"Ich verrat dir mal was." In der Großmut liegt etwas Herablassendes. Ihr Gegenüber soll sich herabgesetzt fühlen, wird zum Dummchen erklärt. Die Lektion ist trivial. Was sie zu verraten verspricht, ist zu offenkundig, als dass ihr Gegenstand als Geheimnis gelten könnte. Wer von Verrat spricht, kommt nicht umhin, auch vom Geheimnis zu reden. Zwei Wörter, zwei deutsche Sonderwege im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne. Im Verrat und im Geheimnis steckt etwas Abwegiges der deutschen Sprache und Geschichte.

Das Verraten, althochdeutsch firratan, bedeutete, einen Entschluss zu jemandes Verderben zu fassen. Erst später kam die engere Bedeutung in Verkehr, dass dies durch Preisgabe von Geheimnissen geschehe. Der Verrat fand im frühen 16. Jahrhundert in die deutsche Sprache. Die Grimms umschreiben es als "Verkündung von etwas zu Verschweigendem". Das Geheimnis fand fast zeitgleich wie das Verraten in den deutschen Sprachgebrauch. Wir verdanken es Martin Luthers Bibelübersetzung, die das altgriechische Mysterium ins Deutsche heimholt. Selbst die Brüder Grimm sind sich unschlüssig darüber, ob Luther das Wort selbst gebildet oder nur zuerst so angewandt hat.

Immanuel Kant unterschied zwischen Geheimnissen der Natur (arcana) und der Politik (secreta). Darüber hinaus gibt es seit jeher so etwas wie fachkundliche Betriebsgeheimnisse oder die Folklore von Geheimgesellschaften.

Keine Geheimnisse zu haben ist keine Schutzbehauptung aus dem Neuland des Internets. Tatsächlich gibt es gute Gründe, mit Schillers Braut von Messina, also seit über zweihundert Jahren an der Idee des Geheimnisses selbst zu zweifeln: Sie wissen alles! Hier / Ist kein Geheimnis mehr. In das Geheimnis ist das Offenkundige werksseitig mit eingebaut. Fachlich, amtlich oder theologisch wird es durch Weitergabe, Einweihung oder Offenbarung überliefert.

Die Idee der Überlieferung, der Weitergabe, mithin der Tradition weitet den Blick auf den Sachverhalt, den es zu ergründen gilt. Hier hilft der Umweg über die lateinische Sprache weiter, die das Übergeben, das Überliefern, das Anvertrauen, aber auch das Preisgeben und den Verrat in einer Wortwurzel zusammenfasst: in tradere (transdare).

Wo und wie nun schlägt das Gute der Tradition ins Böse des Verrats um? Offenkundig kommen wir nicht umhin, in den Konflikt zwischen Gut und Böse die Frage danach einzubeziehen, wie und mit welchen Konsequenzen neues Wissen in die Welt gelangt und welche Folgen es hat, wenn eine Tradition an ein Ende gelangt oder mit neuen Traditionen in Konflikt gerät. Zuletzt konnte diese Frage am Beispiel der westdeutschen DDR-Forschung beleuchtet werden. Über Nacht wurde sie de facto obsolet und buchstäblich gegenstandslos. 

Neue Traditionen

Im Konflikt zwischen dem Bundesamt für Verfassungsschutz und den Autoren von netzpolitik.org kommen weitere Fragen ins Spiel: Was muss der Staat wissen? Was darf der Staat wissen? Was geht ihn nichts an?

Offenkundig beachten die Sicherheitsdienste die ihnen durch Verfassungsnormen und Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts gesetzten Grenzen nicht. Sie wollen nach Stand der neuesten Technik alles wissen und erklären das, wie sie und was sie so zu Tage fördern, umstandslos zum Staatsgeheimnis. Sie stellen sich damit in die Tradition des deutschen Obrigkeitsstaats und verwechseln ihr Amt mit dem Gemeinwohl, das es zu schützen gilt.

Die Autoren von Netzpolitik dagegen operieren nach Maßgabe neuer Traditionen. Die Normen der neuen Tradition entsprechen dem zivilgesellschaftlichen Verständnis der neuen Technologien und ihrer verantwortlichen Nutzung. Sie entwickeln die Normen weiter, wie sich die Gesellschaft über sich selbst informiert. Sie stehen und handeln damit in der Tradition der im Grundgesetz niedergelegten Grundrechte. Die Tradition, in der das Bundesamt für Verfassungsschutz handelt, verrät dagegen Geist und Wortlaut der Verfassung. Sie verrät die Verfassung, die sie zu schützen beauftragt ist.

Damit gelangen wir zu der Frage, wie der Staat selbst zum Geheimnis wird beziehungsweise sich dazu erklärt. Denn darum geht es. Ohne Geheimnis gibt es keinen Verrat, schon gar keinen Landesverrat. In der letzten Presseerklärung des gefeuerten Generalbundesanwalts nimmt der Konflikt an Dramatik noch zu. Jetzt verwehrte sich Harald Range gegen Eingriffe der Politik in die unabhängige Justiz und stellt sich damit selbst in die Tradition der Verfassungswerte, gegen die sein Ermittlungsverfahren gegen Netzpolitik und andere verstößt.

Harald Kohlhaas Range wollte es wissen. Die Tragödie, die mit ihm endlich auf die Bühne gelangt war, wirft die Frage auf, wie sich das Land selbst verraten kann. Von der Antwort darauf hängt zu viel ab, als dass wir sie der Politik oder den Sicherheitsdiensten überlassen dürfen.