Der Wecker klingelt neben einem Brief, den ich am Abend zuvor mit einem hellvioletten Filzstift an mich selbst geschrieben habe. Darauf steht, dass ich mich mag, auf den Tag freue und alles gut wird. Eine Idee meines neuen Verhaltenstherapeuten. Ich drücke den Wecker mit verklebten Augen aus, sehe keinen Brief und sinke automatisch zurück ins Bett.

Um halb zwölf schaffe ich es für einen Moment, wach zu bleiben, öffne auf meinem iPhone die Facebook-App und schaue mir ein Video an, in dem ein Mann einem gestrandeten Hai mit einem Messer den Bauch aufschlitzt. Die Überschrift lautet: "Amazing! Man gives life to three unborn shark babies!"

Er schneidet ziemlich ungeschickt in dem festen, weißen, ledrigen Haifischfleisch herum, dann erkennt man unter einer schleimigen Membran Bewegungen. Er schnippelt vorsichtig weiter und zieht mit der bloßen Hand nacheinander drei Haibabys heraus, die er, als wären sie gefährlich, sofort von sich schleudert, ins Meer hinein. Die Kamera schwenkt kurz auf die Füße seiner Kumpanen und einen Cavalier Kings Charles Spaniel, der ungläubig die Szene betrachtet, aber keine Anstalten macht, den blutenden Fisch probieren zu wollen.

Nachdem ich nacheinander gecheckt habe, ob es neue Likes auf Instagram gibt (gibt es nicht, stellt das meine künstlerische Qualität infrage oder lediglich meine soziale?), mein E-Mail-Postfach geöffnet (keiner der Ex-Freunde hat geantwortet), einmal den Facebook-Stream von oben nach unten durchscrolle, bis mein rechter Daumen verkrampft, stehe ich endlich auf.

Meine Mitbewohnerin trägt heute eine transparente Nhu-Duong-Hose, kocht Buchweizenbrei in der Küche und bereitet sich auf ein diskursives Event über Butoh-Tänze und Hypnose vor.

Der Postbote klingelt und bringt eine Daunenjacke von eBay. Ich wundere mich, wie eine ganze Daunenjacke in so ein kleines Paket passen kann und hole schließlich eine 300 Euro teure stinkige Plastiktüte ohne ersichtliche Daunen und ohne Rückgaberecht hervor. Ich beginne zu zweifeln. Wer könnte daran schuld sein, außer mir selbst? Einfacher wäre es, die Dinge auf die Sterne zu schieben. Venus in Retrograde.

Ich sollte das Haus verlassen.

"Ich geh mal darüber zum Wasser", sagt der eine Penner.

Der andere verzieht das Gesicht. "Ach, die Suppe mit dem toten Fisch …"

Unschlüssig bleiben sie auf der anderen Seite des Paul-Lincke-Ufers stehen.

Seit Tagen schon riecht es nach Verwesung, und auf der Wasseroberfläche des Landwehrkanals treiben nicht nur einsame Plastikflaschen, sondern auch dicke Fische mit weißen Bäuchen nach oben.

"Das hab ich noch nie gesehen ... Kommt bestimmt von dem Brot, was die Touristen den Enten füttern."

Ich halte die Luft an und schiebe mich an den beiden vorbei. Das Kanalwasser wird eigentlich jede Nacht von einem Schiff gereinigt, welches frischen Sauerstoff ins Wasser pumpt.

Obwohl ich um 13 Uhr zum Kaffee mit einem Personal-Fitness-Trainer verabredet bin, gehe ich vorher in ein anderes Café, um mich mit der Welt zu verbinden. Ich bestelle einen Decaf-Latte mit Soja zum Mitnehmen. Das italienische Cappuccino-Mädchen lächelt mich an. "Hast du deine Haare geschnitten?" Ich nicke und atme einmal tief aus. Ich bin da. Sie hat mich erkannt.