Die deutsche Sprache erscheint im Licht der Eurokrise wie ein Bollwerk des Wahnsinns gegen die Pragmatik und Vernunft der englischen Sprache. Das liegt an ihrer verzwickten Verquickung zwischen Schuld und Schulden. Während der Singular Schuld einen Sachverhalt anspricht, der mit Blick auf die jüngere Geschichte ins Unermessliche ragt, scheint der Plural Schulden auf Heller und Pfennig, mit Zins und Zinseszins berechenbar, wäre da nicht das kollektive Unbewusste, das zwischen Einzahl und Mehrzahl unentwegt hin- und herrast und Verwirrung stiftet. 

Es gäbe viele Gründe dafür, die Verhandlungen über die Lösung der Eurokrise in lateinischer Sprache zu führen und einen Altphilologen als Simultandolmetscher an die Seite Wolfgang Schäubles zu setzen, um die Helle und Klarheit, das aufgeräumte Denken und die Systematik der alten lingua franca Europas als versöhnendes Element in die europäischen Verhandlungen zu holen. Die tiefe Klarheit des debeo, von de-habeo: von jemandem etwas herhaben, später dann: Schulden haben, das im englischen debt noch so unmissverständlich scheint, verwächst im deutschen Wort der Schulden zu einem fast undurchdringlichen Dickicht.

Das liegt wohl auch daran, dass die Gegenseite der Schulden, die Guthaben, nur selten in der öffentlichen Debatte auftauchen – wenn überhaupt. Man könnte diesen Sachverhalt als eine Art der Gefahrenabwehr verstehen, die das Ziel verfolgt, die Guthaben, ihr Zustandekommen, ihre Inhaber, koste es, was es wolle, schadlos zu halten. Auch die Gründe dafür liegen in der maßlosen Tiefe der deutschen Sprache verborgen.  

Während die Engländer keine Mühe haben zu verstehen, was creditors heißt, tun sich die Deutschen schon etwas schwerer damit. Denn ihr Gläubiger steht in Folge seiner fast schon theologisch begründbaren Unangreifbarkeit in zu großer Nähe zum Glauben und zum Gläubigsein, als dass man auch ihm eine gewisse Verantwortung am Zustandekommen der gegenwärtigen Krise zurechnen wollte. Täte man dies (wofür es durchaus Gründe gäbe), käme das einer Apostasie gleich, einem Abfall vom Glauben, gegen den man in anderen Gegenden unserer Welt den Begriff der Fatwa in Stellung brächte. Lieber hält man hierzulande am Dogma der Einbringbarkeit der Schulden so lange fest, bis die Gläubiger eines hoffentlich sehr, sehr fernen Tages wirklich dran glauben müssen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Kehren wir zurück zu unserem Ausgangspunkt, der so unentwirrbar anmutenden Nähe zwischen Schuld und Schulden. Schauen wir uns genauer an, was das Wörterbuch der Brüder Grimm zu diesem Thema mitzuteilen hat. Die Grimms finden die Herkunft in fernster germanischer und altnordischer Geschichte. Für das skulan, das heißt sollen, gibt es außer dem Germanischen nur Entsprechungen in den baltischen Sprachen. In seiner Herkunft ist das Wort Schuld auf das Germanische beschränkt, hier aber überall verbreitet, nur gotisch unbezeugt. 

Sprachgeschichtlich abwegig

Im Altnordischen ist das Wort skuld auch der Name der Norne der Zukunft. Das Wort skulu dient der Umschreibung der Zukunft, was in fernster germanischer Vergangenheit eine finanzmathematische Weisheit bezeugt, die sogar zur Lösung der derzeitigen Krise beitragen könnte, indem man die Zahlungsziele für das Abtragen der aufgelaufenen Schulden in die Ewigkeit einer ferneren Zukunft streckte. Insofern können wir die Annahme, Schulden seien allein ein Thema der Vergangenheit, sprachgeschichtlich als abwegig betrachten. In der Schreibweise standen schult und schulde nebeneinander, wobei das harte t mehr dem debitum (also dem Geschuldeten) zuzurechnen sei, während das weiche d mehr zur Schuld als culpa zuneigte, also der strafrechtlich zuerkannten Schuld und der theologischen Idee der Sünde.

