Amnesty International hat angekündigt, sich künftig weltweit für die Legalisierung von freiwilliger Prostitution einzusetzen. Die Meinungen dazu sind geteilt: Sehr gut, sagen Organisationen wie Human Rights Watch oder Unaids, denn ein Verbot schade mehr, als es nütze. Furchtbar, sagen Alice Schwarzer und Organisationen wie das Bündnis Koalition gegen Frauenhandel (CATW), jetzt hätten skrupellose Freier und Zuhälter einen Freibrief zur Ausbeutung von Frauen.

Amnesty International hat eine gute Entscheidung getroffen. Zunächst einmal hat die Organisation ihren Beschluss nach Beratungen und Gesprächen mit Sexarbeiterinnen aus verschiedenen Ländern gefasst. Das heißt, sie hat sich wirklich angehört, welche Bedürfnisse Frauen im Prostitutionsgewerbe haben, anstatt über ihren Kopf hinweg zu reden. Amnesty International hat beschlossen, zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Sexarbeit sorgfältig zu unterscheiden. Unter anderem deshalb, weil so erst Strukturen entstehen, die es erleichtern, Zwangsprostitution anzuzeigen und sichtbar zu machen, da die Opfer nicht mehr kriminalisiert werden.

Organisationen wie CATW streiten allerdings die Existenz freiwilliger Sexarbeit per Definition ab. Keine emanzipierte, richtige Frau würde freiwillig Sex gegen Geld haben. Dazu passt, dass CATW schrieb, Amnesty International würde mit der Entscheidung seinen guten Namen beschmutzen.     

Einvernehmlicher Sex gegen Geld sollte möglich sein

Da ist er wieder, der schmutzige Sex. Frauen, die mit vielen verschiedenen Männern Sex haben, sind unmoralisch. Und es begäbe sich doch keine freiwillig auf Schlampenniveau herab, das kann nur Zwang sein. Seltsamerweise ist genau diese Einteilung von Frauen in "Schlampen" und "anständige Mädchen" ein wichtiges Machtinstrument in patriarchalen Gesellschaften, um die Sexualität von Frauen zu kontrollieren. Es ist ein sexistisches Argument. Dass sich nun Organisationen für Frauenrechte seiner bedienen, ist wenig überzeugend und umso ärgerlicher. Wenn eine Frau Sex für Geld anbieten möchte, soll sie es tun. Und wenn nicht, muss sie die Möglichkeit haben, sich dagegen zu wehren, ohne moralisch und rechtlich dafür verurteilt zu werden. Dasselbe gilt für Freier: Kaufen sie wissentlich Sex von einer Zwangsprostituierten, sind sie Vergewaltiger und müssen bestraft werden. Aber einvernehmlicher Sex gegen Geld sollte möglich sein.

In der Tat wäre allen geholfen, wenn Sexarbeit nicht mehr als gesonderte Dienstleistung betrachtet würde, weil es, – oh Gott – um Geschlechtsverkehr geht. Wir leben in einem kapitalistischen System, und Menschen werden ständig dazu gezwungen, ihre Arbeitskraft, ihre Zeit und Gesundheit dem Geldverdienen zu unterwerfen. Ist es wirklich ein so großer Unterschied, ob jemand seinen Körper in der Altenpflege oder auf dem Bau kaputtarbeitet oder denselben Körper für sexuelle Handlungen zur Verfügung stellt? In welchem Jahrhundert leben wir, dass wir Sexualität noch immer mit anderen Maßstäben messen?