Der Patriarch sitzt mit Zigarre im Ledersessel und pafft. Es ist ruhig um ihn, alle haben still zu sein. Er lässt die Gedanken schweifen, sieht sich selbst als Genie und seine Töchter als verdünnten Wein an, was er ihnen auch sagt. Genüsslich zieht er den schweren Rauch ein und lässt ihn in die beruhigte Luft. So ist es gut, so soll es sein.

Im Palais Pringsheim, Arcisstraße 12 (heute Katharina-von-Bora-Straße 10), wuchs Katharina Hedwig Pringsheim als einzige Tochter des Breslauer Mathematikprofessors Alfred Pringsheim unter vier Brüdern heran. Katia war die erste Abiturientin Münchens, studierte Naturwissenschaften und Mathematik und wurde, gerade zwanzig, an einen Schriftsteller verheiratet, dem sie sechs Kinder und ein ganzes Leben schenkte.

Erst in der Lungenheilanstalt schrieb Katia Mann, geborene Pringsheim: "Ich habe hier soviel Zeit zum Nachdenken, und da denke ich doch manchmal, daß ich mein Leben nicht ganz richtig eingestellt habe, und daß es nicht gut war, es so ausschließlich auf Dich und die Kinder zu stellen." (Brief von Katia an Thomas Mann, 16. Juni 1920)

Katias Großmutter, die Schriftstellerin Hedwig Dohm, schrieb bereits 1874 den Essay Die wissenschaftliche Emancipation der Frauen. Zahlreiche Romane und Essaybände folgten, u.a. Die Antifeministen (1901) und Erziehung zum Stimmrecht der Frau (1909).

Hedwig Dohm ist meine Ur-Urgroßtante. Sie wuchs in einer Großfamilie mit 18 Kindern auf – ihr Vater, Gustav Adolph Schlesinger, war ein produktiver Zigarrenfabrikant. Hedwig litt sehr darunter, dass sie nicht studieren durfte, heiratete den Chefredakteur des Berliner Satiremagazins Kladderadatsch, veröffentlichte erste Schriften und war schließlich ein Leben lang publizistisch und literarisch produktiv.

Ihre Töchter, intelligent, bildschön und weltgewandt, wurden gut unter die Haube gebracht und blieben lebenslang im Hintergrund. Keine der drei Töchter, wie auch der Enkeltöchter Hedwig Dohms, wagte sich dauerhaft offensiv in die Öffentlichkeit. Erst mit den Urenkelinnen Erika und Elisabeth Mann-Borgese kam neuer publizistischer Wind auf. Eine Generationenfrage?

Hedwig Dohm beeinflusste mit ihren Schriften die Frauenbewegung bis in die 68er Jahre hinein. Meine Mutter erzählte mir immer wieder von ihr. Sie nahm ihre Urgroßtante als Vorbild und stärkte sich mit den Schriften den Rücken.

"Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn." (Die Antifeministen, 1901)

Lebenskampf gegen männliche Unterdrückung

Als 68erin, ganz Kind ihrer Generation, wehrte sich meine Mutter gegen die Verhältnisse der Zeit. Sie ging (im Gegensatz zu vielen westdeutschen Frauen, die von ihren Männern Arbeitsverbot bekamen) arbeiten, war politisch, schützte Bäume, Kröten und das Wattenmeer, setzte Gartenzwerge auf Gebäude, um die Spießigkeit der Gesellschaft zu enttarnen, malte und kämpfte ihr Leben lang gegen arrogante männliche Unterdrückung.

Das war als Kind nicht einfach durchzustehen. Bei uns war alles anders: laut, schrill, emanzipiert, ökologisch, bunt. Wir gehörten nie dazu. Meine Schwester und ich zogen uns verschüchtert zurück. Bis heute ist ein Teil dieser Verunsicherung geblieben. Meine Schwester knobelte stundenlang Logiktrainerhefte durch. Ich konzentrierte mich auf altägyptische Beerdigungsrituale, Kafka und das Sammeln von Scherzartikeln.

Die Machtkämpfe spielten sich jedoch nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene in Schule und Nachbarschaft ab, sondern vor allem in der Ehe meiner Eltern. Bald fanden sich alle neuen Bücher der Frauenbewegung in unserem Regal, inklusive dem sehr klugen Ratgeber Kreative Scheidung.

Der Feminismus polarisierte die Gesellschaft. Für die patriarchale Seite war er das neue Gespenst, das in Europa umging, für die weibliche Seite reine Befreiung. Männern, die es gewohnt waren, Frauen als Oberflächen zu beurteilen, graute vor dem unbändigen Auftreten der Feministinnen, ging es schließlich nicht darum, schön zu sein, sondern frei. Es war ein täglicher Territorialkampf und wir Kinder waren nicht nur mittendrin, wir trösteten auch den jeweiligen Elternteil. Wie es uns ging, hat niemand gefragt. Wir hatten keinen "ismus" zum Schutz und wurden, als Ausweg, Fantastinnen.