Es gibt, so scheint es, keinen Spielraum mehr für eine freundliche Kooperation zwischen feministischer Ökonomie und europäischer Politik: Unmittelbar nachdem Griechenland mit dem Versuch gescheitert war, in Europa eine Alternative zur blanken Austeritätspolitik anzustoßen, trafen sich in Berlin 370 Wirtschaftswissenschaftlerinnen aus aller Welt zum Jahreskongress der IAFFE, der International Association for Feminist Economics. Ihr Urteil über das Konzept der Austerität – also den Versuch, Finanz- und Wirtschaftskrisen durch harte Sparkurse bei sozialen und gesellschaftlichen Ausgaben in den Griff zu bekommen – war vernichtend: Austeritätspolitik "reduziert die Komplexität der realen Welt" (Myra Strober), "funktioniert einfach nicht" (Lourdes Beneria), ist "moralisch falsch" (Nancy Folbre).  

Es war auffällig, mit welcher Einhelligkeit die Expertinnen – darunter immerhin viele Professorinnen renommierter Universitäten – dem widersprachen, was Politik und Medien seit Jahren verlauten lassen: dass Sparen der einzige Weg aus der Krise sei, dass vor allem im sozialen Bereich gespart werden müsse, bei Löhnen, bei Renten, an Schulen, Krankenhäusern, bei der Sozialhilfe, an öffentlicher Infrastruktur. Den Wohlfahrtsstaat der siebziger und achtziger Jahre, so predigen ja längst auch sozialdemokratische Parteien, könnten wir uns "nicht mehr leisten". Die feministische Ökonomie ist da anderer Ansicht. "Let’s stop Austerity" war das wiederkehrende Mantra der Konferenz. Denn die ständigen Sparrunden zur Konsolidierung von Staatsfinanzen wirken sich in vielen Fällen besonders auf Frauen gravierend aus. Eine Wissenschaftlerin hat die Einkommensverluste in der britischen Bevölkerung seit der Finanzkrise 2008 untersucht: Die höchsten Einbußen mussten Alleinerziehende und alleinstehende alte Menschen hinnehmen – in beiden Gruppen sind Frauen deutlich in der Überzahl. Eine andere untersuchte die Entwicklung der Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern in Italien, das so genannte Gender Pay Gap: Es hat sich seit 2008 wieder stark vergrößert. Eine dritte analysierte die Empfehlungen der Europäischen Kommission für Länder, die ihr Schuldendefizit reduzieren müssen: Viele dieser Empfehlungen, auch wenn sie vermeintlich geschlechtsneutral klingen, gehen in der Realität zulasten von Frauen.  

Finanzkrisen als Narrative verstehen

Dabei geht es den feministischen Ökonominnen nicht nur um die Situation von Frauen. Unter den prekärer werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen leiden ja auch Männer: Zwar sind bestimmte Gruppen von Frauen besonders stark betroffen, im Durchschnitt aber sei die Armut unter Männern seit der Finanzkrise sogar stärker gestiegen, was sich mit einer gewissen Portion Zynismus als Trend zu mehr Gleichheit interpretieren lässt. Unter dem Stichwort Womenomics gibt es zudem seit Jahren aktive Bestrebungen der Wirtschaft, sich die Arbeitskraft von gut ausgebildeten Frauen verfügbar zu machen, was zum Beispiel zu Fortschritten im Bereich der staatlich geförderten Kinderbetreuung geführt hat. Das heißt: Nicht allen Frauen geht es wegen der Finanzkrise schlechter, für manche ergaben sich auch neue Chancen und Möglichkeiten.  

Die Teilnehmerinnen der Konferenz in Berlin betrieben keinen Lobbyismus für vermeintliche Fraueninteressen. Ihr Anliegen war es vielmehr, Ökonomie auf ihren ursprünglichen Sinn zu verpflichten, der (laut Adam Smith) schließlich darin besteht, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Genau das aber verhindere der heutige Finanzkapitalismus, so Sylvia Walby, Professorin für Gender Research bei der Unesco. Die Finanzkrise habe sich zuerst auf die Realwirtschaft ausgebreitet und inzwischen die Demokratie selbst in eine Krise geführt. Ihre Kolleginnen forderte Walby auf, sich nicht länger vorwiegend mit Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu beschäftigen, sondern sich explizit den Finanzmärkten zuzuwenden. Finanzkrisen seien nicht einfach "real", sondern ein "soziales Konstrukt", ein Narrativ – und die Erzählung von den alternativlosen Marktmechanismen, die kaum Raum für politisches Handeln lassen, sei schädlich und destruktiv.