elke Erb oder Michael Krüger. Auch Silke Scheuermann ist vertreten, wenngleich sich ihr Gedicht Veilchen recht gewöhnlich und als typisches Liebesgedicht recht vorhersehbar liest. Vorhersehbarkeit in der Lyrik ist kein Kavaliersdelikt. 

Es fehlt den Gedichten an Nachhaltigkeit

Brodsky sprach davon, dass sich der Verfasser eines Gedichtes mithilfe eines einzelnen Wortes, eines einzelnen Reims an einem Ort wiederfinden kann, wo vor ihm noch niemand gewesen ist, tiefer im Unbekannten, als ihm selbst lieb ist. An diesen Ort möchte und muss der Leser mitgenommen werden. Man möchte nicht einen letzten Vers lesen, der da lautet: "und im Keller faulen die Äpfel von innen", wie im Gedicht von Andreas Altmann. Er sollte an den Äpfeln vorbeigehen, den Geruch tief inhalieren und weiter hinabsteigen als in den Keller, viel weiter – vielleicht wird er ja dort etwas finden, woraus Lyrik entsteht. Inmitten all dieser kleinen lyrischen Unglücksfälle steht ein Text von Arne Rautenberg. Er trägt den etwas abstoßenden Titel fingernägel und ist strenggenommen eine als Lyrik getarnte kleine Erzählung, die als solche gelesen, tatsächlich Spaß macht. 

Es gibt aber doch noch etwas sehr Bemerkenswertes in diesem Jahrbuch der Lyrik, und das ist das Nachwort der diesjährigen Co-Herausgeberin Nora Gomringer. "Eine schöne Ehre ist das!", beginnt sie ihren Text und muss gar nicht darauf hinweisen, dass darin viel Zweideutiges steckt. Die "wahrlich schöne Ehre" bleibt allein die Anfrage von Buchwald, ob sie die diesjährige Herausgeberschaft antreten möchte. Ansonsten wird aber schnell klar, dass sich Gomringer über die magere lyrische Ernte enttäuscht zeigt. Viel Spreu unter wenig Weizen. Gomringer erklärt es so: "Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten." 

Nur noch ein Synonym für Langeweile?

Das erklärt hinreichend, warum so viel Schlechtes auch ins Köpfchen, ergo Buch musste. Wenn man dieses Jahrbuch der Lyrik als Kursbuch der Literatur lesen wollte, so könnte einem angst und bange werden, wohin die Reise geht. Denn es ist doch so, dass die Lyrik auch immer ein Seismograph des Geisteszustandes einer Gesellschaft ist; ein Destillat der Erfahrungen und Schmerzen. Überdies fällt auf, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?

Viele Gedichte in diesem Buch berühren nicht. Man würde für einen Einkaufszettel mehr empfinden. Es drängt sich die Frage auf, woran es liegt. Tiefer hinabzusteigen als in den Keller, ist mühselig und erfordert Mut, birgt Gefahren, lässt scheitern, ist eine unaufhörliche Quälerei – die letztlich aber doch in die Schatzkammer der Erkenntnisse führen kann. Man muss den Weg nur auf sich nehmen. Buchstaben verdrehen, mit Worten jonglieren, kryptisch schreiben, macht noch kein Gedicht. Waschbären, Füchse, Marder, Bienen, Hunde, Quallen oder Eulen zu Metaphern zu domestizieren geht schief. Es fehlt vor allem der jungen Dichtergeneration vielleicht doch der Umgang mit dem Scheitern, dem in unserer Gesellschaft so gern ausgewichen wird. Man möchte auf der Rennstrecke unterwegs sein, nicht auf dem Holperpflaster.  

Unbeschadet aber kann man keine Lyrik schreiben. Wollen wir noch einmal Brodsky bemühen, so muss ein Gedicht den Leser frontal anspringen und ohne Mittelsmänner direkt mit ihm in Kontakt treten. Wir haben es hier jedoch mit Gedichten zu tun, die nicht einmal die Kraft dazu haben, zum Sprung anzusetzen. Es scheint, als erdrücke die Individualität des Autors sein Material, welches dann nicht mehr formbar ist, nicht mehr zu uns spricht; verkümmert und nur noch Unverständliches herausstößt, um sich hoffentlich bemerkbar zu machen. Das dreißigste Jahrbuch der Lyrik ist gewiss eine traurige Angelegenheit. Ein einunddreißigstes deshalb umso notwendiger.