"Ich will so ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris." Irmgard Keun hat uns von diesem Versprechen in Das kunstseidene Mädchen erzählt. Es ist die Geschichte der Doris, die von der mittelgroßen Stadt in die große Stadt zieht, weil sie ein Leben wie im Film haben will.

Irmgard Keuns Leben war tatsächlich wie ein Film. Handelsschule im Harz, Stenotypistin, Schauspielschule, ihr erster Roman 1931 ein Bestseller. All das zur falschen Zeit. Sie litt an den Verhältnissen, wurde 1936 ins Exil gezwungen und in Ostende mit Joseph Roth zur Trinkerin; sie lebte danach "eine provisorische Existenz", zielstrebig den Niedergang im Blick: Sie landete im Landeskrankenhaus Bonn und blieb nach ihrer Entlassung eine "arme, auf Spenden angewiesene Frau". Gabriele Kreis findet sie und schreibt ihre fulminante Biografie: "Was man glaubt, gibt es": "Irmgard Keun ist nicht mehr zu helfen. Ihre Tage enden und beginnen mit Cognac".

 

Tabea Blumenschein spielt sie 1979 in dem Film Bildnis einer Trinkerin von Ulrike Ottinger. Sie spielt Sie, eine der beiden Frauen. "Reich, exzentrisch, ihre Gefühle maskenhaft verbergend, trinkt sie sich bewusst zu Tode. Sie ist der Fall, der in der Statistik nicht erscheint, weil entweder zu Hause unter Valium gehalten oder unter Verschluss in einer Privatklinik. Die andere ist arm und trinkt sich unbewusst zu Tode. Sie erscheint in der normalen Statistik als Typ der haltlosen Trinkerin", erklärt Ottinger ihren konzeptuellen Film.

Weder das Bildnis einer Trinkerin noch Das kunstseidene Mädchen gehen gut aus – wer hätte das gedacht: "Wieder nichts. Doris hat immerhin fünf Pfund zugenommen. Sie packt – flüchtig-unvollständig – den Koffer und macht sich heimlich aus dem Staub. Doris ist wieder einmal auf gemeine Art allein. Wie weiter?"

Doris' beste Freundin heißt Tabea Blumenschein. Tabea wurde Teil der Gruppe Die Tödliche Doris. War Doris 1932 noch eine "schwache Frau im rauen Berlin", ist sie 1980 eine ruppige Tangotänzerin der Halbwelt. (Die Tänzerin Valeska Gert, 1892–1978, erzählte Tabea Blumenschein 1975 bei den Dreharbeiten zu Die Betörung der blauen Matrosen vom Apachentanz, dem "Brutaltango" der Zuhälter). Tabea und Doris dürfen doch wohl noch Apache tanzen heißt die erste Kassette der Gruppe. Das Cover des Tapes, der Gesang und der Text sind von Tabea Blumenschein. Die Lyrics zum Titel Privatparty sind in Blumenscheins Buch Das Kreuz der Erfahrung nachzulesen und in eine Zeichnung eingewoben: "Bewegen Sie sich nicht! Es wird scharf geschossen. Ein Callgirl wie eine Königin verlangt plötzlich Schweigegelder. Zu viele Ambitionen. Paradies oder Hölle. Dies ist eine Privatparty."

Das ist ein anderer Ton als bei Keun. Ähnlich sachlich, aber wilder, zackiger, kompromissloser. Okay, es ist der Westberliner Underground, Post-Punk, Geniale Dilletanten und nicht die Angestellten-Kultur der dreißiger Jahre kurz vor der Machtergreifung, aber auch diese Szene war von Männern dominiert. Tabea nimmt sich dennoch etwas raus, ihr Spielraum ist jetzt größer. Sie geht in verschiedene Richtungen: Illustration, Gesang, Schauspiel, Text, Maske, Kostüm, Regie, Mode, Bilder, Texte und Musik. Als Gesamtwerk betrachtet entsteht trotz der Vielfalt ihrer Arbeiten und der manischen Medienwechsel eine ganz spezifische Ästhetik.

Für die kurzzeitig erscheinende deutschsprachige Ausgabe von Andy Warhols Interview-Magazin zeichnete Tabea eine Modestrecke: "einarmige oder -beinige Modelle mit Hakenkreuzgürtel, Hammer- und Sichel-Tattoos und Irokesenhaarschnitt. Übergewichtige Models fuchteln auf ihren Modeentwürfen mit Fleischermessern herum, Männer mit X- und O-Beinen, fehlenden Gliedmaßen", schreibt Wolfgang Müller, Autor, Musiker und heute der Chronist dieser Szene in Subkultur West-Berlin 1979–1989.

Amy Winehouse in Blond

Zurück zu Tabea. Sie machte weiterhin Filme, Maske und Kostüm für Ulrike Ottinger, Herbert Achternbusch, Werner Nekes oder Walter Bockmayer. Entwarf Mode für Claudia Skoda, arbeitete am Theater und an ihren eigenen Zeichnungen, schrieb und tourte mit der Gruppe Die Tödliche Doris in Europa und Amerika.

