Was bisher geschah: Sigmar Gabriel, ehemals Volkshochschullehrer aus Goslar für die Fächer Deutsch und Politik, ist seit seinem 18. Lebensjahr Mitglied der SPD. Im Laufe der Zeit wird man in der Partei so dies und das. Alles in allem muss man zugestehen, wenn einer eine 1a-Karriere hingelegt hat, dann Sigmar Gabriel. Ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen. Nicht gewählt, sondern eingesprungen. Aber egal!

Anschließende Landtagswahl in Niedersachsen ein Desaster für die SPD. Jeder andere hätte geweint. Gabriel stand kerzengerade wie der Telemax – so heißt der Fernsehturm von Hannover – und hatte bereits die nächste Idee. In einer altehrwürdigen Institution wie der deutschen Sozialdemokratie das Amt des "Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs" zu schaffen und sich selbst mit 44 Jahren völlig ironiefrei an die Spitze dieser Bewegung zu setzen, erfordert persönliche Stabilität und Selbstbewusstsein im Umfang eines Sowjettraktors. Es war der Tag als Pop in Deutschland für immer starb. Wenn der Staat anfängt avantgardistische Bewegungen in Amt und Würden zu kleiden, sind sie dem Untergang geweiht. Der wichtigste Moment? Gabriels Statement zur allgemeinen Lage des Pop: "Die Trennung von Modern Talking war längst überfällig." Prompt bescheinigte ihm Bandmitglied Thomas Anders, der Brünette mit dem pinkfarbenen Lippenstift, in einem Gastbeitrag für eine große deutsche Tageszeitung, dass Gabriel allenfalls zum Flopbeauftragten tauge. Das Amt wurde aufgelöst.

Was war noch? März 2007. Eisbär Knut wird der Öffentlichkeit in einem Berliner Zoo vorgestellt. Knut avanciert innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling. Wenige Wochen später. Sigmar Gabriel und Angela Merkel in roten Windjacken auf Grönland. Teddybärkörper mollig eingehüllt. Klirrend kalte Kristallberge im Hintergrund. Gänsehaut. Eisbärenikonografie pur. Gabriel ist mittlerweile Minister für Umwelt und, Achtung, kein Wortspiel, Reaktorsicherheit. Er strahlt. Er versprüht Energie. Er kann jederzeit hochgehen. Sein wichtigster Moment? Die Glühbirne wird in Europa für immer abgeschaltet. Schwache Lichtkegel im Schein einer Energiesparlampe. Funzeligkeit für immer. Es ist auch sein Werk.

2009 Parteitag Dresden. Er ist nun Vorsitzender. Sein wichtigster Moment? Er hält eine glänzende Rede. Eine der besten, die in der Bundesrepublik je gehalten wurden. Es hat Rhythmus. Es ist der Bordstein des harten Goslaer Pflasters, der aus ihm spricht. Es ist ein Rap. Es ist Straße. "Wir dürfen uns nicht zurückziehen in die Vorstandsetagen, in die Sitzungsräume. Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch. Und das müssen wir ändern. Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben." Gottverdammtsoisses. Yeah!

Das war Gabriel, der Genosse der Ghettos. Aber es gibt noch einen anderen. Sigmar, der Sohn. Sein wichtigster Moment? 2013. Interview mit der ZEIT: "Mein Vater war Nazi." Gabriel erzählt wie er im Nachlass Insignien der nationalsozialistischen Besessenheit des Alten findet. Er räumt den Schrank auf. Vaters Bücher. Vaters Notizen. Es ist ein nachdenklicher, weicher Gabriel. Einer, der sich geniert für die Vergangenheit des Vaters. Er ist in der Zwischenzeit selber zum zweiten Mal Vater geworden. Marie heißt sein kleines Mädchen, das er künftig immer mittwochs von der Kita abholen möchte. Er verabschiedet sich in die Babypause. Wichtigster Moment? Füttern, wickeln, twittern.

