Demonstration in Athen vor dem griechischen Referendum © Aris Messinis/Getty Images

Als "Kapitalistischen Realismus" hat vor Kurzem der Kulturwissenschaftler Mark Fisher das weitverbreitete Gefühl bezeichnet, dass der Kapitalismus nicht nur das einzig gültige politische und ökonomische System ist, sondern dass es überdies unmöglich geworden sei, sich eine Alternative dazu vorzustellen. 

Diese Diagnose ist nicht neu. Seitdem vom Spätkapitalismus die Rede ist, also schon seit den zwanziger Jahren, finden sich in der marxistischen Literatur Analysen über den Zusammenhang von Politik, Wirtschaft und Kultur in einer gänzlich vom Kapitalismus geprägten Welt. Die Überflussgesellschaft, in der das individualisierte Glück des Massenkonsums zum besten Argument gegen den Sozialismus wurde, deuteten seit den Sechzigern kritische Stimmen als verwaltete Welt, Technokratie, ja, als kranke Gesellschaft.

Anfang der Achtziger kündigte sich dies mit der eisernen Ideologie neoliberaler Politik an: "There is no alternative!", warnte Margaret Thatcher, in einer Zeit, da der Wohlstand der westlichen Gesellschaften erschüttert wurde. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus wurde das gleichsam zum Credo einer Gesellschaft, die nun vollends auf Kapital und Konsum eingeschworen wurde. Zwar gab es fundamentale Kritik am System, die allgemeine öffentliche Resonanz blieb jedoch verhalten. 

Später, in der Krise der New Economy, tauchte plötzlich Karl Marx wieder auf: diesmal nicht als böser Klassenkampfprophet, sondern als guter Krisenapostel. Seither gehört es fast schon zum richtigen und rechten Ton, sich hier und da abfällig über den Kapitalismus an und für sich, Armut und Ungerechtigkeit im Speziellen zu äußern. Empire von Michael Hardt und Antonio Negri wurde aufmerksam rezipiert, hochgelobt im eigentlich reflexionsresistenten liberalkonservativen Lager. Bücher mit Titeln wie Die Revolution steht bevor von Slavoj Žižek oder das Manifest Der kommende Aufstand vom Unsichtbaren Komitee werden längst nicht mehr als Nischenliteratur verlegt, gehandelt und rezensiert; Stéphane Hessels Streitschrift Empört Euch! erreichte eine Millionenauflage. Heute übt sich selbst Papst Franziskus in schonungsloser Kapitalismuskritik.

Mit Verve hat vor einigen Jahren der französische Philosoph Alain Badiou seine Idee des Kommunismus ins Spiel gebracht und ein "Erwachen der Geschichte" proklamiert. Viel vom Volk ist da die Rede, vom Widerstand, von der Demokratie.

Badious Idee des Kommunismus distanziert sich nachdrücklich vom stalinistisch-totalitären Kommunismus. Das Ziel sei es, die Menschen wieder politisch und ökonomisch handlungsfähig zu machen. Das heißt einerseits sich "der weit verbreiteten Entpolitisierung" entgegenzustellen; das heißt andererseits eine "Aussicht auf ein neues Gemeinwesen" zu schaffen. Kurzum: eine Rückkehr zum Gemeinschaftlichen, um so Abstand "von Etatismus und Ökonomismus" zu gewinnen. Es geht um Freiheit und Gleichheit. Das eine bedinge das andere.       

Griechenland als Prüfstein

Badious Thesen lösten eine internationale Debatte aus – an der sich kaum namhafte deutsche Akademikerinnen und Akademiker beteiligten. Das ist signifikant, nicht nur für eine intellektuelle Kultur, die auch einiges mit deutscher Geschichte und Bildung zu tun hat, sondern auch für das Verhältnis von politischer Meinungsbildung und sozialem Engagement hierzulande, also für das, was gemeinhin als "Demokratie" bezeichnet wird.

Indes bietet die aktuelle Situation in Griechenland für solche Thesen einen Prüfstein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Syriza-Regierung um Tsipras, ein Bündnis verschiedenster sozialistischer Gruppen, sich ja als "Koalition der radikalen Linken" selbsttituliert, hier also schon irgendwie Kommunisten am Werk zu sein scheinen: als politische Kraft, die, demokratisch gewählt, auch gesehen werden muss als ein Resultat der außerparlamentarischen Protestbewegungen, die sich seit 2010 formierten.

"Der Demos betritt die Bühne" hatte der Juraprofessor Costas Douzinas vergangene Woche im Neuen Deutschland vor dem griechischen Referendum geschrieben: "Es steht viel auf dem Spiel, das Schicksal Griechenlands, die Zukunft der Europäischen Union und die Demokratie." Douzinas plädierte dafür, beim Referendum mit Nein abzustimmen. Er schreibt nicht nur als Grieche, sondern vor allem als Kommunist: Maßgeblich ist er in die Diskussionen über die Thesen zur Idee des Kommunismus involviert, ist Herausgeber mehrerer Tagungsbände dazu, publizierte viel beachtete Monografien.