Tabea war auch eine Erscheinung, ein Glanz. Amy Winehouse in Blond. Sie war der "Glamourstar der Westberliner Lesbenszene", schreibt Müller. "Ihre atemberaubende Schönheit steht in extremem Kontrast zu ihren akribisch ausgeführten Buntstiftzeichnungen, die voller Gewalttätigkeit stecken. Ihre Zeichnungen sind wirklich zauberhaft, wahnsinnig, viel schöner als übliche, klassische Modeskizzen. Sie sind Kunst, naiv und wahnsinnig zugleich."

Eine Martina Kippenberger würde gesellschaftlich schnell im Abseits landen, schreibt mir Wolfgang Müller, den ich schon seit Jahren kontaktieren wollte, um mehr über Tabea zu erfahren. "Dessen Provokation mit 'politisch unkorrekterem' Verhalten hat Tabea (leider) auch drauf – wird bei einer Künstlerin im Gegensatz zum Künstler aber kaum als Ausdruck ihres Genies betrachtet. Sondern pathologisiert mit Begriffen wie 'frustriert', 'hysterisch' etc. Und hat andere Konsequenzen als beim Künstler." "Was Männern, nennen wir sie nicht Hans, sondern an dieser Stelle mal Martin, einen Nimbus des Gefährlichen verleiht, ist Frauen nicht erlaubt", antworte ich.

Im Nachhinein kann man wohl sagen, Tabea Blumenscheins Position war gefährlich: provokativ, kompromisslos, eigenwillig, präzise, lustig, mit einem Hang zur Brutalität. Spätestens mit ihrem Film Zagarbata – von Christoph Dreher auf Super-8 gebannt – konterkarierte sie alle Erwartungen, schoss sie sich ins Aus.

When people try to find her she is often elsewhere.

Danach zog sich Tabea Blumenschein Anfang der neunziger Jahre fast völlig aus dem Kulturbetrieb zurück und verbrachte einige Jahre im Obdachlosenheim. Von dort aus verwischte sie ihre Spuren: "Sich unsichtbar machen dient hier zum Schutz gegen Feinde. Dazu ist keine Farbveränderung des Fells notwendig, sondern eine Ortsveränderung", heißt es in Doris und ihre Freundinnen in Die Tödliche Doris, Band 1. In Westberlin war sie folglich nicht mehr zu sehen. Sie malte und zeichnete irgendwo anders weiter. Ade Hauptstraße, hallo Hellersdorf.

Fortan schaute ich genauer hin, wenn ich obdachlose Frauen mit erhobenem Haupt und pompöser Frisur sah. "Wieder nichts. Doris hat immerhin fünf Pfund zugenommen. Sie packt – flüchtig-unvollständig – den Koffer und macht sich freiwillig heimlich aus dem Staube. Doris ist wieder einmal auf gemeine Art allein. Wie weiter?"

Mittlerweile wohnt sie zurückgezogen am Stadtrand von Berlin, so viel steht fest.

Eigentlich wollte ich sie immer schon mal aufsuchen, sie fragen, warum sie ins gesellschaftliche Aus geraten ist, ob sie immer schon ahnte, wie prekär ihre Lage ist? Wie groß das Risiko ist, eine wiedererkennbare Handschrift zu verweigern, alle Szenen und Codes zu verquirlen? Ob ihr daran gelegen ist, dass wir uns an ihre Arbeit erinnern? Dass wir auf der Suche nach Rollenmodellen sind? Ob sie immer schon wusste, dass die Konsequenzen für Männer und Frauen im Kunstsystem andere sind?

Ähnliche Fragen stellt sich auch Stephanie Müller alias rag*treasure, eine Münchner Künstlerin. Sie hat kürzlich einen öffentlichen Brief an die von ihr verehrte Tabea Blumenschein verfasst. Die Schreibmaschine gab schnell den Geist auf, es wurde dann doch ein handschriftlicher Text. Das selbst genähte, an das rote ikonische Trinkerinnen-Kostüm erinnernde Kleid, das sie trug, während sie schrieb, hat sie dem Brief beigelegt und das Paket dann in einer kleinen Prozession zum Briefkasten gebracht. Es kam ungeöffnet zurück.

"Ich habe es am anderen Ende der Stadt in der Retourstelle abgeholt, und auf meinem langen Weg in der U-Bahn habe ich aus dem Bauch heraus meinen zweiten Kontaktversuch formuliert. Vielleicht öffnet Tabea Blumenschein keine Pakete von Menschen, die sie nicht kennt. Vielleicht habe ich es mit einem kleinen Brief leichter, weil es nicht so überfallsartig kommt. Ich habe den zweiten Versuch für Dich eingescannt und angehängt. Mal sehen, ob er bei ihr bleibt", schrieb sie mir.

Das Briefgeheimnis bleibt heilig und Tabea schweigt. Irmgard Keun, die uneheliche Mutter von Doris, ebenfalls. An die Idee, auf interessante Weise arm zu sein, an ein glamourös gescheitertes Leben wie es Cookie Mueller vorlebte, glauben wir schon lange nicht mehr. Rollenmodelle für glanzvolles Scheitern gibt es nicht. "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so an", weiß Doris hinterher.

Bis zum 22. August läuft die Ausstellung "Wie wenn am Feiertage / If we took a holiday" von und über Tabea Blumenschein, Kerstin Drechsel and Nancy Jones in der Zwinger Galerie in Berlin. Am 22. August um 18 Uhr ist Tabea Blumenschein dort im Gespräch mit Ulrike Ottinger.