Auf Twitter wurde als Konsequenz für die harte Sparpolitik vorgeschlagen: #BoycottGermany. Aus dem Schlagwort ist nicht nachvollziehbar, ob sich die Verweigerung auf den Konsum deutscher Waren bezieht. Wenn dem so sei, wäre entscheidend, welche Nation die Waren boykottiert. Handelte es sich um Griechen, wäre die Auswirkung für die deutsche Wirtschaft gering. Die paar Pillen, die Deutschlands Pharmaindustrie nach Griechenland ausfährt, fallen kaum ins Gewicht der deutschen Exportbilanz. Wenn die USA, Russland oder China Deutschland boykottierten, das wäre wirklich Mist. Und würde sicher schnell dazu führen, dass Hilfspakete schneller und großzügiger durchgewunken werden. 

Wahrscheinlich bekämen alle Chinesen deutsche Abwrackprämien für ihre Autos und allerhand andere kreative Investitionsanreize. Die Chinesen kaufen ja wie verrückt in Deutschland ein. Die Autorin dieser Zeilen war beim Empfang des chinesischen Botschafters in Berlin dabei, als dieser 2012 seinen Posten antrat. Er gab keine Liebeserklärung an Deutschland ab, wie es sonst auf dieser Art von Empfängen üblich ist, sondern las einfach die Einkaufsliste seines Landes vor. Soundsoviel Millionen hierfür und soundsoviele Millionen dafür. Mit solchen Nationen geht man selbstverständlich anders um. Wen dieser Umgang interessiert, der sollte die Berichterstattung über unseren Wirtschaftsminister verfolgen, der sich gerade in China aufhält. Wenn China keine deutschen Waren kaufen würde, wäre Deutschland vermutlich ein Fall für den Total-Exit.

Es gibt in Deutschland eine erhebliche Anzahl von Menschen, die es kaum erwarten können, die Griechen endgültig am Boden zu sehen. Dabei sind sämtliche Argumente, die man von Griechenlandgegnern hört, eine Zusammensetzung aus Schlagworten der vergangenen Jahre, die als wortgleiche Beiträge im Boulevard oder in Talkshows genauso gesprochen wurden. Die Henkelsche, Bosbachsche und Luckesche Denke wird vermischt mit der Bild-, Welt-, Focus-Schreibe und so lange in die Köpfe der Nation reingehämmert, bis auch der letzte deutsche Rentner sich nicht geniert, zu rufen, "die müssen ihre Hausaufgaben machen".

Falls es unter den einfältigen Gemütern welche gibt, die im deutschen Supermarkt durch den Boykott griechischer Waren den Untergang Griechenlands schneller herbeifasten möchten, seien ihnen die folgenden Hinweise ans Herz gelegt. Der Schafskäse der Marke Salakis ist kein griechischer Käse, sondern gehört dem weltumspannenden Konzern Lactalis, der 211 Produktionsstätten in 37 Ländern unterhält und 60.000 Mitarbeiter beschäftigt. Salakis-Feta nicht zu essen, würde in erster Linie aber Frankreich schaden, weil Lactalis dort die meisten Arbeitnehmer beschäftigt. Feta der Marke Patros zu boykottieren, würde vor allem Bayern und die dort ansässige Unternehmensgruppe Hochland treffen. Auch der Verzicht auf den griechisch anmutenden Schnaps Metaxa würde Griechenland nicht schneller aus der Eurogruppe katapultieren, denn der Konsum kommt ausschließlich dem französischen Likörhersteller Rémy Cointreau zugute. 

Wer geil darauf ist, Griechenland untergehen zu sehen, kann weiterhin Bücher aus dem Diogenes Verlag lesen. Wir sprechen vom Zürcher Verlagshaus aus der Schweiz. Wer wütend eine Sauerkrautbombe in das griechische Lokal Akropolis in der Münchener Lindenstraße von Elena, Panaiotis und Vasily Sarikakis schmeißen will, dem sei gesagt, dass es sich um eine Pappkulisse aus Köln-Bocklemünd handelt. Bis auf die paar griechische Kirschen, die es neuerdings in der Supermarktkette Kaisers des Unternehmens Tengelmann gibt, kann man kaum etwas aus Griechenland konsumieren.

Eine winzige Möglichkeit durch das Kappen wirtschaftlicher Beziehungen besteht allerdings doch. Dann allerdings wirklich zum Schaden Deutschlands.

Denn eines der wichtigsten Exportgüter unserer Friedensnation ist das Herstellen und Verkaufen von Waffen. Einen großen Teil unseres Wirtschaftsvolumens verdanken wir nicht etwa dem Export von Humanität und Frieden,  sondern der Ausfuhr deutscher Waffen. Mehr als 279 deutsche Unternehmen produzieren Militärgüter im Wert von knapp drei Milliarden US-Dollar. Laut griechischen Berechnungen besteht ein Viertel der griechischen Staatsschulden aus Militärausgaben. 

Die Bundesregierung verweigert eine Antwort darauf, wie hoch der Anteil deutscher Waffenschulden an den griechischen Gesamtschulden beträgt. Noch im letzten Jahr, also auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise wurden Waffen im Wert von 14 Millionen Euro exportiert. Kann es sein, dass wir noch in der Krise ein finanziell ruiniertes Land durch unsere Waffengeschäfte weiter heruntergezogen haben? Wir schicken ihnen Waffen und sie schicken uns Kirschen? #verrücktewelt