Angela Merkel im Juli 2015 in Berlin © Axel Schmidt/Reuters

Als in der vergangenen Woche die europäischen Regierungen um eine Einigung in der Eurokrise rangen und es kurzzeitig so aussah, als ob Griechenland tatsächlich aus der Gemeinschaftswährung ausscheiden sollte, konnte man sich bisweilen fragen: Was würde Angela Merkel tun? Denn zur problematischen Eigenart der Bundeskanzlerin gehört, dass man über ihre Standpunkte und Haltungen eigentlich nur im Konjunktiv sprechen kann. Man kennt sie schlichtweg nicht.

Gleichwohl scheint diese notorische Nichtkommunikation von Inhalten und Überzeugungen, dieses geräuschlose Management der Macht ein enormes Erfolgsmodell zu sein. Die jüngsten Verhandlungen über Griechenlands Zukunft haben gezeigt, dass Merkel, zumindest was das innereuropäische Machtgefüge betrifft, schließlich mal wieder stärker als alle anderen Teilnehmer dasteht. Der italienische Finanzminister Pier Carlo Padoan bekannte etwa erstaunt, dass am Ende der Sitzungen lediglich drei Staaten, nämlich Italien, Frankreich und Zypern, für einen weniger drakonischen Deal mit Griechenland plädiert hätten.

Nach fast zehn Jahren Kanzlerschaft lässt sich immer noch schwer sagen, worin diese eigentümliche Form der Merkel'schen Machtpolitik genau gründet. In einem Interview hat der griechische Außenminister Nikos Kotzias jüngst im Spiegel diesbezüglich einen zunächst banal wirkenden, aber dennoch entscheidenden Hinweis gegeben. Der studierte Politikwissenschaftler und Philosoph, der in Griechenland unter anderem die Werke Jürgen Habermas' herausgegeben hat, bemerkte in Richtung der Bundeskanzlerin: "Merkel ist eine ruhige Politikerin, die wahrscheinlich mehr als jede andere in Europa die Fähigkeit hat, den Zeitfaktor als Machtfaktor zu nutzen."

Diesen Satz, so unspektakulär er zunächst auch klingen mag, sollte man ernst nehmen. Denn er scheint tatsächlich einen wesentlichen Aspekt von Merkels Herrschaftsarithmetik zu beschreiben. Ist Macht nämlich Zeit, Zeit bekanntlich aber auch Geld, offenbart sich im Falle der CDU-Vorsitzenden ein regierungstechnischer Dreischritt, bei dem die Zeit die entscheidende Scharnierfunktion einnimmt. Oder einfacher gesagt: Die Macht, die Merkel zur Durchsetzung neoliberaler Finanzpolitik gebraucht, speist sich nicht zuletzt aus einem buchstäblichen Spiel auf Zeit. Und die Grundform des Merkel'schen Zeitspiels besteht dabei zunächst in der Strategie des uneindeutigen Unterlassens.

Merkelismus und Merkiavelli

So beschrieb der Kulturtheoretiker Georg Seeßlen den "Merkelismus" einst als "das Prinzip des aggressiven Nicht-Handelns", welches besagt, dass sich der "Merkelistische Fürst stets so lange zurück[hält], bis er den Vorteil aus dem Nicht-Handeln als eigenes Handeln verkaufen kann." Fritz J. Raddatz, der die Bundeskanzlerin einst einer schonungslosen Sprachkritik unterzog, konstatierte wiederum: "Deutlichkeit ist Merkels Sache nicht. Viele ihrer Sätze gleichen ausgepulten Erbsenschalen, und die fallen raschelnd, weil fruchtlos und leer, auf den Boden." Der Soziologe Ulrich Beck bemerkte vor einigen Jahren schließlich, dass sich "Merkiavellis" Macht vor allem darin darstellt, dass sie als "Meisterin der Last-Minute-Rettung" das "Zögern als Zwangsmittel" einsetzt.

Nun ist solch eine Form des aktiven Zögerns freilich keineswegs eine Erfindung der Kanzlerin. Im Kontrast zum Narrativ des heroischen Willensmenschen, welches sich von Augustus über Napoleon bis in die Diktaturen des 20. Jahrhunderts fortschreibt, existierte im Register der politischen Klugheitslehren schon immer auch die Doktrin des tatkräftigen Nicht-Tuns. Diese reicht vom römischen Feldherrn Quintus Fabius Maximus, genannt Cunctator ("der Zögerer"), dessen defensive Kriegsführung Hannibals Truppen im Zweiten Punischen Krieg durch die permanente Vermeidung einer offenen Schlacht nachhaltig zermürbten, bis zu zeitgenössischen Managementdiskursen, in denen passiv-aggressives Schweigen als vermeintlich innovative Motivationstechnik firmiert.