Die SPD indes schrumpft. Wird kleiner. Gabriel sucht ein Thema. Schielt sehnsüchtig auf die Rechtspopulisten, die immer stärker werden. Aber auch widerlicher. Mittlerweile werden Flüchtlinge, Ausländer, Bürger mit Einwanderungsbiografie scham- und schonungslos beleidigt und gedemütigt. Gabriel, Sohn eines begeisterten Nazis, fährt zum Kaffeetrinken nach Dresden. Nicht etwa auf die Gegendemos. Sondern um Pegida zu trösten, sie ernst zu nehmen, ihnen vom rechten Rand hin zur besorgten, bürgerlichen Mitte hinüberzuhelfen. Als Privatmann, wie er betont.

Das war im Winter 2015. Die ersten Bilder aus Griechenland erreichen die deutschen Zeitungen. Mitten in Europa ist der Übergang von der Mietwohnung auf die Straße ein Katzensprung. Gabriel schreibt in der Bild-Zeitung im Ton eines autoritären Vaters, dass deutsche Familien nicht bereit seien, griechische Kommunisten durchzufüttern. Deutsche Familien versus griechische Kommunisten! Das ist Frühsommer 2015. Dann der Faustschlag. Ministerpräsident aus Schleswig-Holstein und Parteikollege Torsten Albig stellt einen Kanzlerkandidaten aus den eigenen Reihen, Gabriel wäre dran, infrage, weil niemand der Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, das Wasser reichen könne. Das klingt, als könne man die SPD vom Netz nehmen. Endgültig abschalten und die Suche nach einem Endlager beginnen. Das war der letzte Stand.

Mittlerweile hat sich das politische Leben in die Sommerpause verabschiedet, derweil Flüchtlinge von ihren langen Routen quer durch Europa in Deutschland ankommen. Die Stimmung ist grässlich. Nicht nur, dass Deutschland logistisch gerade kolossal versagt, wie die ausgedörrten und ausgehungerten Kinder, Frauen und Männer in brütender Hitze tagelang in Warteschlangen vor deutschen Behörden ausharrend zeigen, nein, Teile unserer sogenannten aufgeklärten Kulturnation benehmen sich bemerkenswert zivilisatorisch degeneriert. Hier und da fühlen sich Privatpersonen aufgefordert dem etwas entgegenzusetzen. Mit Kommentaren, mit Spenden, mit logistischer Unterstützung. Jeder so wie er kann. Unter anderem auch Til Schweiger. Er ist ein Mitglied des Film- und Fernsehbusiness. Sein Engagement ist wie das Engagement aller, die sich für Hilfesuchende einsetzen, uneingeschränkt nobel. Sigmar Gabriel trifft sich mit Til Schweiger in einer Bar, lässt ein Foto schießen und sendet es mit folgender Nachricht an die Öffentlichkeit:

Ernste Gesichter zu einem ernsten Thema. Wir haben Planungen für Flüchtlinge und gegen rechtsradikale Hetzer besprochen. Es war ein sehr intensives und gutes Gespräch.

Man schaut sich das Bild immer und immer wieder an. Sieht die Details, die T-Shirts, das bescheidene, stille Wasser in den Weingläsern, die von Hitze aufgequollenen Gesichter. Wäre da nicht das Restaurant, man könnte schwören, es handele sich um Grubenarbeiter aus dem Bergwerk, die gerade noch unter Tage waren. Das Foto ist perfekt. Zwei Männer. Braungebrannte, muskulöse Arme. Geheimnisvoller Blick. Sie werden gemeinsam mit ihren eigenen Händen eine Flüchtlingsunterkunft bauen. Aber der Text. Eine Katastrophe! Intensiv und gut. So sprechen doch nur Leute, die irgendwas mit diesem neuen Achtsamkeitsding am Hut haben. Leute, die sich diese Sexsendung auf ZDF anschauen und sich anschließend stundenlang "erfahren". Leute, die heilfasten und den ersten Tee mit ganz kleinen Schlucken genießen. Mensch Sigmar, will man rufen. Wer Straße ist, muss Straße reden. Intensiv und gut, nennt auch Truckerfahrer Günni Borske seinen ersten Besuch im Tantrakurs mit Gundula (Mobiles Nageldesign auf Rädern) aus Wuppertal. Intensiv und gut ist was für die labberigen Momente im Leben. Da wo es brodelt und stinkt kann es nie und nimmer intensiv und gut sein. Intensiv und gut, oh Gott! Mach, dass er wieder der Alte wird!