Man liest und denkt, das ist sicher ein Übersetzungsfehler, oder? Taliban sprechen was? Paschtu? Und der IS? Verwenden neben der universellen Bildsprache bei Hinrichtungen als Amtssprache doch Arabisch mit englischer Untertitelung. Es ist nämlich so. Die Taliban sollen ein Hinrichtungsvideo des IS gesehen und sich dabei sehr erschrocken haben. Sie fanden es:

Brutal und entsetzlich.

Außerdem, so die weitere Stellungnahme der Taliban-Islamisten, sei es höchst inakzeptabel, dass "unverantwortliche, ignorante Individuen", gemeint sind die IS-Islamisten, "unter dem Deckmantel des Islams brutale Aktionen" durchführen.

Wer da nicht steif und senkrecht nach hinten umkippt, den haut in diesem Leben gar nichts mehr um!

Zum Hintergrund. Der IS dringt zunehmend in die Islamische Republik Afghanistan ein. Feind Nummer eins ist die afghanische Regierung. Feind Nummer zwei sind die Taliban. Einst riefen die Taliban das Islamische Emirat Afghanistan aus und nahmen weite Teile des Landes ein. Ihre Massaker an der Zivilbevölkerung sind bekannt und belegt. Sie gehören keinem einheitlichen Block an, sondern sind vielmehr ein Sammelbecken für verschiedene Strömungen. Al-Kaida ist eine dieser Gruppen. Das Emirat gibt es seit 2001 nicht mehr.  

Aber die Taliban. Sie haben keine Strukturen, wie man sie aus Staaten kennt. Sie sind vielmehr wie eine straff geführte Organisation mit Herrschern und Nachfolgern und den daraus resultierenden Rivalitäten. Doch nach außen funktionieren sie beispielhaft. Es geht ihnen kurz gesagt darum, dass kein demokratisch gewähltes Parlament das Land regiert, sondern sie selbst. Inspirationsquelle der Taliban ist die Religion Islam. Irgendwie basteln sie sich daraus die Idee einer Nation mit Verordnungen, die im Wesentlichen aus Verboten bestehen. Überall da, wo viele Verbote herrschen, muss man die Einhaltung der Verbote überwachen. Das ist sehr kompliziert und mit den Regeln des Verstandes kaum zu begreifen.  


Der Islam ist wie alle Religionen ein System, das erfunden wurde, um die menschliche Natur zu domestizieren und ein gesellschaftliches Leben zu ermöglichen. Damit es funktioniert, sind darin selber Regeln und Sanktionen enthalten. Man kann sie einhalten oder ignorieren. Es ist wie mit der Bibel. Wenn eine Frau ihren Kopf nicht bedecken will, darf sie trotzdem noch Christin sein. Und wer Andersgläubige nicht mit der Todesstrafe behelligen mag, darf am Sonntag trotzdem noch in den Kölner Dom und das Mündchen fürs Abendmahl aufsperren. Religionen leben von Belastung und Entlastung. Da, wo ein Verbot formuliert wird, ist ein paar Stellen später auch wieder eine Verordnung, die wie ein Exit den Ausweg aus der Situation ermöglicht. Man darf töten, man soll sogar töten, aber eigentlich darf man nicht töten und soll lieben. Ein aufgeklärter Geist kann mit den Widersprüchen jedweder Religionen umgehen. Eine simple Natur schafft den Widerspruch beiseite und lebt lustvoll das Dogma. 

Die logische Konsequenz daraus ist, dass man dafür töten muss. Die Taliban übersehen wie alle Radikalen den Exit. Einfach in die Moschee gehen, beten und abends noch vorm Kiosk abhängen, Musik hören, flirten, den lieben Gott einen schnurrbärtigen, kiffenden Propheten sein lassen, ist nichts für Dogmatiker. Wer Demokratie und Gleichberechtigung wählen will, soll den Finger abgehackt bekommen. Wer als Frau Lebenslust verspürt und auf der Straße Pirouetten drehen und den Rock im Wind wehen lassen will, hat mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wobei die gewählte Regierung in Afghanistan auch nicht gerade zimperlich ist, was Frauenrechte betrifft.

Es ist ein kompliziertes Land. Es aus der Ferne zu beschreiben und zu beurteilen ist schwierig. Wie immer, wenn man außen vor ist, macht man sich ein Bild der Lage, das wenig Abstufungen kennt. Doch was die Taliban betrifft, kann man ohne Grautöne sagen, dass sie verantwortlich sind für eine Reihe von Scheußlichkeiten, die man sich nur so erklären kann, dass es sich bei den Tätern vielmals um ehemalige Kriegsveteranen und Flüchtlinge handelt. Der Krieg macht aus Brüdern Feinde. Aus Vätern Mörder. Aus Mitmenschen Bestien. Das muss man sich mal vorstellen: Die Taliban haben vor lauter Grausamkeit und Tötungsstress Burn-out! Der Psychiater Nader Alemi berichtete der BBC, wie in seiner Klinik in Masar-i-Scharif die depressiven Taliban weinend zusammenbrechen. Wie anschließend die Angehörigen der Taliban, ihre Frauen und Töchter kommen, und ebenfalls um Hilfe bitten. Eine Gesellschaft, die  müde ist vom Töten. Statt den Finger vom Abzug zu nehmen, machen sie weiter. Bis heute.

Man liest jedenfalls die Meldung der Taliban, die die Hinrichtungen an Afghanen durch den IS verurteilen und denkt, das kann doch nicht wahr sein. Jetzt kommt eine Organisation, die exakt das Gleiche macht wie die Taliban: Die zerstört und bombt. Die Menschen lyncht. Die Territorien beherrscht. Die ein Sammelbecken für ehemalige, abtrünnige und neue Dschihadisten ist. Die alberne Fahnen hisst. Die eine saudumme Gruppe ist, die nicht die Eier besitzt zu sagen, wir machen das alles einfach, weil wir das so wollen, sondern sich auf irgendeine Schrift stützt, die sie vielmals sogar zu dumm ist zu entziffern. Die ein Haufen traumatisierter Jungs ist. Traumatisiert von den Strapazen des Terrorcamps in Pakistan. Traumatisiert von den Strapazen des Jugendzentrums in Dinslaken. Traumatisiert durch das, was wir einfach das ganz normale Scheißleben nennen. Und auf einmal handelt es sich bei den mordenden Konkurrenten vom IS um brutale und entsetzliche Menschen, die den Islam missbrauchen? Und was seid ihr Taliban? Tanzt ihr neuerdings eurythmisch den Namen irgendeines Mudschaheddin im Mohnfeld südlich von Kandahar?

Die Welt ist im wahren Sinne des Wortes verrückt. Wow!