Man konnte alles Mögliche schulden: Sach- und Geldleistungen, Hand- und Spanndienste, manchmal auch bloß so etwas Bescheidenes wie eine Antwort auf eine Frage. Das Wort Schuld in dem finanztechnischen Verständnis konnte sowohl das Rechtsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner als auch den geschuldeten Betrag selbst bezeichnen, also auch in ein Schuldbuch eingetragen werden.

Verwirrung stifteten unsere Vorfahren, weil sie es offenbar für überflüssig hielten, der lateinischen Unterscheidung zwischen culpa und debitum mit eigenen präzisen Übersetzungen Folge zu leisten. So brachten sie zusammen, was besser auseinandergeblieben wäre, Schuld, Unrecht und Sünden auf der einen, geschuldete Kredite und Sachleistungen auf der anderen Seite. Unsere Vorfahren hatten sich im Dunkel ihrer Wälder offenbar zu wohl gefühlt. Wir beklagen mit dem von ihnen angerichteten Wirrwarr die Folgen spätgermanischer Maulfaulheit.

Genauere Betrachtung fördert allerdings zu Tage, dass der Wirrwarr womöglich wohl bedacht war. Ökonomie, Jurisprudenz und Theologie haben gemeinsam unter dem Begriff von Schuld etwas fabriziert, was von der Erbsünde bis ins Katasteramt den Menschen nicht nur zu Lebzeiten ins Eisen der Pflicht nimmt, sondern hernach auch noch ins Fegefeuer befördert. Die Verwirrung der Gefühle reicht so weit, dass das Wort der Schulden wie selbstverständlich heute so abstoßend erscheint, dass manche sogar – dazu wie genötigt – von Schuldensündern sprechen, obschon das den Sachverhalt nur unnötig doppelmoppelt. Das lässt völlig außer Acht, dass die Zins- und Tilgungszahlungen der Sünder auch irgendwelchen nicht ganz herrenlosen Konten gutgeschrieben werden.

Schuld als individuelles Verfehlen

Die Fabrikation des deutschen Wortverständnisses erfolgte durchaus arbeitsteilig. Die Kirchenlehrer hatten offenbar die Ökonomie ihrer Zeit so gut beobachtet, dass sie für jede begangene Sünde nach einer Sühne (satisfactio operis) verlangten und damit Gespür dafür zeigten, dass eine Verpflichtung erst dann buchstäblich in Fleisch und Blut übergeht, wenn sie als hinreichend drückend empfunden wird. Als das kirchliche Geschäft mit Ablasshandel ins Kraut zu schießen begann und dem Fegefeuer die Kundschaft auszugehen drohte, legte die Reformation das protestantisch gewendete Herz erfolgreich an die Kette. So verewigte sie die Idee der Schuld als individuelles Verfehlen und befahl sie Gottes Gnade.

Die Engführung zwischen antikem Denken und dramatischer Vergegenwärtigung erstaunt auch im Detail:

Erschüttert steh' ich, weiß nicht, ob ich ihn
Bejammern oder preisen soll sein Loos.
Dies Eine fühl' ich und erkenn' es klar:
Das Leben ist der Güter höchstes nicht,
Der Uebel größtes aber ist die Schuld.

Der Schlussvers aus Schillers Drama Die Braut von Messina steht hoch im Kurs im Denken der schwäbischen Hausfrau von heute.

Nietzsches Genealogie der Moral

Friedrich Nietzsche ist den zuvor beschriebenen Operationen der Begriffsgeschichte besonders boshaft und treffsicher nachgegangen. Natürlich folgte die Idee der moralischen Schuld den vorgebahnten Wegen materieller Schuldverhältnisse. Sie übernahm als Vorbild, was die antiken Gläubiger im Allgemeinen oder auch im Besonderen als hinreichende Sicherheit für ihre Forderungen erachteten, eine "Fundstätte für Hartes, Grausames, Peinliches":

"Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter antun, zum Beispiel so viel davon herunterschneiden, als der Größe der Schuld angemessen schien – und es gab frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Teil entsetzlich ins kleine und kleinste gehende Abschätzungen, zurecht bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. (...) Die Äquivalenz ist damit gegeben, (...)  dem Gläubiger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden wird – das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Wollust (...), der Genuß in der Vergewaltigung: als welcher Genuß um so höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft steht, und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. Vermittelst der 'Strafe' am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Rechte teil: endlich kommt auch er einmal zu dem erhebenden Gefühle, ein Wesen als ein 'Unter-sich' verachten und mißhandeln zu dürfen – oder wenigstens, im Falle die eigentliche Strafgewalt, der Strafvollzug schon an die 'Obrigkeit' übergegangen ist, es verachtet und mißhandelt zu sehen."

