Der Tod des Löwen Cecil war für viele Simbabwer, mich und zahlreiche Journalisten eingeschlossen, ein Schock. Aber auch eine Überraschung, schließlich wussten wir nicht einmal, dass diese Ikone des Tierreichs überhaupt existierte und darüber hinaus auch noch Teil unseres nationalen Erbes war. Das haben wir erst den internationalen Medien entnommen. Wir hätten den Löwen wirklich gern gekannt, allerdings hatten wir vorher nie von ihm gehört. Als ich die Geschichte las, dachte ich darüber nach, ob ich über die beliebtesten Dinge in meinem eigenen Land überhaupt auf dem Laufenden bin. Ich fühlte mich isoliert und traurig, schließlich bin ich immer noch Simbabwer!

An vielen Simbabwern ist die Geschichte völlig vorbeigegangen, schließlich mussten sie sich derweil um andere Dinge Gedanken machen, zum Beispiel ihr wirtschaftliches Elend. Aber wie konnten sie diese Story nur verpassen? Ein "gefeierter Löwe", und dann auch noch "der beliebteste"?! Die Frage, von wem genau er eigentlich so geliebt wurde, haben die Medien kaum gestellt. Jedenfalls ganz sicher nicht von den Simbabwern.

Simbabwe ist zurzeit zu sehr damit beschäftigt, in seinen hausgemachten Problemen zu versinken, als sich ernsthaft Gedanken über einen Löwen zu machen. Den meisten hier erschien die Geschichte deshalb lediglich wie ein willkommener Vorwand, den ständigen Hass auf alles Amerikanische wieder aufzukochen, mit dem die Regierung seit langer Zeit von ihren eigenen Problemen ablenkt.

Unsere Regierung wirft den USA und Großbritannien vor, einen Regimewechsel in Simbabwe anzustreben. Deshalb greift sie jede Möglichkeit dankbar auf, die verhasste Überheblichkeit des Westens ins Gespräch zu bringen. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass die Menschen für einen Moment nicht über ihren Alltag nachdenken müssen, der aus Armut, Arbeitslosigkeit, Entführungen, Vertreibungen und landesweiten Kürzungen besteht. Gut möglich, dass sich die Geschichte anders entwickelt hätte, wenn der Löwe von einem Chinesen getötet worden wäre. China gegenüber verhält sich unsere Regierung sehr viel freundlicher.

In Simbabwe herrscht gerade eine Mischung aus Verwirrung und Frustration darüber, dass sich Medien aus aller Welt auf ein Thema stürzen, das so ziemlich die geringste Sorge der simbabwischen Bevölkerung darstellt. Wir haben mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Präsident Mugabe ist im Amt, seit das Land unabhängig ist. Die Bemühungen der "Bewegung für demokratischen Wandel", der größten Oppositionspartei MDC, durch faire Wahlen einen Regierungswechsel herbeizuführen, sind nach wie vor aussichtslos. Für eine Mutter, die ihr Kind nicht ernähren, und einen Vater, der seine Familie nicht versorgen kann, ist Cecils Tod sehr weit weg. Für die Millionen Simbabwer, die auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrem Heimatland geflohen sind, ist er sogar noch unwichtiger.

Meine Bekannte Busi Ndlovu ist Medienaktivistin bei der Women’s Media for Development Foundation. Sie hat die These aufgestellt, dass Cecil in den vergangenen Tagen von den internationalen Medien stärker personalisiert wurde, als es je einem normalen simbabwischen Bürger zuteil geworden ist. Mit der Frage, wie mit dem Löwen umgegangen wurde, habe sich die Welt stärker auseinander gesetzt, als mit der Frage, wie die Menschen hier behandelt werden. Sie hat festgestellt, dass ein Wort wie "Held", das die internationalen Medien jetzt schnell zur Hand hatten, in Bezug auf einen Menschen in Simbabwe noch nie benutzt wurde. Dabei hätten wir es wirklich gern vor vier Monaten gelesen, als der Menschenrechtsaktivist Itai Dzamara mutmaßlich von der Regierung entführt wurde.

Für Menschen wie Dzamara hatten die Medien keine großen Worte übrig, obwohl er tatsächlich ein Held war: Er ist gegen Mugabe aufgestanden und wurde dafür möglicherweise ermordet. Seit Monaten haben wir nichts von ihm gehört. "Simbabwer können es sich nicht leisten, die wilde Tierwelt zu einer Priorität zu machen. Es ist reiner Luxus", sagt Busi Ndlovu.