Für jedes denkbare gesellschaftliche Anliegen gibt es in den sozialen Netzwerken aktivistische Communitys. So war das anfangs schließlich auch gedacht, mit dem Internet und seinem antiautoritären Potenzial: Wenn sich die Menschen untereinander erst einmal vernetzt haben würden, das war einmal die Idee, könnten sie frei ihre Wünsche artikulieren, ohne dass irgendeine Regierung dagegen etwas würde unternehmen können. Sie könnten sich organisieren, Unterstützer motivieren und eine Gegenöffentlichkeit aufbauen. Autoritäre Regime würden kollabieren, der Volkswille regieren. Das Internet als Sturmgeschütz der Demokratie.

In den meisten Fällen gilt hierbei: Je mehr Mitglieder eine Community hat, desto lauter ist ihre Stimme. Einen Nutzer mit 200 Followern können die Mächtigen leicht übergehen. Einen Nutzer mit zwei Millionen schon nicht mehr. Wer über eine große Community verfügt, kann unter Umständen auf Konzerne, Parteien und Regierungen direkt Einfluss nehmen. Onlinepopularität ist zu einem Hebel für gesellschaftliche Veränderungen geworden.

Laut dem amerikanischen Verfassungsrechtler Lawrence Lessig lässt sich eine Gesellschaft anhand von vier Schlüsselbereichen verändern: Rechtsprechung, Programmiersprachen, Märkte und soziale Normen. In der Praxis sieht das so aus: Juristische NGOs kämpfen für die Rechte ausgebeuteter Arbeiter, indem sie mit exemplarischen Klagen versuchen, die Rechtsprechung zu beeinflussen. Organisationen wie der Chaos Computer Club decken Sicherheitslücken in wichtigen Programmen auf. Hashtags wie #BoycottGermany zielen auf die Macht der Märkte. Und Social-Media-Kampagnen wie die Einfärbung des eigenen Profilbildes in Regenbogenfarben werben für Akzeptanz und Toleranz.

Traffic, Geld und Einfluss

Allerdings tritt eine Community nicht zwangsläufig für das Gute ein, nur weil sie eine Community ist, auch wenn sie ihren Mitgliedern gegenüber meist genau das behauptet. Seit die Community eine politische Währung ist, verhält sie sich tendenziell wie jede andere Währung: Sie hilft nicht unbedingt zuerst jenen weiter, die im Recht sind, sondern vor allem den Stärksten. Wie klassisches Kapital lässt sich auch die Community gezielt akkumulieren, wenn man sich Profis leisten kann, die das übernehmen: Social-Media-Agenturen wie Klout, TLGG oder Beebop stellen für ihre Kunden passgenaue Communitys her, die sich wiederum in Traffic, Geld und schließlich gesellschaftlichen Einfluss zurückübersetzen lassen.

In der Politserie House of Cards gibt es eine Szene, die den Sachverhalt gut illustriert: Nachdem die junge Journalistin Zoe Barnes die Position als Korrespondentin im Weißen Haus für die Tageszeitung Washington Herald ausschlägt, flippt der Chefredakteur Tom Hammerschmidt aus und nennt sie eine "undankbare, selbstgerechte kleine Fotze". Ungerührt zieht Zoe Barnes das Smartphone aus der Jackentasche, twittert das Zitat, und sagt: "Nenn mich, wie du willst, aber du solltest bedenken: Wenn du heutzutage mit einer Person sprichst, sprichst du mit tausend." Wenig später ist Tom Hammerschmidt seinen Job los.

In seinem Buch Aufstieg und Niedergang der Piraten erzählt der ehemalige Berliner Abgeordnete Christopher Lauer, dass die Piratenpartei an eben solchen Verhältnissen zugrunde gegangen ist. Innerhalb der Partei habe sich eine lautstarke Elite herausgebildet, die sich als Basis ausgab, und gegen jeden öffentlich Sturm lief, der von ihrer Linie abwich: "Damit ergibt sich das Bild einer nicht gewählten, inoffiziellen, aggressiven Polit-Elite, die sich aber für die Basis hielt und daraus ihre Legitimation zur Durchsetzung ihrer Ziele zog. Die Pervertierung jedes Ziels also, das ursprünglich per Basisdemokratie hätte erreicht werden sollen", schreibt Lauer.

