Ein Broker an der New Yorker Börse © Spencer Platt/Getty Images

Das Leben im Spätkapitalismus ist nicht unbedingt das glücklichste, wie wir gerade überall auf der Welt beobachten. Könnte es sein, dass unser Wirtschaftssystem auf einer grundsätzlich falschen Annahme über den Menschen basiert? Dass es nämlich diesen sogenannten Homo Oeconomicus gar nicht gibt? Diese These vertritt Tania Singer. Sie ist Psychologin und Professorin für Soziale Neurowissenschaften, leitet das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und war die erste Lehrstuhlinhaberin für Neuroökonomie in Zürich. Sie ist aber vor allem eine der wichtigsten säkularen Ethikerinnen unserer Zeit. Ihre gesamte Arbeit ist auf das Ziel ausgerichtet, dass wir Menschen unser Mitgefühl aktivieren, damit unser Alltag, aber auch die Weltwirtschaft und die internationale Politik stärker von prosozialem Verhalten bestimmt werden können.   

Um diesem Ziel näherzukommen, hat sie das ReSource Projekt ins Leben gerufen, das weltweit größte Forschungsprojekt seiner Art, das mittels Plastizitätsforschung des Gehirns wissenschaftliche Grundlagen für Meditations- und andere mentale Trainingsmethoden erarbeitet, mit denen wir unsere unterschiedlichen mentalen und emotionalen Fähigkeiten, also auch Mitgefühl und altruistisches Handeln, üben können.   

Und das ist keineswegs weichgespülte Esoterik. Tania Singer pendelt zwischen Meditationskissen und dem World Economic Forum in Davos, zwischen Treffen mit dem Dalai Lama und den Top-Investmentbankern dieser Welt. Da sie nicht nur auf Prävention setzt, sondern auch bestehende Strukturen verändern will, ist dieser immense Spagat notwendig. So konfrontiert sie die Hochfinanz mit ihrer Forschung und stellt seit vielen Jahrzehnten in der Ökonomie vorherrschende Theorien infrage: "Das Modell des homo oeconomicus ist veraltet und vereinfacht", sagt Tania Singer. "Vorherrschende ökonomische Modelle basieren nicht auf einem realistischen Bild vom Menschen."   

Lieber Rumpsteak als Brokkoli

In dem ökonomischen Modell agieren wir als egoistische Wesen, die nur daran interessiert sind, unseren eigenen Nutzen zu optimieren. Wir handeln und entscheiden uns rational und haben stabile und kontextunabhängige Präferenzen (Sommer wie Winter, mit und ohne Magengeschwür oder Gammelfleischskandal gilt: einmal lieber Rumpsteak als Brokkoli, immer lieber Rumpsteak als Brokkoli). "Das Modell kennt die Idee verschiedener menschlicher Motive nicht, die je nach Kontext unterschiedlich stark aktiviert werden können. Es geht davon aus, dass uns vor allem die Gewinnmaximierung von Geld motiviert, und das war's", sagt Singer.   

Dass wir Menschen aber weder stabil in unseren Präferenzen noch frei von Widersprüchen sind (Investmentbanker, die mit Nahrungsmitteln spekulieren, können gleichzeitig liebevolle Väter sein), das wissen die Psychologen seit jeher. Dass wir zudem unsere Präferenzen verändern können, dass also aus einem egoistisch ein altruistisch handelnder Mensch werden kann, hat Singer in ihren Trainingsstudien mit Erwachsenen nun auch naturwissenschaftlich belegt. Weil wir zum Beispiel alle mit einem, in unserer Biologie verankerten, "care-System" ausgestattet sind, können wir auch über Bindung, Zugehörigkeit, Reziprozität und Liebe zu altruistischem Handeln gebracht werden.   

Als ob wir es nicht geahnt hätten: Wir sind komplexer, widersprüchlicher und wandelbarer als der homo oeconomicus. An dieser Tatsache können die Schulen der Ökonomie, die immer noch mit dem veralteten Menschenbild rechnen, nicht mehr vorbeikommen, wenn sie weiterhin als Wissenschaft und nicht als Glaubenssystem wahrgenommen werden möchten.   

Dass dieses Menschenbild eine Reduktion der Wahrheit ist, wussten und wissen die meisten Ökonomen natürlich, sagt Singer. Da Ökonomen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte jedoch verschrieben hatten, Märkte mathematisch zu modellieren, war es zunächst einmal notwendig, einfache Funktionen zu formulieren, die mathematisch traktierbar waren. Dieses vereinfachte Modell zog dann in die Lehrbücher und nach und nach in unser Bewusstsein, bis es in allen Zweigen der Gesellschaft verbreitet war. Grundlegend hinterfragt und verfeinert wurde es bis zum heutigen Tag nicht. Ein frappierendes Versäumnis. Und der Grund, warum der homo oeconomicus weiterhin den Ton angibt.