Mai 1984. Ich bin fünf und hüpfe die Treppenstufen der Gustav-Heinemann-Realschule hoch: 1-2-3-4-5-6! Mit Anlauf springe ich alle auf einmal wieder hinunter. Es ist Mittwochnachmittag, 15 Uhr und draußen scheint die Sonne. Hinter mir rattert die Bohnermaschine, bedient von meiner Oma. Ich warte, dass sie endlich fertig wird, damit wir auf den Spielplatz gehen können. Meine Großmutter ist Reinigungskraft und sorgt dafür, dass der Boden, über den jeden Vormittag 600 Jugendliche trampeln, wieder richtig glänzt. Mein Kindergarten geht von 8.00 Uhr bis 12.30 Uhr, gerade genug Zeit, damit eine Mutter in Ruhe Haushalt und Einkäufe erledigen kann. Nur ist meine Mutter allein erziehend und arbeitet als Lehrerin an einer Ganztagsschule.

Deswegen bin ich jeden Nachmittag woanders: Mal holt meine Mutter mich in ihrer Mittagspause vom Kindergarten ab und nimmt mich mit in die Schule. Mal holt mein Vater mich ab und nimmt mich mit in den Tierpark. Mal gehe ich mit in die Familie meiner besten Freundin Tina, deren Mutter immer hinter einer riesigen Nähmaschine sitzt, während wir spielen. Mir geht es gut, ich bin ein fröhliches geliebtes Kind, das überall gut ankommt. Trotzdem hat Oma Mitleid mit mir.

Oma findet, ich wäre in "ordentlichen Verhältnissen" besser aufgehoben. Ordentliche Verhältnisse, damit meint sie keine anständig organisierte Kindertagesstätte, die eine gute und altersgerechte Betreuung bis 17 Uhr anbietet. Nein, meine Großmutter stellte sich meine Mutter als Hausfrau vor, verheiratet mit einem wohl situierten Mann. Nur will meine Mutter das nicht. Selbst wenn sie gekonnt hätte: Sie wäre nie Hausfrau geworden. Meine Oma schon. So wie die feine Frau mit der weiß-gestärkten Schürze und dem immer schön gedeckten Tisch, aus ihrer Lieblingszeitschrift, dem "Ratgeber für die Hausfrau". Doch sie musste arbeiten, denn mein Großvater verdiente nicht genug.

Druck von außen oder Wahlfreiheit?

Wenn heute im Rahmen der Betreuungsgelddebatte von "Wahlfreiheit" die Rede ist, dann stelle ich mir immer Frauen wie meine Großmutter vor. Eine verheiratete Frau, die gerne Hausfrau wäre, aber es sich nicht leisten kann. Meine Oma hätte mit ihrer Arbeit sowieso keine Aussichten auf Karriere gehabt. Aber sie hatte auch nicht die Freiheit, das damals vorherrschende Familienideal zu wählen. Und das geringe Betreuungsgeld, gezahlt über einen Zeitraum von nicht mal zwei Jahren, hätte den Lohnausfall durch Verzicht auf ihren Putzjob nicht ausgeglichen. Auch für meine alleinerziehende Mutter wäre die Summe ein Witz gewesen. Außerdem stellt sich die Frage, was es mit der Freiwilligkeit ihres Wunsches, Hausfrau zu sein, auf sich hatte: Sie war in den 1950ern Mutter, eine Zeit, in der die Alleinverdiener-Ehe mit Hausfrau dominant war wie davor und danach nie wieder. Die Hausfrau war das Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs. Wer nicht dazugehörte, hatte es nicht geschafft. Ist das Druck von außen oder Wahlfreiheit?

Die Debatte um Bezahlung für Hausarbeit hatte ihren Ursprung schon Jahre vor der Geburt meiner Großmutter – und Wahlfreiheit spielte dabei keine Rolle. Um 1900 wurde sie von bürgerlichen Frauenrechtlerinnen wie Käthe Schirmacher und Marianne Weber zum ersten Mal in den Ring geworfen. Die Idee, Erziehung und Haushaltsführung überhaupt als Arbeit zu begreifen, war bahnbrechend. Den Feministinnen ging es um die Absicherung der bürgerlichen Ehefrauen, die keine Möglichkeit hatten, selbst Geld zu verdienen. Mit dem Eintritt in die Ehe war eine Berufsausübung außerhalb schlecht bezahlter Fabrikarbeit – etwa als Lehrerin oder Krankenschwester – gesetzlich verboten. Marianne Weber schlug deswegen vor, dass gesetzlich festgelegte 10 Prozent des Erwerbs des Ehemannes der Ehefrau gehören sollten. Für Arbeiterinnen wiederum war diese 10-Prozent-Idee keine Lösung, denn sie hatten keinen gut verdienenden Ehemann, von dessen Lohn sie leben konnten. Die Sozialistin Clara Zetkin setzte sich folglich auch nicht für Hausarbeitsentlohnung ein, sondern hielt eine gewerkschaftliche Organisation von Frauen für vorrangig. Dazu gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine Teilung der Familien- und Hausarbeit zwischen Männern und Frauen. Doch auch bei Zetkin spielte Wahlfreiheit keine Rolle.