Sternstunde des Politiker-Tweets

Manchmal liegt die Community auch einfach falsch. Trotzdem nimmt ihr gesellschaftlicher Einfluss tendenziell zu: Im harmlosesten Falle produziert sie nur Schlagzeilen wie etwa bei Dieter Nuhr, Til Schweiger oder Donald Trump. In der nächsten Stufe nimmt sie allerdings schon Einfluss auf die Vorstandsentscheidungen des wertvollsten Konzerns der Welt: Als die amerikanische Pop-Sängerin Taylor Swift mit ihren 60 Millionen Twitter-Followern im Juni eine Klausel im Vertrag zu Apples neuem Streaming-Dienst Apple Music kritisierte, wurden die Regelungen umgehend geändert. Nun ist Taylor Swift keine reine Twitter-Persönlichkeit, sondern im Nebenberuf auch noch Popstar. Trotzdem ist schwer vorstellbar, dass der wertvollste Konzern der Welt seine Verträge zum Beispiel für Rupert Murdoch geändert hätte. Murdoch besitzt zwar das größte Medienunternehmen der Welt, hat auf Twitter aber nur etwas mehr als 500.000 Follower.

In Deutschland gab es kürzlich einen ähnlichen Fall: Der Moderator Jan Böhmermann hatte Sigmar Gabriel auf seiner Facebook-Seite kritisiert, woraufhin der Vize-Kanzler ihn öffentlichkeitswirksam zu einem Gespräch in seinem Büro einlud. Weil er sich nicht instrumentalisieren lassen wollte, schlug Böhmermann die Einladung aus. Natürlich ist Jan Böhmermann auch als ZDF-Moderator bekannt. Er ist aber eben in den deutschsprachigen Sozialen Medien auch erfolgreich wie kaum ein anderer. Oliver Welke hätte von der Bundesregierung eher kein Gespräch angeboten bekommen, wenn er sich auf seiner Facebook-Seite über die Politik beschwert hätte. 

Mehr Reichweite als die BBC

Selbst als Nachrichtenvermittler werden die Community-Oligarchen immer relevanter. In einer Umfrage des amerikanischen PEW Research Institute haben gerade 63 Prozent der Teilnehmer angegeben, ihre Nachrichten über Facebook und Twitter zu beziehen. Wenn Taylor Swift dort einen Artikel postet, wird er für sehr viel mehr Menschen Teil der Medienrealität, als wenn etwa die BBC das tut. Die meisten Follower auf Twitter hat die Sängerin Katy Perry, es sind über 73 Millionen. Auf Platz zwei liegt Justin Bieber mit 65 Millionen.

Für Politiker bedeutet das: Mit einem Retweet von Katy Perry oder einem anderen Community-Millionär könnten sie auf einen Schlag mehr Menschen erreichen, als mit einem Interview, das zur Prime Time auf allen deutschen Fernsehsendern gleichzeitig ausgestrahlt würde. In den Tagen vor dem Eurogruppengipfel über ein drittes Geldpaket für Griechenland erlebte das Format des Politiker-Tweets deshalb eine kleine Sternstunde: Die Einigung beim Eurogipfel verkündete der ehemalige polnische Präsident Donald Tusk kurz vor Mitternacht nicht über die Nachrichtenagenturen, sondern auf Twitter. Kurz vorher hatte der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis seinen Rücktritt auch via Tweet bekannt gegeben. Der ehemalige schwedische Ministerpräsident Carl Bildt, der ehemalige belgische Regierungschef Guy Verhofstadt und der maltesische Ministerpräsident Joseph Muscat kommentierten die Einigung.

Von außen verbreiteten Professoren, Nobelpreisträger und politische Bestsellerautoren ihre Positionen via Twitter. Und kurz zuvor hatte David Cameron die Verhandlungen über die EU-Mitgliedschaft seines Landes über Twitter offiziell eröffnet.

Werbebudgets und Nachrichtenströme

Sie alle wollen Teil des Goldrausches sein, in dem es um die Währung "Community" geht. Die Feedback-Statistiken der sozialen Netzwerke beeinflussen Werbebudgets genauso wie politische Richtungsentscheidungen. Nicht ausschließlich, aber zusehends. Was aber, wenn der ganze Betrieb einem grundsätzlichen Irrtum aufsitzt? Wenn er die Anzahl der Replys und Shares mit gesellschaftlicher Relevanz verwechselt?

Die sozialen Netzwerke haben es so einfach gemacht, sich öffentlich zu äußern, dass es fast nichts mehr bedeutet. Im Internet wird der Einzelne nicht gehört, sondern lediglich gezählt und vermessen. Entscheidend ist nicht, in welcher Community man sich bewegt, sondern nur, dass man es überhaupt tut. Die einzigen, die tatsächlich eine aktive, selbstbestimmte Rolle spielen können, sind auch auf diesem unregulierten Markt die Community-Millionäre.