Immer wenn mal wieder eine neue Studie zur niedrigen Geburtenrate die Runde macht, beginnen aufgeregte Diskussionen: Warum werden in Deutschland so wenige Kinder geboren? Liegt es am Egoismus der Frauen, am Egoismus der Männer, sind Kinder zu teuer? Liegt es an der fehlenden Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder an einer kinderfeindlichen Grundstimmung in unserer Gesellschaft? An zu viel Feminismus oder an zu wenig Feminismus? An den prekären Arbeitsverhältnissen? Oder was sonst ist nur der Grund?

Ich verstehe schon die Frage nicht. Denn man braucht doch keine Gründe dafür, keine Kinder zu haben. Man braucht ganz im Gegenteil Gründe, um welche zu bekommen. Ein Kind zu bekommen, das ist eine bewusste Entscheidung. Man nennt das "Familienplanung". Wer diesbezüglich nichts plant und nichts entscheidet, hat auch keine Kinder. 

Das ist im Übrigen schon sehr lange so: Bis Ende des 19. Jahrhunderts lag die Fertilitätsrate in Deutschland bei fünf Kindern pro Frau. Aber dann sank sie sehr rapide, bis es 1934 nur noch 1,8 Kinder waren. Damals ist das Kinderkriegen von einer Selbstverständlichkeit zu einer Option geworden, von etwas, das eben normalerweise passiert, wenn man Sex hat, zu einem Ereignis, das aktiv und bewusst gewählt werden muss.    

Es gab nie einen Grund für Kinder

Ich zum Beispiel habe keine Kinder, nicht weil ich das jemals beschlossen hätte, sondern weil ich nie einen guten Grund dafür hatte, welche zu bekommen. Als junge Frau – das war in den 1980ern – erschien mir der Gedanke, eine Schwangerschaft und Geburt zu durchlaufen, aufgrund meiner generellen Abneigung gegen Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte eher gruselig. Ehrlich gesagt hatte ich Angst davor. Als Zwanzigjährige behauptete ich, ich hätte durchaus gern ein Baby, aber nur, wenn es mir jemand fix und fertig überreichen würde. 

Geburtsstationen sind zwar heute nicht mehr so grauenvoll wie damals, der Frauenbewegung sei Dank. Aber von einer Kultur der "schönen Geburt", die solche Ängste, wie ich sie damals hatte, ernst nehmen und entkräften würde, sind wir immer noch meilenweit entfernt. Man muss sich ja nur mal das Gezerre um die Hebammen anschauen, deren Arbeit aus wirtschaftlichen Erwägungen praktisch unmöglich gemacht wird. "Stellt euch nicht so an" scheint immer noch die einzige Botschaft zu sein, die man für (potenziell) Schwangere übrig hat.

Vielleicht hätte ich ein Kind bekommen, wenn ich durch einen "Unfall" schwanger geworden wäre. Aber da ich mich gewissenhaft um Verhütung kümmerte, ist das nie passiert. Schließlich war mir vom Zeitpunkt meiner ersten Menstruation an eingebläut worden, dass es zu meinen obersten Pflichten gehört, eine Schwangerschaft zu vermeiden. Niemand hat mich dazu beglückwünscht, dass ich nun die wunderbare Fähigkeit hatte, ein Kind auszutragen. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass ich nun zu der Sorte Menschen gehörte, die schwanger werden können, brachte mir handfeste Nachteile ein, zum Beispiel durfte ich nicht mehr zusammen mit den Jungs zelten, weil ja "etwas passieren" könnte. Nichts, so predigten meine Eltern, die Bravo und der Sexualkundeunterricht, ist für ein junges Mädchen so schlimm, wie schwanger zu werden.