Als ich Kind war, turnte meine Mutter jeden Morgen zehn Minuten vor dem Fernseher. Die Sendung hieß Medizin nach Noten, drei Gymnastinnen zeigten unter Anleitung einer Sportmedizinerin Übungen, die vor allem die weiblichen Werktätigen fit halten sollten. Außerdem, so hieß es in den sechziger Jahren in der Enzyklopädie Die Frau: "Unerwünschter Fettansatz kann weggeturnt werden." Meine Mutter erwartete dann auch von diesen Übungen die damals noch attraktive Sanduhrfigur. Sie hat sie nie erreicht, dafür schafft sie es mit fast 80 immer noch, beim Rumpfbeugen mit den Fingerspitzen den Erdboden zu berühren.

Medizin nach Noten fiel mir ein, als ich an einem Mittwoch gegen 8.30 Uhr kichernd durch den Prenzlauer Berg nach Hause lief, nachdem ich mir in der Kulturbrauerei den neuesten aus London importierten Clubtrend angesehen hatte: Nach der etwas aus der Mode gekommenen After Work Party – wann ist heut schon Schluss im Kreativraum – gibt es seit einem halben Jahr nun auch in Berlin einmal im Monat den Morning Gloryville, Rave für Frühaufsteher. Früher ging man hier in der Gegend um die Zeit entspannt mit der Promenadenmischung raus oder nach der Nachtschicht auf ein Frühstehbier zu Trümmerkutte oder auf eine erste Currywurst vor der Arbeit zu Konnopke, aber die Zeichen der Zeit heißen an diesem, vom Weltgeist in die Zange genommenen Ort: Nüchternheit, Veganismus und Bewegung. Smoothie statt Bier.

6.30 Uhr Beginn. Das klang nach Frühschicht mit Betriebsgymnastik oder nach Sachsen-Anhalts altem Slogan "Wir stehen früher auf". Am Eingang zum Kesselhaus der Kulturbrauerei rollte mir ein Hula-Hoop-Reifen vor die Füße, der zu einem Mädchen gehörte, das ganz aus müdem Glitzern bestand und ein geschäftsmäßiges Animateurinnenlächeln aufgesetzt hatte, was die beiden jungen Frauen hinter mir zum Quietschen veranlasste, in das hinein eine dritte sagte: "Ich will auch ein Hula-Hoop-Mädchen sein." An der Garderobe wurden vorwiegend Fahrradhelme und Laptoptaschen abgegeben. Wer den Early Bird gebucht hatte, kam für 8 Euro am freundlichen, so gar nicht berghainmäßigen Türsteher vorbei, an der Abend-, äh, Morgenkasse kostete es fast doppelt so viel. Auch eine Form der Erziehung zu volkswirtschaftlich nützlicheren Lerchen.

"Guten Morgen", grüßte ein buntes Transparent auf der Bühne, das aussah wie aus dem Fundus des Kinderfernsehens ersteigert. Als würde gleich ein blauer Bär auf die Bühne tapsen und etwas erklären. Aber dann waren es doch nur ein paar spillerige Tänzer – Animateure mit freiem Oberkörper und in silbern schimmernden engen Leggings, die Frauen in Kleidung, die an Aerobiczeiten erinnerte. Das sah wie missglückte künstlerische Gymnastik aus. Über alle Lieder dieses Morgens, vor allem in die Jahre gekommene Popsongs, war ein Elektrobeat gelegt, dessen Bässe aber, anders als in richtigen Klubs, nicht böse zu den Ohren sein wollten. Überhaupt war Harmonie Pflicht, aber natürlich ohne Ausrufezeichen, sondern als freiwillige Selbstverpflichtung. Und wer wirft schon mit vollen Smoothiegläsern, wenn der Inhalt 5 Euro gekostet hat. Natürlich war alles vegan, was an den Ständen angeboten wurde, auch wenn es wie Rührei aussah. Und ganz sicher war auch der Kaffee seine Euro wert, weil liebevoll und in slow motion aufgebrüht. Aber sollte er nicht wenigstens entkoffeiniert sein?

Auf der Balustrade beim Yoga versuchten sich inzwischen viel zu viele Interessenten am Sonnengruß und kamen sich gegenseitig mit den Armen ins Gehege. Aber da das Kesselhaus ein Konzertraum und keine Kirche ist, blieb die Sonne unsichtbar. Die Schlange für die kostenlose Massage wurde immer länger.