Den Kapitalismus kann man fast als eine Chiffre für diese Komplexität lesen. Man kann ihn adressieren, ohne von ihm zu erwarten, ein handlungsfähiger Akteur zu sein. Es stellt sich der Eindruck ein, dass eine generelle Kritik am Kapitalismus fast so etwas Ähnliches ist wie eine Kritik an der Komplexität der Gesellschaft, für die den Kritikern, auch den akademischen, die theoretischen Chiffren fehlen. Hier genau setzt übrigens bereits Marx an.

Sein Hinweis auf die Maßlosigkeit des Kapitals verweist auf exakt den Mechanismus, der moderne Gesellschaften ausmacht: Effizienz, Dynamik und Problemlösungskapazitäten dadurch freizusetzen, die einzelnen Handlungsbereiche der Gesellschaft von allzu starker wechselseitiger Kontrolle freizuhalten. Die alte Welt lebte davon, alles möglichst einem Schema, einem hierarchischen, möglichst konsistenten Gesamtmodell unterzuordnen. Modernisierung hieß stets, sich im Interesse eigener Maßlosigkeit von solchen Gesamtbeschreibungen zu emanzipieren.

Selbstmoralisierung und Verantwortung

Modernisierung hieß immer: Haltlosigkeit gegen die Grenzen der alten Welt durchzusetzen und aus Maßlosigkeit ganz neue Dimensionen zu erreichen – das galt im Positiven wie im Negativen. So ist der CO2-Ausstoß ebenso exponentiell gestiegen wie die Zahl moralischer Diskurse, haben wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso zugenommen wie Wirtschaftsaktivitäten; die Verschmutzung der Umwelt ebenso wie der Wert des einzelnen Menschen; Machtpotenziale ebenso wie ihre Kritik; Zivilisationskrankheiten ebenso wie medizinisches Wissen und medizinische Versorgung und nicht zuletzt das durchschnittliche Lebensalter; Niederlagen also ebenso wie Erfolge.

Modernisierung hieß tatsächlich immer: das Nebeneinander unterschiedlicher Maßlosigkeiten. Wir sind dabei aber stets auf das Ökonomische fixiert, weil es wie in Reinkultur diesen Trend zur Maßlosigkeit zum Programm erheben und das Fehlen von Stoppregeln zum eigenen Lebenselixier erklären kann. Man muss sich nur den ökonomischen Neusprech aus Exzellenz, Dynamik und Grenzenlosigkeit anhören, heute kombiniert mit einer markenkompatiblen Selbstmoralisierung von Verantwortung, Unternehmenswerten und Sozialmetaphern.

Übrigens sind Freiheit und Regulierung hier gar keine Gegensätze. Sie ermöglichen sich gegenseitig. Investitionspläne zum Beispiel und unternehmerische Strategien müssen sich selbst regulieren, um ihr Ziel zu erreichen, zugleich aber müssen sie auf maßlose Freiheit setzen, um Neues zu erschließen – Märkte, Produkte, Lösungen und so weiter.

Kapitalismus heißt: Risiken eingehen, in diese oder in jene Richtung, heißt aber auch, Risiken zu minimieren, um Ziele zu erreichen. Kapitalismus heißt: auf Evolution zu setzen und doch Pläne zu machen, Spekulation zu betreiben und sich gleichzeitig auf langfristige Investitionsmöglichkeiten einzulassen. All das kann der Kapitalismus nur, weil er auf wenig anderes Rücksicht nehmen muss als auf sich selbst. Wer darauf verzichten möchte, muss diese Problemlösungsdynamik erzwingen – ein Widerspruch in sich.

Ein großes Tabu

Anderen Bereichen der Gesellschaft steht diese selbstbewusste Form, die eigene Maßlosigkeit zum expliziten Programm zu erheben, weniger zur Verfügung – aber faktisch leben all diese auch von dieser immensen Steigerung von Optionen: Wissenschaft beschäftigt sich oft mit Problemen, die es ohne sie nicht gäbe. Wissenschaftliche Erkenntnis ist kaum regulierbar und planbar und lässt sich vor allem nicht durch mögliche Folgen der Erkenntnis regulieren. Massenmedien bilden die Welt nicht ab, sondern steigern ihre Optionen dadurch, dass schlicht alles berichtet werden kann, was man berichten kann – und noch mehr. Die moderne Kunst ist maßlos in ihren ästhetischen Möglichkeiten – was man ebenso schätzen wie darunter leiden kann. Religion wird spätestens dort maßlos, wo nicht alles religiös geregelt werden kann. Die Maßlosigkeit der Informationstechnik ist inzwischen sprichwörtlich.

Was hier nur angedeutet werden kann: Man verfehlt die Struktur der modernen Gesellschaft fundamental, wenn man nicht sieht, dass die ökonomische Maßlosigkeit und Optionssteigerung nur die sichtbarste Variante unter anderen ist. Die Emanzipation der Wissenschaft und der Kunst, der Religion und nicht zuletzt der privaten Lebensführung ist nur ein paralleler Aspekt dieser Etablierung von Maßlosigkeit und fehlenden Stoppregeln. Deshalb kann man Gesellschaften heute eben nicht mehr als eine Gemeinschaft von Leuten oder als sozial integrierte handlungsfähige Einheiten begreifen.

All das sind Chiffren der Selbstberuhigung: Würden wir nur vernünftig und würden wir zu konsentierbaren Zielen gelangen, ließe sich diese Komplexität der Gesellschaft bewältigen – so lautet die Ideologie der Selbstberuhigung. Dass es den systematischen Ort, von dem her sich das Ganze als Ganzes erschließt, aus strukturellen Gründen nicht gibt und nicht geben kann, muss unbedingt unsichtbar bleiben. Es darf nicht genannt werden. So etwas nennt man ein Tabu.

Ein noch größeres Tabu ist übrigens, dass dieser Mechanismus der Selbstbezüglichkeit des Kapitalismus weltweit mehr Wohlstand und Entwicklungsmöglichkeiten hervorgebracht hat, als es dies je gegeben hat, selbst wenn sich europäische Standards rechtlicher und ökonomischer Sicherheit nicht gleich durchsetzen lassen.