Bis vor Kurzem dachte ich, es gebe, stark vereinfacht, zwei Formen der Verweigerung gegenüber den Anliegen der Geschlechterfreiheit: zum einen den altmodischen Glauben des heute fast schon unter Artenschutz gehörenden Gentlemans, dass nur die traditionelle Geschlechterordnung es ihm erlaube, jede Frau als eine Dame zu behandeln und ihr die Tür aufzuhalten. Diese altmodische Überzeugung ist genau genommen nicht Anti-, sondern nur A-Feminismus, weil die Gentlemanhaftigkeit notwendigerweise auch die Radikalfeministin als Dame miteinschließt, sonst wäre sie nicht gentlemanhaft.

Mein Großvater war von der Sorte. Er lebte im herrlichsten Frieden mit den zwei bis drei Radikalfeministinnen in seinem privaten Umfeld (ich gehörte nicht dazu; sie waren natürlich Amerikanerinnen), lud sie ein und war ihnen herzlich zugetan, während andererseits für ihn außer Frage stand, dass seine Frau keinen Führerschein machte, sondern auf seine Chauffeursdienste angewiesen blieb. Und zum anderen gab es den groben, unfreundlichen Antifeminismus der Machos, die sich in der Defensive fühlten und aus Schwäche, aus Egoismus, aus Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Mangel an Souveränität und Erziehung (nicht aus Mangel an Bildung!) misogyn waren oder wurden. Dieser Antifeminismus schien mir, so unausrottbar und unangenehm er auch sein mag, nie besonders interessant. Viel interessanter fand ich den A-Feminismus, weil er die Frauen zu Komplizinnen macht und historisch wahrscheinlich genauso wirkmächtig ist wie männlicher Narzissmus und Misogynie.

Ich dachte, gegen die Misogynie und gegen die offenkundige Ungerechtigkeit muss man politisch kämpfen, hier reicht es, Feminist oder Feministin zu sein. Die komplizierten Geschlechterverhältnisse hingegen, von denen nicht nur Männer, sondern auch Frauen profitieren oder unter denen auch Männer leiden, entziehen sich zunächst dem feministischen Aktivismus. Hier braucht es erst einmal Wissenschaft. Diese Verhältnisse muss man historisch und sozialwissenschaftlich analysieren, bevor man weiß, ob und in welche Richtung man sie verändern will. Wie gut, dass es die Gender Studies gibt, dachte ich, und wie schade eigentlich, dass zumindest in der Zeitgeschichte eher wenig Gebrauch von geschlechterwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden gemacht wird.

Nun verbreiten nicht erst seit gestern, aus Angst vor einem anderen Leben, alle möglichen Leute in den Medien ziemlich absurde Verschwörungstheorien, in denen die Gender Studies als Popanz der Begründung und Durchsetzung eines angeblichen "Staatsfeminismus" fungieren. Und auch nicht erst seit gestern werden Irrtümer, Probleme, Fehlentwicklungen, die es in den Gender Studies wie in allen Wissenschaften gibt, auf unfairste Weise dem Fach als Ganzes angelastet, um ihm die Existenzberechtigung abzusprechen. Das ist nicht schön, aber auch keine Katastrophe, so funktioniert eben die Medien- und Meinungsdemokratie.

Doch jetzt zeichnet sich eine neue Konstellation ab. Mit dem Evolutionsbiologen und Lehrstuhlinhaber Ulrich K. hat vor drei Wochen zum ersten Mal ein Naturwissenschaftler versucht, einen Aufschlag zu landen, indem er mit der Autorität und im Namen der Wissenschaft die Gender Studies als den Fakten der Biologie widersprechend, als unwissenschaftlich diffamierte. Sex sei für einen Biologen Fortpflanzung, ein Mann sei ein Mann, eine Frau sei eine Frau, und wer das nicht anerkenne, betreibe politische Ideologie. Ein Globalangriff von Wissenschaft gegen Wissenschaft. Medial ist der Fünf-Minuten-Skandal dieses Mannes, dessen persönliche Ressentiments allzu offenkundig unter dem evolutionsbiologischen Mäntelchen hervorlugten, beantwortet und erledigt. Aber nicht für die Wissenschaft. In der Wissenschaft herrscht Klärungsbedarf.

Die Gender Studies gehen von einigen Grundannahmen und Voraussetzungen aus, die ich hier einmal kurz aufzählen und zur Diskussion stellen will. Wen es langweilt, der möge die nächsten vier Absätze überspringen.

Erstens: Die Verhältnisse, in denen wir Menschen leben (vielleicht auch Delfine, Hunde und Schimpansen?), also auch die Geschlechterverhältnisse, also auch unsere geschlechtlichen Identitäten, also auch der Sex, sind sozial konstruiert, und das heißt nicht, dass Gene, Fortpflanzungsorgane, Hormone und sonstige Materialitäten keine Rolle spielen würden, sondern nur, dass sie alleine nichts zwangsläufig festlegen und erst durch sozialen Umgang für die geschlechtliche Identität, für den Sex und die Geschlechterverhältnisse relevant werden.