Ich bin in einem Reihenhaus in der Kölner Vorstadt aufgewachsen. Dort gingen die Männer in den 1970er Jahren sechs Tage die Woche arbeiten und am Sonntag zum Frühschoppen in die Kneipe. Ihre Ehefrauen mühten sich daheim mit Kindern, Kochen und sonstigen ehelichen Pflichten ab. Hin und wieder fuhren die Damen zu zweit oder dritt in die Stadt, um bei "Regina-Schuhe" vor dem Schaufenster den hochgewachsenen italienischen Verkäufer anzuschmachten. Offiziell berührt wurden sie nur von drei Männern: dem Ehemann, dem Hausarzt und – dem Tennislehrer.

Er trug die weißen Shorts knapp und die dunklen Haare lang. Immer wieder umschlang er beidarmig Schulter oder Taille und adjustierte den Griff feuchter Frauenhände am Schläger. Die in die seitlichen Eingriffe der Shorts gezwängten Ersatzbälle pressten sich dabei wie verrutschte Hoden an die Hüften der Auszubildenden. Anders als der Fahrlehrer, bei dem die Hausfrauen nach und nach den Führerschein machen durften, war der Tennislehrer kein sadistisch anmutender Depp, dem die Bundeswehr höhere Dienstgrade verweigert hatte.

Der Tennislehrer eröffnete ihnen stundenweise eine Welt von Präzision, Wucht und Kampfgeist, scheuchte sie in ihren wippenden Tennisröckchen über das Feld und ließ sie stets aufs Neue am harten Aufschlag arbeiten. Ehrgeiz rot-weiß in einer Zeit, in der Jogging noch Trimm-Trab hieß und Millionen Kinogänger in diversen Hausfrauenreporten verfolgten, was angeblich so alles abging, wenn der Hausherr auf Arbeit war und der Klempner zweimal klingelte.

Die Tennisstunden jener Jahre waren Vorspiel für und Vorgriff auf den Zeitgeist der Achtziger. Der trieb den Pornos wie den Körpern das Softe aus, scheuchte die Hausfrau in eine zunehmend technologisierte Leistungsgesellschaft und katapultierte mit Bum-Bum-Boris und stählerner Steffi zwei gleichberechtigte teutonische Kampfmaschinen an die Spitze der Tennis-Weltrangliste.

Das keusche Begehren der Hausfrauen umschloss einen visionären Keim. Sie begehrten nicht gegen eine freudlose Gegenwart auf, indem sie zur Tat schritten. Vielmehr adjustierten sie mit dem Griff am Schläger ihre Sehnsüchte. Sie erspielten sich kommende Veränderung über Bande erotischer Fantasien. Aufschlag zum Aufbruch mittels eines Prototyps Mann, der ihnen die Bälle zuspielte.

Vierzig Jahre später ist der Fetisch Tennislehrer auf Größe des Anti-Fetischs weiße Tennissocke geschrumpft. Hausfrauliche Pflichten erledigt die Zugehfrau oder der Lebensabschnittspartner in Elternzeit. Die Vorstadt ist in der Dichotomie von Stadt- oder Landleben untergegangen. Männer werden nicht länger angeschmachtet, sondern algorithmisch vorsortiert, angeklickt und bestellt. Und der Klempner heißt jetzt Internet der Dinge.