Die reißerischen Schlagzeilen der vergangenen Wochen und Monate stehen genau in dieser Tradition und bedienen in der Rhetorik der Finanzpolitiker die uralte Sehnsucht danach, zu Recht grausam sein zu dürfen. Was dabei außer Acht blieb und damit zugleich eine Rückfallgefahr der deutschen Politik illustriert, sind die Querverbindungen zwischen dem Politikfeld der Eurorettung und der Zunahme xenophober Gewaltfantasien gegen Flüchtlinge. Zu Recht grausam sein zu dürfen, dieses Verlangen aus der Barbarei schien nach 1945 in der politischen Kultur Deutschlands erfolgreich abgekapselte Vorstellung. Sie beginnt wieder zu wuchern und hat ihre Abkapselung fast schon gesprengt.

"Du hast angefangen!"

Es wäre historisch zwar berechtigt, aber in der Dynamik der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland weitgehend wirkungslos, wie kürzlich Thomas Piketty und andere an den Schuldenschnitt von 1953 zu erinnern, der überhaupt erst das sogenannte Wirtschaftswunder im Westen ermöglichte. Dieser Versuch der Erinnerung folgte einer Logik des Aufrechnens, wie man sie aus kindlichen Konflikten kennt "Du hast angefangen! Nein, du!" Der Versuch verkennt das Ausmaß der Abkehr vom Modell des Interessensausgleichs, das maßgeblich die politische Kultur der Bundesrepublik bis zum Jahrtausendwechsel geprägt hat.

Die Stimmungsmache der letzten Monate stößt auf eine Resonanz, die gleichermaßen erstaunt und verstört. Sie ruft ausgerechnet jene Fußtruppen aus dem gesellschaftlichen Abseits, die keine ökonomischen Kenntnisse benötigen, um etwas populär zu machen, was sie selbst ohnehin nicht verstehen. Wie auch? Der Populismus gegen die "griechischen Schuldensünder" vereinfacht den beilegbaren Konflikt zu einer zustimmungsfähigen wahrheitswidrigen Behauptung, nicht weil die Schulden nicht irgendwie in den Griff zu bekommen wären, sondern weil die Narbe über der eigenen Schuld so verhärtet ist, dass sie zu brechen droht und erneut an die Oberfläche dringt, was um jeden Preis verborgen bleiben soll. Das Fußvolk der Populisten nähme es übel, wenn man ihm durch einen Kompromiss zwischen Gläubigern und Schuldnern die Freude an dem Schauspiel raubte, zu Recht grausam zu sein.

Die Griechen verstehen uns besser als wir uns selbst. Auch diese Beobachtung führt zurück in die Sprachgeschichte. Denn ebenso wie in der deutschen Sprache verwenden auch die Griechen seit der Antike das gleiche Wort für Schulden und Schuld. Der griechische Text des Neuen Testaments belegt es in Matthäus 6,12:

"αὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν·

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern."

Das Wort οφειλή kennt auch die neugriechische Sprache. Es heißt Schuld. Oder auf Englisch debt. Ob die Götter dabei auch heute noch eine Rolle für sich beanspruchen, ist eine andere Frage. Die antiken Griechen hatten ein enges Verhältnis zu ihren Göttern, kannten ein Geben und Nehmen im wechselseitigen Gewahrwerden. Es konnte sogar sein, dass ein Gott neidisch auf ein Menschenwesen wurde. Das Wort οφειλή führt uns zurück in die Schuld vor allen Anfängen. Vermeiden wir dafür so ein Wort wie Erbsünde. Denken wir eher wie der antike Philosoph Epikur und betrachten es als eine dauerhafte wechselseitige Bindung der Menschheit an sich selbst sowie an die Natur, die uns hervorgebracht hat.

Griechenland - Vom Referendum bis zur Einigung