Vor Kurzem hat uns Jana Hensel im Magazin der Süddeutschen Zeitung daran teilhaben lassen, welche Beschimpfungen sie in Berlin auf offener Straße erlebte, wie sie sich darüber erschrocken hat und wie sie das Erschrecken erschreckte. Sie legt ausführlich dar, was der Satz "Halt die Schnauze!" mit ihr machte, der ihr in der U-Bahn entgegengeschleudert wurde, als sie um einen Platz bat. Sie legt es so ausführlich dar, dass einem das Bild eines angefahrenen, verletzten und völlig orientierungslosen und panischen Rehs vor Augen tritt, das sich ins Dickicht schleppt und dort die Wunden der empfundenen Kränkung leckt. Hensel verstolpert sich dabei in metaphysischen Vergleichen, um uns an ihrer Panik detailliert teilhaben zu lassen. Einer Panik, die erst dann enden würde, wenn sie eingeschlafen sei und hoffentlich von etwas anderem träume, "Sex mit einem Mann vielleicht oder so". Andere würden da vermutlich erst in Panik verfallen. Hensel schildert noch weitere Beleidigungen, die ihr auf offener Straße widerfuhren und scheut sich nicht, obszöne Schimpfwörter wiederzugeben. Sie habe lange damit gerungen, diese diffamierenden Wörter aufschreiben zu können, aber heute sei sie einen Schritt weiter. "… heute schreibe ich das einfach mal auf, auch wenn es sich sehr komisch anfühlt."

Sie ist keinen Schritt weiter. In Roberto Bolaños Roman 2666 liest man den Satz: "Die Welt ist ein Sarg voller Geschrei." In einer Stadt wie Berlin ist man dem Geschrei täglich ausgesetzt und muss mit Beschimpfungen rechnen, die einen wie kleine bissige Terrier plötzlich ins Herz beißen. Man muss nur täglich Ringbahn fahren; es ist sehr unwahrscheinlich, dass man dann wie Moses vom Berg Sinai in seine Wohnung zurückkehrt. Ja, man kann sich schon ärgern, wenn man Hensels Text liest. Nicht aber über die wüsten Beschimpfungen, die sie so trefflich zu schildern weiß. Vielmehr kann man teilhaben daran, wie diese verbalen Entgleisungen permanent als ein Werkzeug, ein Hämmerchen vielleicht, dazu genutzt werden, um das Ich für jeden begehbar breitzuklopfen.

Es ist unschön und verurteilenswert, was Jana Hensel erlebt hat. Daran darf kein Zweifel bestehen. Irritierend ist nur, wie sie ihre Empörung für alle sichtbar aufbläht. So weit, dass der Gegenstand der Empörung in der Selbstbespiegelung der Gefühle fast verschwindet. Natürlich hat die Autorin ihre Erlebnisse auch auf Facebook gestellt, und natürlich sammelten sich darunter Reaktionen von Gleichgesinnten; geschlagene Hunde heulen gern in Rudeln. Man hat überhaupt den Eindruck, dass die Spezies der Gekränkten immer nur irgendwo lauert und auf ihren Fütterer wartet, der ihr einen Text oder eine politische Äußerung wie einen Knochen hinwirft, auf den sich dann alle stürzen, um ihn brutal abzunagen. Manchmal wird sogar ein Shitstorm draus. Dass sich dieses Wort für ein geistiges Tiefdruckgebiet etabliert hat, ist traurig genug.

Verbirg dein Leben!

Im März des vergangenen Jahres wurde Jana Hensel also in ihrer Mittagspause in der Nähe des Gendarmenmarktes besonders widerlich obszön beschimpft. Ihr Ziel sei es gewesen, nach der Pause "wieder so an den Schreibtisch zurückzukehren, dass niemand mir etwas ansehen konnte". Warum eigentlich nicht, möchte man fragen, wo sie doch später ihr Schamgefühl auf dem Altar der Facebook-Gemeinde opfert. Vielleicht wäre es erleichternd gewesen, unmittelbar darüber zu sprechen. Mitleid ist ohnehin nur in einem Nahverhältnis möglich. "Das hier war schließlich", so schreibt sie über den Vorfall, "meine eigene, kleine soziale Tortur." Genau das hätte sie auch bleiben sollen. Ganz beiläufig möchte man der Autorin nach der Lektüre ihres SZ-Textes sagen, dass die sexistischen Verunglimpfungen, die sie aufzählt, allein durch die Wiedergabe ihr nun wohl noch eine Weile anheften werden. Die Verwandlung der diffamierenden Kränkung in Information verleiht ihr eine Nachhaltigkeit, die eigentlich schwerer auszuhalten, geschweige denn zu bewältigen ist als die ursprüngliche Kränkung selbst. Epiktet hat nicht umsonst gesagt: Verbirg dein Leben!

Hensel spricht in ihrem Text von Leid, welches sie durch diese Beschimpfungen von einem, wie sie schreibt, älteren und offensichtlich verwirrten Mann erfahren hat. Nun fühlt man sich aber genötigt zu fragen, auf welcher Seite das Leid zu Hause ist. Vermutlich auf der Seite des Verwirrten und dort überdies vermutlich dauerhaft. Und also wird erst recht klar, dass das unschöne Erlebnis als Tagebucheintrag gewiss seine Daseinsberechtigung gehabt hätte, nicht aber in einem Zeitungsmagazin. Man sollte eben nicht einfach mal etwas aufschreiben, und erst recht nicht, wenn es sich sehr komisch anfühlt.